Mit Butt zum Grimm-Pokal

Hanauerin gewann Märchen-Erzählwettbewerb mit dem „Fischer und seiner Frau“

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Märchenfrauen im Wettstreit: In der Matthäuskirche (von links) Erika Knauf aus Niederzwehren, Marielle Sylwasschy aus Steinau an der Straße sowie die Gewinnerin es Wanderpokals, Sybille Schulze aus Hanau.

Niederzwehren. Den modischen Begriff „Poetry Slam“, der literarische Vortragswettbewerbe bezeichnet, hatten Jacob und Wilhelm Grimm noch nicht in ihrem Deutschen Wörterbuch notiert.

Ihre vielgeliebten Kinder- und Hausmärchen waren am Wochenende bei den Niederzwehrener Märchentagen Gegenstand eines Wettstreits dreier Märchenfrauen aus den Grimm-Städten Kassel, Hanau und Steinau. Den Wanderpokal, der dabei erstmals vergeben wurde, nahm am Ende die Hanauerin Sybille Schulze mit nach Hause.

Verlierer gab es dabei aber nicht. Das Publikum in der Matthäuskirche lauschte fasziniert, mit welch unterschiedlicher Akzentuierung sich der Grimm’sche Märchenschatz erzählen lässt. „Jeder kennt die Märchen ja in etwas anderer Form“, sagte Dr. Werner Neusel, der als Vorsitzender der Brüder-Grimm-Gesellschaft durch den Abend führte.

Eine fachkundige Jury hatte die schwere Aufgabe, den Vortrag der drei Märchenfrauen Sybille Schulze (Hanau), Marielle Sylwasschy (Steinau) und Erika Knauf aus Niederzwehren nach Kriterien wie Stimme, Spannung, Gestik und dergleichen zu bewerten. Zwischen der Zweit- und Drittplatzierten wurde am Ende keine Abstufung gemacht.

Das Votum beziehe „sich nicht auf die Lebensleistung“ der drei Damen, sondern nur auf den Eindruck beim Vortragsabend, betonte Benjamin Schäfer, Geschäftsführer der Deutschen Märchenstraße. Weitere Preisrichter waren Susanne Völker, die Leiterin der künftigen Grimm-Welt, am Weinberg, sowie Gertrud Pierson-Coordes, eine Nachfahrin von Dorothea Viehmann, der wichtigsten Märchen-Zuträgerin der Grimms aus Niederzwehren.

Begonnen hatte der Märchenreigen mit den „zertanzten Schuhen“, mit warmer Stimme und einnehmender Gestik vorgetragen von Marielle Sylwasschy, die als Gästeführerin in Steinau an der Straße tätig ist. Alle Teilnehmerinnen hatten sich auf je drei Märchen vorbereitet. Welches sie vorzutragen hatten, erfuhren sie erst kurz vor Beginn des Wettbewerbs.

Es folgte das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Sibylle Schulze begann die Geschichte vom Butt in der See, der Wünsche erfüllen kann, zunächst recht verhalten, gewann aber zusehends an Sicherheit und Ausdruckskraft, als sie das Grimm’sche Lehrstück über Maßlosigkeit und deren ernüchterndes Ende eindringlich ausschmückte. Die gebürtige Dessauerin (69) lebt seit 1995 in Hanau, wo sie im Märchen-Erzählkreis vor allem mit Kindern arbeitet.

Erika Knauf, die im Niederzwehrener Heimatverein die Dorothea Viehmann verkörpert, trug routiniert und bilderstark „Die drei Federn“ vor, musste ihrer Vorrednerin am Ende aber den Gewinn des Wanderpokals lassen. Die sichtlich gerührte Sibylle Schulze bedankte sich mit einer mitreißend ulkigen und begeistert beklatschten Zugabe: dem „Rotkäppchen“ in der Mundart ihrer sachsen-anhaltinischen Geburtsstadt.

Von Axel Schwarz

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