Muslimische Fastenzeit

Imam der Kasseler Ahmadiyya-Gemeinde: „Ramadan kann Kraft geben“

Zeit der religiösen Besinnung: Im Ramadan geht es nicht nur um das Fasten, sondern vor allem um die Beschäftigung mit dem Koran. Unser Symbolbild zeigt einen gläubigen Muslim in einer Moschee.
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Zeit der religiösen Besinnung: Im Ramadan geht es nicht nur um das Fasten, sondern vor allem um die Beschäftigung mit dem Koran. Unser Symbolbild zeigt einen gläubigen Muslim in einer Moschee.

Am Dienstag, 13. April, beginnt der Ramadan, der Fastenmonat der Muslime. Darüber sprachen wir mit Sohaib Nasir, Imam der Kasseler Ahmadiyya-Gemeinde. Deren Mahmud-Moschee liegt in Niederzwehren.

Es ist der zweite Ramadan unter Pandemiebedingungen. Wie kommt es bei Muslimen an, bei allen sonstigen Einschränkungen auch noch auf Essen und Trinken zu verzichten?
Für Muslime, die seit vielen Jahren im Ramadan fasten, ist die Situation ja nichts Neues. Sie kennen es, dass man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen und trinken darf. Zwar erleben wir den heiligen Monat in der Tat in schwierigen Zeiten. Aber gerade deshalb kommt er auch gelegen. Durch das Fokussieren auf das Gebet und die Verbindung zu Gott kann man auch aus einer Phase der depressiven Stimmung herauskommen und neue Kraft schöpfen. Mein Eindruck ist, dass sich viele, auch Jugendliche, auf den Ramadan freuen.
Welche Bedeutung hat der Fastenmonat für Muslime?
Der Ramadan ist der neunte Monat des islamischen Kalenders. In diesem Monat begann die Offenbarung des Heiligen Koran. Deshalb versuchen wir Muslime, im Ramadan die körperliche Nahrung loszulassen und uns spirituelle Nahrung zu holen, von der wir das ganze Jahr zehren können. Es geht also nicht nur ums Fasten, sondern auch darum, über seine Fehler und Sünden nachzudenken. Damit sind nicht nur religiöse, sondern auch alltägliche Defizite gemeint, etwa im Umgang mit anderen Menschen. Zum Islam gehört auch die Solidarität und Hilfe gegenüber den Mitmenschen.
In unserer Gesellschaft ist Fasten ja auch ein Trend geworden, um Pfunde loszuwerden und Ernährungssünden auszugleichen. Ist das ein Thema für Muslime im Ramadan?
Der Verzicht dient ganz klar der Konzentration auf das Spirituelle. Trotzdem hat das Fasten nebenbei auch gesundheitliche Vorteile und stärkt das Immunsystem. Es ist eine Art Selbstentgiftung für den Körper. So soll man sich abends nach Sonnenuntergang auch nicht vollstopfen, sondern maßvoll essen. Es geht im Ramadan auch darum, ein Bewusstsein für die Bedeutung von Essen und Trinken zu entwickeln und ein Mitgefühl für die Armen. Hier im Westen erleben wir das ja kaum, aber es gibt weltweit viele Menschen, die jeden Tag in Sorge sind, ob es für sie und ihre Familie genug zu essen und sauberes Wasser gibt.
Welchen Stellenwert hat die Gemeinschaft im Ramadan und beim Fastenbrechen?
Sie spielt eine sehr große Rolle. Es ist viel leichter zu fasten, wenn man es gemeinsam mit anderen in der Familie oder in der Gemeinde tut. Man kann sich gegenseitig motivieren. Man steht morgens sehr früh auf, aktuell vor 5 Uhr, um gemeinsam noch etwas zu essen und zu beten. Dieser Zusammenhalt und die Atmosphäre im Fastenmonat ist etwas Wunderschönes. Wir sind froh, dass die Moschee nun wieder geöffnet hat, anders als zu Beginn des Ramadan im vergangenen Jahr. Trotzdem ist Zusammensein in der Moschee derzeit natürlich nur sehr eingeschränkt möglich.
