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„Vergessener Ort in Kassel“: Internierungslager in Niederzwehren für Sinti und Roma

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Von: Bastian Ludwig

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Foto aus der Nachkriegszeit: Dieses Luftbild des Internierungslagers in Kassel-Niederzwehren für Sinti und Roma entstand 1956. Oben ist die Ziegelei zu sehen, im Vordergrund die Reste der Holzbaracken des ursprünglichen Lagers, die zu dem Zeitpunkt größtenteils abgerissen waren. Links oben im Bild die Steinbaracken, die nach dem Krieg für Obdachlose gebaut wurden.
Foto aus der Nachkriegszeit: Dieses Luftbild des Internierungslagers in Kassel-Niederzwehren für Sinti und Roma entstand 1956. Oben ist die Ziegelei zu sehen, im Vordergrund die Reste der Holzbaracken des ursprünglichen Lagers, die zu dem Zeitpunkt größtenteils abgerissen waren. Links oben im Bild die Steinbaracken, die nach dem Krieg für Obdachlose gebaut wurden. © Stadtarchiv Kassel/Hamburger Aero-Lloyd

Wo heute ein dichter Wald steht, gab es bis in die Nachkriegszeit ein Internierungslager für Sinti und Roma. Wir blicken auf die Geschichte des Ortes in Kassel-Niederzwehren.

Kassel – Als Carsten Huhn vor einem Jahr auf ein Grundstück an der Wartekuppe in Kassel zog, wusste er nicht, dass an diesem Ort so viel Leid geschehen ist, und er gleichzeitig so viel mit seiner eigenen Lebensweise zu tun hat. Stück für Stück setzt der 50-Jährige nun ein Puzzle zu einem Internierungslager zusammen, das 1937 von den Nazis für Sinti und Roma eingerichtet wurde. Dabei bittet er um Hinweise von möglicherweise noch lebenden Zeitzeugen oder deren Nachkommen.

Huhn ist der Kopf der „Circuswagenwelt“. Sein Betrieb saniert und baut Zirkus- und Bauwagen – er selbst lebt seit 20 Jahren in einem solchen. Vor einem Jahr erwarb der Kasseler das Grundstück in Niederzwehren, um dort sein neues Domizil zu beziehen. Damals wusste er noch nicht, wie geschichtsträchtig der Ort ist. Erst auf seinem 50. Geburtstag erzählte ihm ein Freund von dem sogenannten „Zigeunerlager“, das sich neben seinem Grundstück erstreckte.

Forscht zur Geschichte des Internierungslagers für Sinti und Roma in Kassel: Carsten Huhn von der „Circuswagenwelt“ an der Wartekuppe in Kassel-Niederzwehren.
Forscht zur Geschichte des Internierungslagers für Sinti und Roma in Kassel: Carsten Huhn von der „Circuswagenwelt“ an der Wartekuppe in Kassel-Niederzwehren. © Bastian Ludwig

Kassel: Carsten Huhn will mehr über das Internierungslager für Sinti und Roma herausfinden

Der Zirkuswagenexperte wollte sofort mehr erfahren. Bis vor etwa 20 Jahren hatte er sich viel mit Konzentrationslagern befasst, etliche besucht – auch in Osteuropa – und mit Überlebenden sprechen können. Zudem sei ihm die Lebensweise der Sinti und Roma sehr nahe durch sein Leben im Wagen. „Auch wenn ich hier natürlich heute freiwillig stehe und es zum Glück keinen Stacheldraht außen herum mehr gibt.“

Bei seiner Recherche musste Huhn feststellen, dass die Geschichte des Lagers noch unterbelichtet ist. Anders als etwa das große Kriegsgefangenenlager am benachbarten Keilsberg, wo Tausende Soldaten eingesperrt waren, sei das Holzbarackenlager an der Wartekuppe weitestgehend unbekannt. Es gibt nur wenige Fotos und Karten im Stadtarchiv.

