Kasseler leitete eine Erstaufnahmeeinrichtung

Erfahrungen eines Heimleiters: "Ehrliche Flüchtlinge sind die Dummen"

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Die Verabschiedung: Beim Sommerfest in der Unterkunft, bei dem auch Gießens Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich anwesend war, wurde Hans Werner Patzki am Donnerstag verabschiedet. Die Kinder und deren Zukunft waren ihm ein besonderes Anliegen.

Kassel. Flüchtlinge, die ehrlich sind und ihre Ausweispapiere nicht wegwerfen, sind letztendlich die Dummen, weil sie eher abgeschoben werden können.

Das ist nur eine Erkenntnis, die Hans Werner Patzki, Oberst a.D. der Bundeswehr, in den vergangenen zwei Jahren gewonnen hat. Patzki (69) leitete die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen in Niederzwehren.

In diesem Zeitraum war Patzki, der am Donnerstag seinen letzten Arbeitstag in der Unterkunft hatte, für rund 5000 Flüchtlinge zuständig. In den Hochzeiten der Flüchtlingswelle lebten hier 500 Bewohner, aktuell noch 89.

Er habe mit 80 Prozent dieser Menschen gesprochen, sagt Patzki. In den Gesprächen sei herausgekommen, dass viele es nicht nachvollziehen können, dass das Verhalten der Flüchtlinge so gut wie keine Auswirkung auf ihr Asylverfahren in Deutschland habe. Junge Straftäter, die keinerlei Respekt vor der deutschen Polizei und Gerichten hätten, könnten zum Teil hierbleiben. Hingegen würden Familien, die den Willen zur Integration bewiesen, abgeschoben. „Das ist eine Schwäche unseres Systems.“ Zudem gebe es keine Sanktionen für Menschen, die sich nicht an die Hausordnung in den Unterkünften hielten.

Patzki bezeichnet es auch als Fehler, dass Flüchtlinge in Deutschland, die den ganzen Tag nichts tun, weil sie keine Arbeitserlaubnis haben, mehr Geld als in ihrer Heimat zur Verfügung haben. Das sei ein falsches Signal. „Es muss für jeden verpflichtend sein, etwas für sein Geld zu tun.“

Zudem müsse man davon ausgehen, dass der Großteil der Flüchtlinge, die anerkannt werden, künftig von Transferleistungen abhängig seien. „Das Gros ist ungebildet. Mehr als die Hälfte wird nicht in unserem Arbeitsmarkt ankommen.“

Mit viel Herz und klaren Regeln

Verabschiedung von Patzki nach zwei Jahren

Das schönste Erlebnis, das Hans Werner Patzki als Leiter der Erstaufnahmeeinríchtung für Flüchtlinge in Niederzwehren hatte, war ein Konzert im Rahmen des Kultursommers Nordhessen im vergangenen Jahr. Da sangen muslimische Kinder aus der Unterkunft ein jüdisches Lied in einer christlichen Kirche in Wolfhagen. „Das war ein Gänsehaut-Moment für mich“, sagt der 69-jährige Oberst a.D. „Wenn das funktioniert, dann haben wir etwas nicht falsch gemacht.“

Fast zwei Jahre lang hat der Pensionär die Unterkunft geleitet. Mit viel Herz, aber auch klaren Regeln. Am Donnerstag wurde er bei einem Sommerfest mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft in der Einrichtung an der Frankfurter Straße verabschiedet. Wir haben mit Patzki, der an Bundeswehr-Auslandseinsätzen in Afghanistan, im Kosovo und in Bosnien beteiligt war, über seine Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe gesprochen.

Das Büro

In seinem Büro hängt ein afghanischer Umhang, ein sandfarbener Chapan, den er vor elf Jahren bei einem Einsatz am Hindukusch von dem früheren Präsidenten Hamid Karzai bekommen hat. In dieser Farbe könne man den Umhang in Afghanistan nicht kaufen, sondern er werde nur von Personen in Führungspositionen getragen, sagt Patzki. Wenn Flüchtlinge aus Afghanistan den Chapan in seinem Büro gesehen hätten, sei für sie sofort klar gewesen, dass er sich in ihrem Land auskenne.

Zudem hat der Oberst a.D einen Koran auf seinem Schreibtisch liegen. „Das ist für Moslems ein Signal, der kennt mich oder mein Umfeld.“ Patzki hat sich viele Stellen im Koran markiert. Einem Bewohner, der gestohlen hatte, zeigte er die Passage im Koran, wo steht, dass man das Eigentum des anderen zu ehren hat.

