Musik gegen den Krieg

Pianist aus den Trümmern: Aeham Ahamd hat in Kassel Konzert für Flüchtlinge gegeben

Kassel. Als "Pianist aus den Trümmern" wurde der syrische Musiker Aeham Ahmad berühmt. Bei einem Konzert in der Erstaufnahmeeinrichtung in Kassel-Niederzwehren hat er viele Zuhörer berührt.

Aeham Ahmad füllt ansonsten die großen Konzertsäle und Hallen, spielt auf wertvollen Konzertflügeln. Gestern war ein kleiner karger Raum in der Kasseler Flüchtlingsunterkunft an der Frankfurter Straße seine Bühne. Die Kasseler Musikschule hatte ihm ein einfaches E-Piano zur Verfügung gestellt. „Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, die Leute hier zu unterstützen“, sagt er. Die Leute, die Flüchtlinge sind, wie er.

Der syrische Pianist Aeham Ahmad bei seinem Konzert in der Erstaufnahmeeinrichtung Kassel-Niederzwehren.

Mithilfe von Schleppern kam der Musiker im Jahr 2015 auf der Balkanroute nach Deutschland. Zuvor waren die YouTube-Videos von Ahmads Auftritten in den Ruinen des Flüchtlingslagers Jarmuk um die Welt gegangen. Sie zeigen den jungen Mann inmitten zerbombter Häuser singend an einem Klavier. Mitten auf der Straße sitzt er an dem völlig verstimmten Instrument, das er mit einem Rollwagen transportiert.

„Der Krieg hat alles zerstört“, sagt Ahmad. Er selbst wurde mehrfach verletzt, bei zwei seiner Finger wurden die Sehnen von Bombensplittern durchtrennt. Aber wenn er Musik gemacht habe, sei er glücklich gewesen. Und diese Momente des Glücks gibt er mit seinen Auftritten auch an andere weiter, vor allem an Kinder, mit denen er gemeinsam singt.

Doch eines Tages wird ein Mädchen direkt neben seinem Klavier von einem Scharfschützen erschossen. „Ich fühle mich bis heute schuldig“, sagt Ahmad. Er zieht sich zunächst zurück, um später alleine mit seinem Klavier in die Trümmer zurückzukehren und gegen das Grauen des Krieges zu spielen. Bis der Islamische Staat (IS) sein Klavier verbrennt. Zu groß ist offenbar die Angst vor der Macht seiner Musik. „Mit ihr konnte ich meine Botschaft transportieren. Das war für den IS zu gefährlich“, glaubt Ahmad. Im Frühjahr 2015 flieht er nach Deutschland.

Jetzt baut er sich ein neues Leben in Wiesbaden auf, gemeinsam mit seiner Frau und seine zwei Söhnen. Hier kann er wieder Musik machen, mit ihr vom Krieg erzählen, den Menschen, die der Gewalt im Bürgerkriegsland Syrien nach wie vor ausgeliefert sind, eine Stimme geben. Und er kann anderen Flüchtlingen mit seinen Liedern ein Stück Heimat geben. Und so weckte er Mittwoch bei vielen seiner Zuhörer die Sehnsucht nach Zuhause, die Ausdruck in lautem Mitsingen, aber auch in stillen Tränen fand.

In Syrien tobt seit 2011 der Krieg

Der Bürgerkrieg in Syrien entwickelte sich 2011 aus friedlichen Demonstrationen. Es ist ein Krieg mit vielen Fronten. Präsident Baschar al-Assad bombardiert die eigene Bevölkerung. Auch die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) und Rebellenmilizen  wie die salafastische Ahrar al-Scham, der Al-Kaida-Ableger Al-Nusra und die Muslimbrüder griffen Zivilisten an. Hunderttausende Menschen sind seither aus Syrien geflohen, Hunderttausende starben. 45 Prozent der Bevölkerung wurden vertrieben. Viele Städte sind großflächig zerstört. 

Rubriklistenbild: © Schippers

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