Zweifel an baulichem Zustand - Sozialamt zieht vorsorglich die Reißleine

Obdachlose müssen aus Notunterkunft in Niederzwehren ausziehen

Soll in den kommenden Wochen geschlossen werden: Sobald für alle Obdachlose in der Unterkunft an der Frankfurter Straße 316 eine neue Bleibe gefunden ist, will die Stadt das Fachwerkhaus nicht länger nutzen.
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Soll in den kommenden Wochen geschlossen werden: Sobald für alle Obdachlose in der Unterkunft an der Frankfurter Straße 316 eine neue Bleibe gefunden ist, will die Stadt das Fachwerkhaus nicht länger nutzen.

Noch im Sommer war die Stimmung der Anwohner am Rande des Niederzwehrener Märchenviertels alles andere als märchenhaft. Grund dafür war eine Obdachlosenunterkunft in einem Fachwerkhaus an der Frankfurter Straße 316. Nun wird die Notunterkunft wieder geschlossen.

Kassel - Offenbar gibt es Zweifel daran, dass das alte Gebäude die Brandschutzvorgaben erfüllt. Dieses war bereits im Oktober 2019 von der Stadt als Unterbringungsmöglichkeit für bis zu 25 Männer angemietet worden. In der Folge hatte es viele Konflikte mit der Nachbarschaft gegeben.

Bedrohungen, Belästigung, Beschädigungen, Müll und Lärm: Die Liste der Vorwürfe aus der Nachbarschaft gegenüber den Bewohnern der Obdachlosenunterkunft ist lang. Nach einem ersten HNA-Bericht im Juli und mehrerer Interventionen des Sozialamtes, bei denen 13 besonders auffällige Bewohner ausquartiert wurden, fand nun ein Runder Tisch statt. Bei diesem Treffen war neben Nachbarn, Behördenvertretern und dem Eigentümer auch Bürgermeisterin Ilona Friedrich (SPD) anwesend.

Sie habe sich zum ersten Mal ein umfassendes Bild von der Situation machen können, so Friedrich. Klar sei schon im Vorfeld des Gesprächs gewesen, dass die aktuelle Belegung von 19 Personen nicht auf die ursprünglich geplante Kapazität von 25 Plätzen erhöht werden sollte. Zudem hätten dreimal wöchentlich unangemeldete Besuche von der Fachstelle Wohnen in dem Gebäude stattgefunden und es seien Videokameras installiert worden. „In der Folge habe der Hauseigentümer einzelnen Personen Hausverbote erteilt“, sagt Friedrich.

Tatsächlich hatte sich die Lage über den Sommer beruhigt, bestätigen auch Nachbar Fritz Wimmer und weitere Anwohner. Es sei wichtig, dass die Stadt auch solchen Menschen ein Dach über dem Kopf bietet, aber es seien einfach zu viele Personen in dem kleinen Haus und dessen Lage sei problematisch, weil sich unmittelbar daneben der „Aqua Pub“ befindet, eine alkoholfreie Kneipe für Suchtaussteiger. „In der Obdachlosenunterkunft gehen die Dealer ein und aus“, hat Wimmer beobachtet.

Dass die Stadt nun doch kurzfristig beschlossen hat, die Obdachlosenunterkunft zu schließen, hängt mit einer Anfrage von Wimmer an das Hochbauamt zusammen. Ihn hatte es verwundert, dass so viele Personen in einem alten Fachwerkhaus untergebracht werden dürfen. Es habe mehrfach Rettungswageneinsätze in der Unterkunft gegeben. In einem Fall habe sich ein Sanitäter den Nachbarn gegenüber dahingehend geäußert, dass das Treppenhaus viel zu schmal sei für eine Rettung mit Trage. „Da gibt es keine Außentreppe als Fluchtweg“, so Wimmer.

Nach Auskunft von Bürgermeisterin Friedrich läuft die bau- und brandschutzrechtliche Prüfung beim Bauamt noch. Noch bevor ein Ergebnis vorliegt, habe sich das Sozialamt aber dazu entschlossen, diese Unterkunft aufzugeben und die Bewohner auf eine der anderen 155 Unterkünfte im Stadtgebiet zu verteilen. Bis Ende Oktober hoffe sie, dass das Gebäude geräumt ist. „Der Vermieter muss, bevor er uns eine solche Unterkunft zur Miete zur Verfügung stellt, die baurechtlichen Fragen klären. Wir verlassen uns darauf“, so die Bürgermeisterin. Eine Prüfung durch das Sozialamt finde im Vorfeld nicht statt. (Bastian Ludwig)

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