Anklage fordert lebenslänglich

Mordprozess am Landgericht Kassel: Nach Tat ab in den Flirt-Chat-Room

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Prozess vor dem Landgericht: Der 42-jährige Angeklagte muss sich wegen des Mordes an einer 74-Jährigen Rentnerin in Niederzwehren verantworten.

Kassel. Fest steht das tragische Ergebnis am Ende eines gemeinsamen Abendessens: Da lag die 74-jährige Frau – sehr vermögend, aktiv, lebenslustig – tot in ihrer Wohnung in Niederzwehren.

Doch für den Hergang des Dramas lieferten Anklage und Verteidigung am Dienstag vor der 6. Strafkammer des Landgerichtes recht unterschiedliche Versionen. Staatsanwältin Kleine-Kraneburg erkannte auf Mord aus Habgier und forderte lebenslange Haft. Ihrer Auffassung nach hat sich am Pfingstmontag 2016 Folgendes abgespielt:

Der 42-jährige Angeklagte kannte das spätere Opfer als ehemalige Nachbarin seiner Eltern und als sehr wohlhabend. Er sah Licht in der Wohnung und klingelte spontan mit der Hoffnung auf einen Gartenjob. Der Kasseler war völlig pleite, hatte gerade seine Arbeit verloren und konnte die Mai-Miete nicht bezahlen.

Die Seniorin empfing ihn freundlich, bat ihn zum Abendessen, spendierte eine Fassbrause, alles sehr harmonisch. Eine Stunde später wollte der Mann gehen, die Frau bat ihn noch zu bleiben und holte eine zweite Brause.

Als sie zurückkam, so die Staatsanwältin, habe die Stimmung eine fatale Wendung genommen. Möglicherweise habe die Frau ihren Gast bei einem Diebstahlversuch ertappt. Im Flur kam es zu einem Handgemenge, beide stürzten zu Boden, die Frau rief um Hilfe, der Mann drückte ihr mit der Hand Mund und Nase zu. Als die Frau still war, habe er ein Kissen aus dem Wohnzimmer geholt und ihr Gesicht hineingedrückt, bis sie tot war, sagte die Staatsanwältin.

Die blutigen Hände wusch er sich im Bad. Vermutlich habe er 180 Euro gestohlen, die Wohnung durchsucht, die EC-Karte eingesteckt und später weggeworfen. In einer Tankstelle habe er Getränke gekauft und dann daheim in einem Internet-Flirt-Room mit einer neuen Bekanntschaft gechattet.

Das Opfer trug Frakturen der Rippen und im Beckenbereich, blutende Gesichtsverletzungen und schwere Hämatome davon.

Verteidiger Jan Hörmann stützte sich in seiner Darstellung des Geschehens auf die Aussage seines Mandanten, der zu keinem Zeitpunkt die Absicht gehabt habe, Ursula B. zu berauben oder gar zu töten. Kurz vor dem Abschied habe er sie um ein Darlehen gebeten, was sie ebenso wie den Gärtnerjob abgelehnt habe. Sie habe seinen Mandanten am Arm gefasst, er habe sich heftig umgedreht, beide seien zu Boden gestürzt. Um die Hilferufe zu unterdrücken, habe er der Frau Mund und Nase zugehalten.

Später habe er aus dem Wohnzimmer ein Kissen geholt, um den Kopf der Frau, die da schon nicht mehr atmete bequemer zu betten. Das alles tue ihm schrecklich leid, sagte der Angeklagte gestern, der den Plädoyers mit verschränkten Armen und hochrotem Gesicht gefolgt war.

Sein Verteidiger erkannte in dem Geschehen eine Körperverletzung mit Todesfolge, die mit Haft zwischen drei und 15 Jahren bedroht ist. Ein Strafmaß forderte er nicht.

Emotionaler Moment: Sohn wendet sich an Angeklagten

In der Prozessordnung ist eine Äußerung von Nebenklägern während der Schlussvorträge nicht vorgesehen. Doch in einem emotional stark berührenden Moment ließ Richter Volker Mütze es gestern zu, dass sich der Sohn von Ursula B. direkt an den Angeklagten wandte.

„Ich verspüre Trauer und Wut über den sinnlosen Tod meiner Mutter“, sagte der Mann. Seine Kinder fragten ständig nach „Oma Kassel“ und warum ihre „Süßigkeiten-Oma“ nicht mehr da sei.

Er bekomme die „unfassbar grausamen Bilder“ von seiner toten Mutter einfach nicht aus der Erinnerung, sagte der Sohn. Während der Tat habe der Angeklagte nur noch den Gedanken gehabt, wie er unbehelligt aus der Situation herauskommen könnte. Deshalb habe seine Mutter sterben müssen.

Dank seiner Verdrängungsstrategie, so der Sohn, habe der Angeklagte in seinem Kopf eine eigene Geschichte des Geschehens entstehen lassen, in der er selbst eher Opfer als Täter sei.

Er aber wünsche dem Angeklagten kein Selbstmitleid, sondern dass er die Verantwortung für seine Tat übernehme.

Hintergrund: „Uneingeschränkt schuldfähig“

Am vorletzten Verhandlungstag im Mordprozess vor dem Landgericht hatte die Psychiaterin Birgit von Hecker ihr Gutachten über den Angeklagten vorgestellt. Darin kommt die Leiterin der forensischen Psychiatrie der Klinik in Merxhausen zu dem Ergebnis, dass der 42-Jährige uneingeschränkt schuldfähig ist. Auch habe er während der Tat weder unter dem Einfluss von Alkohol noch dem von Drogen gestanden.

Der Mann habe sich eine „Verdrängungsstrategie antrainiert“, um die Verantwortung für das eigene Tun und Lassen zu verschleiern. Die Realität habe er oft in „Vogel-Strauß-Manier“ ausgeblendet.

Sie gab auch Einblicke in das Leben des gebürtigen Nordhessen, dessen Familie finanziell nie auf Rosen gebettet war. Ein Schlüsselerlebnis war wohl die Entführung des damals Fünfjährigen durch einen älteren Jugendlichen, der ihn stundenlang misshandelt habe.

Mit den beiden erfolgreichen Geschwistern konnte der Realschüler nie mithalten. Beziehungen zu Frauen hielten stets nicht lange. Noch mit 27 lebte er bei den Eltern, die oft in und um Kassel umzogen.

Die Entscheidung der 6. Strafkammer will Richter Volker Mütze am kommenden Montag, 28. August, ab 11.30 Uhr in Saal D 130 des Landgerichts verkünden.

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