Lieber teilen statt Tonne

Foodsharing in Kassel: Aktivisten retten Lebensmittel vor der Mülltonne

Überschüssige Lebensmittel: Jeden Mittwoch ab 18.30 Uhr werden diese im „Fachbeschäft für Interaktion“ in der Frankfurter Straße 60 verteilt. Kathrin Hirt (links) und Britta Clausen zeigen einen Teil der Backwaren, die sie bei einer Kasseler Bäckerei abholten. Foto: Kiepe

Kassel. Brote, belegte Brötchen und Plundertaschen: Nach Ladenschluss ist die Auslage einer Bäckerei an der Friedrich-Ebert-Straße noch gut gefüllt.

„Vor fünf Minuten wurden die Backwaren noch verkauft, jetzt gehören sie eigentlich in den Müll“, sagt Kathrin Hirt (26). Gemeinsam mit Britta Clausen (27), ebenfalls Studentin, packt sie nun fast 30 Kilogramm Backwaren in Taschen und Kartons.

Viermal in der Woche holen die beiden oder andere Kasseler „Foodsharer“ die überschüssigen Backwaren dieser Bäckerei ab. Foodsharer sind Menschen, die Lebensmittel vor der Mülltonne retten und verteilen, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Laut einer Studie werden in Deutschland jedes Jahr 11 Millionen Tonnen Lebensmittel von Industrie, Handel, Großverbrauchern und Privathaushalten entsorgt.

Foodsharing.de heißt die bundesweite Online-Plattform, über die die Aktivitäten der Lebensmittelretter koordiniert werden. Regelmäßig suchen die rund 30 Kasseler Foodsharer Lebensmittelläden auf und sammeln überschüssige Waren ein. „Wir sprechen gezielt Einzelhändler an, ob sie mit uns kooperieren wollen“, erklärt Berit Ostrander. Die 25-jährige Studentin koordiniert seit vergangenem November die Aktivitäten der Foodsharer in Kassel.

„Seit Januar haben wir weit über eine halbe Tonne Lebensmittel in Kassel gerettet“, sagt Kathrin Hirt. Mittwochs ab 18.30 Uhr werden diese Lebensmittel im „Fachbeschäft für Interaktion“ (FBI) in der Frankfurter Straße 60 verteilt. Jeder kann sich an der reichlich vorhandenen Tiefkühlkost, dem Tofu, dem Gemüse und den Backwaren bedienen. Die Kulturinitiative FBI ist dann gut gefüllt. Bei Livemusik drängten sich zuletzt rund 40 Personen, viele Studenten, Flüchtlinge und andere Bedürftige sind dabei.

Gemeinsam wird gekocht, die Flüchtlinge aus Eritrea und Somalia lernen Deutsch. „Das FBI fungiert als Verteiler, den wir Fair-Teiler nennen“, erklärt Berit Ostrander, also als Übergabeort für die Lebensmittel. Auch das Café Schnäppchen des Diakonischen Werkes an der Hermannstraße erhält Lebensmittel, sagt die Studentin: „Künftig wollen wir auch mit einem Flüchtlingsheim zusammenarbeiten. Außerdem gibt es die Idee, in der Uni einen Kühlschrank aufzustellen.“

Keine Konkurrenz für Tafel 

Hans-Joachim Noll, Vorsitzender der Kasseler Tafel, sieht Foodsharing nicht als Konkurrenz an. „Solange die Tafel Bedürftige regelmäßig mit ausreichend Lebensmitteln versorgen kann und die Lebensmittelstandards eingehalten werden, kenne ich keine Konkurrenz im sozialen Bereich“, sagt der Vorsitzende. An Backwaren mangele es der Tafel nicht, so Noll.

Das nächste Team-Treffen der Foodsharer findet am Montag, 13. April, ab 20 Uhr im FBI, Frankfurter Straße 60, statt. Mittwochs ab 18.30 Uhr und freitags ab 15 Uhr kann jeder dort vorbeikommen und Lebensmittel mitnehmen.

Von Lukas Kiepe

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