Die Flüchtlinge

In den Jahren 2015/2016, als in der Unterkunft fast 500 Menschen lebten, waren das hauptsächlich Syrer, Iraker, Iraner und Afghanen. Derzeit leben hier noch 89 Menschen, die Hälfte aus Ostafrika (Äthiopien, Eritrea, Somalia). Laut Patzki handelt es sich bei den meisten nicht um Bootsflüchtlinge, sondern um Menschen, die über Jahre illegal in Italien gelebt haben und jetzt nach Deutschland gekommen sind.

Der Unterschied

Patzki unterscheidet zwischen drei Kategorien von Flüchtlingen: den Dankbaren, den Fordernden und denen, die die deutschen Gesetze ignorieren. Zu den Dankbaren zählt er viele Familien aus den Kriegsgebieten Syrien, Afghanistan und Iran, die Schutz suchten. Jene, die immer wieder versuchten, sich in die Gemeinschaft einzubringen. Unter den Fordernden würden sich viele alleinreisende Männer aus Ostafrika befinden. Das Smartphone sei Standard, der vernetzte Flüchtling halte Verbindung nach Hause, zu Landsleuten weltweit und zu einer Rechtsanwaltskanzlei. Dafür besitze kaum einer Identitätspapiere. Der Flüchtling wisse, dass er eine Registrierung auf dem Weg nach Deutschland vermeiden müsse und was er zu sagen habe, um Asyl zu bekommen. „Nur der Dumme und Ahnungslose sagt die Wahrheit. Denn Armut, Arbeitsuche, medizinische Versorgung oder einfach nur ein besseres Leben sind keine Anerkennungsgründe.“

Nordafrikanische Männer gehörten oft zu der Gruppe, die sich um Recht und Gesetz nicht schert, sagt Patzki. Die Erstaufnahme in Niederzwehren sei die erste Unterkunft gewesen, wo es Ein- und Ausgangskontrollen gegeben hat. Dadurch seien Alibis von nordafrikanischen Straftätern geplatzt, die behaupteten, sich in der Einrichtung und nicht am Tatort aufgehalten zu haben.

Die Integration

„Die Integration beginnt in der Erstaunahme, wo sich die Menschen vier Wochen bis sieben Monate aufhalten“, sagt Patzki. Er habe deshalb darauf Wert gelegt, dass alle Flüchtlinge an eigentlich freiwilligen Veranstaltungen, wie zum Beispiel Rechts- oder Wertevermittlungsunterricht teilnehmen.

Die Schule

In der Erstaufnahme gibt es eigentlich keinen Unterricht für Kinder. Eines Tages kam eine junge Mutter aus der afghanischen Stadt Kundus zu ihm, so Patzki, und hakte nach, warum es hier keine Schule gebe. In Kundus habe er schließlich auch drei bauen lassen. Das sei für ihn der erste Anstoß gewesen, in der Unterkunft eine Quasi-Schule einzurichten. Dort werden Kinder von Lehramtsstudenten der Uni Kassel unterrichtet – ein deutschlandweit einmaliges Projekt.

Der Leiter

Als Leiter einer Erstaufnahmeeinrichtung sei er gleichzeitig Großfamilienvater und Firmenchef, Richter und Seelsorger, Wegweiser und Kontrolleur, Organisator, Schlichter oder einfach nur Zuhörer für Bewohner und Dienstleister gewesen, sagt Patzki. „Dafür habe ich von Bewohnern viel Dankbarkeit bekommen, man hat mir Vertrauen geschenkt. Seine Frau habe zuweilen gefragt, wer denn seine richtige Familie sei, die ans Herz gewachsenen Flüchtlinge oder die Lieben daheim?

Mit einigen Flüchtlingen werde er weiter in Kontakt bleiben. Viele Menschen, die er betreut habe, freuten sich, wenn sie ihn heute in der Stadt treffen würden. „Sogar die Spitzbuben.“ Einen jungen Algerier, der inzwischen untergetaucht ist, habe er kürzlich auf dem Königsplatz gesehen. Der habe ihn mit „Hallo, Chef“ begrüßt, bevor er wieder schnell verschwunden sei. „Das sind so Momente, wo ich denke, Du hast vieles richtig gemacht“, sagt Patzki.

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