Kassel: Internierungslager für Sinti und Roma wurde 1937 von den Nationalsozialisten eingerichtet

Es war 1937 von den Nationalsozialisten eingerichtet worden und bereits im ersten Jahr hatten diese dort 200 Sinti und Roma in 39 Wohnwagen interniert. Diese durften das Lager, das ab 1938 von der Polizei bewacht wurde, nur zur Arbeit verlassen. Die Zustände waren schlecht. Schon bald beschwerte sich der damalige Kasseler Oberbürgermeister Gustav Lahmeyer (NSDAP) beim Regierungspräsidenten über die weiteren Zuweisungen von „Zigeunern“ aus dem Umland nach Kassel.

Die Zahl der Sinti und Roma im Lager sank in der Folge rasant. 1940 waren sie ganz verschwunden. „Wohin sie kamen, ist nicht in allen Fällen geklärt“, sagt Huhn. Kasseler Historiker, die sich mit der Geschichte befasst haben, fanden Belege zu Deportationen – unter anderem ins KZ Buchenwald. Damit war das Lager aber nicht aufgelöst. Ab 1940 wurden dort zunächst verschleppte Zwangsarbeiter – etwa für den Waggonbauer Credé – und Kriegsgefangene interniert. Für die mehr als 200 Russen, Italiener, Holländer und Griechen standen insgesamt sieben Holzbaracken zur Verfügung, die sich direkt hinter der dortigen Ziegelei erstreckten.

Kassel: Internierungslager Wartekuppe - auch Juden wurden hier eingesperrt

Ab 1942 änderte sich die Nutzung abermals. Nun wurden im Lager Wartekuppe auch Juden eingesperrt. Es gab eine „Judenbaracke“, die etwas abseits stand und die durch einen weiteren Zaun zusätzlich gesichert war. Dahinter wohnten Jüdinnen und Juden, die in „Mischehen“ lebten, oder einen jüdischen Elternteil hatten. Im Gedenkbuch „Namen und Schicksale der Juden Kassels 1933-1945“ werden 50 jüdische Häftlinge genannt, die später von der Wartekuppe deportiert wurden.

Haus des Ziegeleibesitzers in Kassel-Niederzwehren kurz nach dem Krieg.
Haus des Ziegeleibesitzers in Kassel-Niederzwehren kurz nach dem Krieg: Links daneben ist ein Wachturm des Lagers zu sehen. © Privat

Mit dem Einmarsch der Amerikaner wurde das Lager von diesen weitergenutzt. Von 1945 bis 1947 wurden dort 800 deutsche Soldaten untergebracht, die von Polen bewacht wurden. Für diesen Zweck wurde auch ein Wachturm neben dem Wohnhaus des damaligen Ziegeleibesitzers errichtet. Ab 1947 bis 1948 dienten die Baracken als politisches Internierungslager für NSDAP-Mitglieder.

Kassel: Nach dem Krieg wurden auf dem Grundstück Obdachlose einquartiert

„Man sollte ja meinen, dass es dann vorbei war, aber auch anschließend gab es eine Verwendung“, so Huhn. Nun wurden Obdachlose dort einquartiert. Wegen derer großen Zahl ließ die Stadt ein neues Barackenlager gleich nebenan errichten. Fünf Steinbaracken entstanden auf dem benachbarten Areal des heutigen Kinderzirkus Zirkutopia. Diese wurden bis in die 70er-Jahre genutzt.

Während die Holzbaracken verschwunden sind und das Areal von Wald überwachsen ist, wurde eine der Nachkriegsbaracken vom Zirkus umgenutzt. Huhn würde sich wünschen, dass eine Gedenktafel an die wechselvolle Lagergeschichte erinnert. (Bastian Ludwig)

Kontakt: Wer Informationen zu dem Lager hat, kann sich an Carsten Huhn wenden. Alle Kontakte finden sich auf der Internetseite circuswagenwelt.de oder 05543/585310 (wird auf das Mobiltelefon umgeleitet).

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