Deportation vor 100 Jahren

Erinnerung an Gefangenenlager in Niederzwehren: 1300 Belgier verschleppt 

Das Gefangenenlager im Winter mit Wachmannschaften: Die Lage auf dem Keilsberg war bei Kälte und Niederschlägen problematisch. Foto:  Strauss/Sammlung Matthäus

Kassel. 100 Jahre ist es her, dass fast 1300 Belgier aus ihrer Heimat in ein Kriegsgefangenenlager nach Niederzwehren als Zwangsarbeiter deportiert wurden.

In Belgien wurde jetzt dieser Zivilisten gedacht – eine Delegation aus Kassel war dabei. Die Menschen wurden damals in dem Kriegsgefangenenlager auf dem Keilsberg eingesperrt. Ursprünglich war das Lager für 15.000 Gefangene geplant worden, doch im August 1918 gab es dort bereits 38.000 Menschen. 

Es war am 27. November 1916 um 14.30 Uhr. 1299 Männer im Alter von 17 bis 55 Jahren mussten im belgischen Bahnhof Franière (Gemeinde Floreffe, Provinz Namur) in einen Zug steigen. Mit diesem wurden sie in Richtung Deutschland, ins 400 Kilometer entfernte Kassel gebracht. „Ihren Familien entrissen, fuhren sie weg am Anfang eines der kältesten Winter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, sagte André Bodson, Bürgermeister der belgischen Gemeinde Floreffe, anlässlich des Gedenktages, zu dem kürzlich auch eine Delegation aus Kassel nach Belgien gereist war.

Insgesamt waren etwa 61.000 Belgier im Ersten Weltkrieg von Zwangsmaßnahmen der Deutschen betroffen, sagt Jutta Arbter, Referentin von Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Die knapp 1300 Belgier, die vor 100 Jahren gezwungen wurden, für Handwerksbetriebe und Bauern in Kassel und Umgebung zu arbeiten, wurden in dem Kriegsgefangenenlager auf dem Keilsberg in Niederzwehren untergebracht.

Dieses Lager wäre fast in Vergessenheit geraten: Dem Kasseler Historiker Wolfgang Matthäus ist es zu verdanken, dass das Lager wieder ins Gedächtnis der Stadt gerufen wird. Er hat mit Schülern der Geschichtswerkstatt der Albert-Schweizer-Schule umfangreich zum Ersten Weltkrieg in Kassel geforscht und die Ergebnisse in dem Buch „Heimatfront“ veröffentlicht. Matthäus regte an, auf dem Langen Feld eine große Gedenktafel mit Bildern und Texten zu dem Gefangenenlager aufzustellen.

Aus fünf Ländern

Im kommenden Frühjahr soll die Tafel bei einer großen Veranstaltung mit Vertretern aus Russland, Polen, Frankreich, Großbritannien und Belgien offiziell eingeweiht werden. Denn aus all diesen Ländern befanden sich Gefangene unter den Zwangsarbeitern.

Erinnerung an das Gefangenenlager auf dem Langen Feld: Eine Spaziergängerin schaut sich die Gedenktafeln neben den Soldatenfriedhöfen an, die der Historiker Wolfgang Matthäus mit Schülern der Geschichtswerkstatt der Albert-Schweizer-Schule erarbeitet hat. Foto:  Schachtschneider

Ursprünglich war das Lager im Jahr 1915 für 15.000 Gefangene geplant worden. Aber bereits im August 1918 befanden sich 38 000 Menschen in dem Lager auf dem Langen Feld.

Wolfgang Matthäus und die Schüler der Geschichtswerkstatt haben auf den beiden Tafeln das Schicksal dieser Menschen und das Leid, das ihnen vor 100 Jahren in Kassel widerfahren ist, knapp und eindrucksvoll beschrieben. Die Thyphusepidemie von 1915 (Hintergrund unten) haben die knapp 1300 verschleppten Belgier, die am 27. November 1916 nach Niederzwehren gebracht wurden, nicht mehr mitbekommen. Allerdings starben 26 der belgischen Männer dennoch im Lager oder wenig später an den Folgen ihrer Gefangenschaft.

Im Lager grassierte der Typhus

Der bauliche Zustand, die Versorgung mit Wasser und die sanitären Verhältnisse in dem Lager waren vollkommen unzureichend. Fäkalien wurden einfach auf den benachbarten Feldern entsorgt, die Ausstattung mit medizinischem Personal war mangelhaft. „Ein etwa eingeschleppter Flecktyphus fand den denkbar günstigsten Boden zu seiner uneingeschränkten Weiterverbreitung“, schrieb 1915 ein Arzt. Seit Februar 1915 breitete sich die Krankheit, die von Läusen übertragen wird, in dem Lager aus. Immer mehr Menschen starben an dem Fleckthyphus, im Mai 1915 erreichte die Epidemie mit teilweise über 300 Neuerkrankungen pro Tag ihren Höhepunkt.

Die Zahl der Opfer ließ sich laut Wolfgang Matthäus nie genau ermitteln. Die Zahlen schwanken zwischen 1280 Toten nach deutschen und mehr als 3000 Toten nach ausländischen Angaben. Die Toten wurden auf dem „Englischen Friedhof“ und „Russischen Friedhof“, die am südlichen Rand des Lagers angelegt wurden, bestattet. Neben den Friedhöfen wurde die Gedenktafel an das Lager, das erst 1921 aufgelöst wurde, aufgestellt.

„Stehen zur Geschichte“

Zu dem Gedenktag nach Belgien reiste Ende November auch eine Delegation aus Kassel, darunter Hauptamtsleiter Manfred Merz, Jutta Arbter, Referentin von Oberbürgermeister Bertram Hilgen, und der ehrenamtliche Stadtrat Hajo Schuy (SPD). Aus zwei Gründen habe er das gemacht, sagt Schuy. „Wir stehen zu unserer Geschichte und wir haben Konsequenzen daraus gezogen, indem wir weiterhin an einem friedlichen und sozial gerechten Europa arbeiten.“ (use)

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