Klaus Bertram fühlt sich im Verkehr unsicher

Mit 61 Jahren: Kasseler gibt Führerschein freiwillig ab - „Zu viele Egoisten am Steuer“

Hat seinen Führerschein freiwillig abgegeben: Klaus Bertram aus Niederzwehren hat sich nach 35 Jahren als Autofahrer von seiner Fahrerlaubnis getrennt.
+
Hat seinen Führerschein freiwillig abgegeben: Klaus Bertram aus Niederzwehren hat sich nach 35 Jahren als Autofahrer von seiner Fahrerlaubnis getrennt.

Klaus Bertram hat seinen Führerschein Ende November bei der Führerscheinstelle der Stadt Kassel abgegeben. Die dortige Mitarbeiterin hatte ihn nur ungläubig angesehen.

  • In Kassel verblüfft ein Mann Mitarbeiter bei der Führscheinstelle.
  • Er gibt seinen Führerschein freiwillig ab, obwohl er erst 61 Jahre alt ist.
  • Klaus Bertram hat sich seine Entscheidung gründlich überlegt.

Kassel - Als Klaus Bertram Ende November seinen Führerschein bei der Führerscheinstelle der Stadt Kassel abgab, sah ihn die dortige Mitarbeiterin ungläubig an. „Sie fragte mich mehrfach, ob ich mir ganz sicher sei“, erzählt der 61-jährige Kasseler.

Die Dame sei so perplex gewesen, weil normalerweise Männer in seinem Alter den Führerschein nur unfreiwillig bei ihr abgeben würden. Bertram war sich indes ganz sicher bei seiner Entscheidung. Er lebt nun seit zwei Monaten ohne Fahrerlaubnis.

„Ich habe den Schritt nicht bereut“, erzählt der Mann, der nach 37 Jahren bei VW im vergangenen Jahr in den Vorruhestand gegangen ist. Am Anfang habe er eigentlich nur gezögert, weil er nicht wusste, wie er künftig seine Getränkekisten in seine Wohnung in Niederzwehren bekommen sollte. Aber diese Sorge sei unbegründet gewesen. „Da gibt es Bringdienste“, sagt der alleinlebende Mann.

Mann aus Kassel hat seinen Führerschein im Jahr 1986 gemacht

Bertram hatte seinen Führerschein 1986 gemacht. 35 Jahre war er mit dem Auto unterwegs – regelmäßig pendelte er zu seinem Arbeitgeber in Baunatal, aber auch Urlaube in Österreich und anderswo hat er mit dem Auto bewältigt. Zuletzt fuhr er einen VW Polo. Eine große Leidenschaft für das Automobil hatte er trotz seines Arbeitsplatzes im Getriebebau nie. Aber wieso wollte er sich plötzlich nicht mehr hinter das Steuer setzen?

„Ich war dem Verkehr nicht mehr gewachsen. Da gibt es zu viele Egoisten am Steuer“, sagt er. Oft habe er beispielsweise erlebt, wie ihm andere Autofahrer einen Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hätten, obwohl er schon eine ganze Weile vor der frei werdenden Parklücke gewartet habe. Und auch sonst sei das Klima auf der Straße rauer geworden. „Es gibt zu viel Raserei. Da wollte ich nicht irgendwann dazwischengeraten.“ In 35 Jahren habe er zwar nur einen einzigen Unfall gehabt, der zudem Jahrzehnte zurückliege, aber dies habe ihm auch gereicht.

Auto-Verkehr in Kassel: Bertrams Leben ohne Führerschein kommt auch der Umwelt zugute

Bertram aus Kassel hat in den vergangenen zwei Monaten erlebt, wie mobil man mit dem Nahverkehr ist. Er nutzt die „Nordhessenkarte 60plus“ vom NVV. „Dafür zahle ich 62,50 Euro pro Monat und komme überall hin, wohin ich muss“, sagt Bertram. Bis zur Bushaltestelle sind es von seiner Wohnung in Niederzwehren nur drei Minuten, bis zur Straßenbahn braucht er zehn Minuten. Er sei zufrieden mit dem Angebot des ÖPNV in Kassel.

Sein Leben ohne Führerschein sei zudem nicht nur günstiger, so Bertram, sondern schone auch noch die Umwelt.

Er findet es schade, dass NVV und KVG keine Tauschaktion – wie andere Verkehrsverbünde – anbieten, bei der freiwillige Führerscheinabgaben mit einer kostenlosen Jahreskarte belohnt werden. „Das würde sicher noch mehr Menschen zum Wechsel bewegen, die sich im Autoverkehr unsicher fühlen“, sagt Bertram. Aber auch so wolle er andere Menschen ermuntern, es ihm gleichzutun. (Bastian Ludwig)

Auto-Verkehr in Kassel: Führerschein haben jetzt ein Ablaufdatum

Autofahrer aufgepasst: Millionen Führerscheine werden in Deutschland bald ungültig. Hier erfahren Sie, wann Sie Ihren Führerschein gegen einen neuen tauschen müssen. Im öffentlichen Nahverkehr gilt seit Samstag (23.01.2021) eine Pflicht zum Tragen einer medizinischen Maske. Die hessischen Verkehrsverbünde NVV und RMV verschenken deshalb OP- und FFP2-Masken an ihre Kunden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.