Wie versuchen Sie trotz Corona, Gemeinschaft zu ermöglichen?
Die Tür der Moschee ist jederzeit offen, und ich als Imam bin jederzeit ansprechbar für Gemeindemitglieder und alle anderen Menschen. Trotzdem können wir natürlich keine großen Veranstaltungen oder Feste vor Ort machen. Wir bieten aber online verschiedene Programme an: eine Art Video-Sprechstunde, Vorträge und Angebote für Kinder und Jugendliche. Die Ahmadiyya-Gemeinde hat auch ein internationales Fernsehprogramm und speziell für Deutschland einen Youtube-Kanal. In unserer Gemeinde planen wir außerdem ein neues Videoformat „Islam & Coffee“, eine Art Kaffeeklatsch, bei dem man über Gott und die Welt ins Gespräch kommen kann. Wir hoffen, dass auch alleinstehende Menschen sich zuhause im Ramadan eine besondere Atmosphäre schaffen können. Niemand soll sich alleine fühlen.
Derzeit dürfen in Ihrer Gemeinde nur Männer in die Moschee. Warum?
Wegen der Kontaktbeschränkungen und der Abstandsregeln passen in unsere beiden Gebetsräume derzeit maximal 40 Betende. Wir haben wegen Corona entschieden, dass Menschen mit Erkrankungen, Kinder und über 60-Jährige nicht in die Moschee kommen sollten. Und auch die Frauen nicht. Im Islam ist festgelegt, dass Männer ihre Pflichtgebete soweit wie möglich in der Moschee verrichten sollen. Für Frauen gibt es die Erleichterung, dass sie auch zuhause beten dürfen.
In christlichen Kirchen hier wäre dies undenkbar. Wie wird diese Regelung von weiblichen Gemeindemitgliedern aufgenommen?
Sie können diese Regelung verstehen. Die Frauen sind auch online aktiv und stehen dort in Kontakt. Wir bedauern es, dass derzeit keine Frauen, Kinder und alte Menschen in die Moschee kommen. Es ist schöner und bereichernd, wenn wir alle gemeinsam beten können. Aber es ist eben ein Kompromiss in der Pandemiezeit.
Die Ahmadiyya-Gemeinde in Kassel ist um den interreligiösen und gesellschaftlichen Austausch bemüht. Inwiefern ist das Zusammenwachsen der Religionen in Coronazeiten erschwert?
Es ist einerseits erschwert, weil man sich nicht treffen und gegenseitig besuchen kann. Andererseits ist es auch erleichtert: Online-Plattformen ermöglichen es, unkompliziert miteinander in Kontakt zu treten. Wir bieten jetzt Podiumsdiskussionen im Internet an, zuletzt über Glaube in der Pandemie und über Rassismus. Unter den 60 Zuhörern war etwa die Hälfte nicht aus unserer Gemeinde. Manch einem fällt es sicher leichter, in solche Online-Formate reinzuschauen, vielleicht erst mal mit ausgeschalteter Kamera, als live vor Ort den Kontakt zu suchen. Gerade in schwierigen Zeiten ist es wichtig zu zeigen, dass wir zwar unterschiedlich glauben, uns das aber nicht davon abhält, ein Miteinander zu leben. (Katja Rudolph)

Zur Person und zur Ahmadiyya-Gemeinde

Sohaib Nasir (27) ist seit September vergangenen Jahres Imam in der Mahmud-Moschee der Kasseler Ahmadiyya Gemeinde. Der Sohn pakistansischer Eltern ist in Iserlohn geboren und aufgewachsen. Sein theologisches Studium absolvierte er am Ahmadiyya-Ausbildungsinstitut im südhessischen Riedstadt. Nasir ist verheiratet und gerade Vater einer Tochter geworden. Er lebt mit seiner Familie in Niederzwehren. 

Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) ist eine Religionsgemeinschaft, die 1889 in Indien gegründet wurde. Sie versteht sich als Reformbewegung des Islam, sie sieht ihren Gründer Hazrat Mirza Ghulam Ahmad als einen Messias. Viele andere Muslime lehnen die Ahmadiyya-Lehre ab. Deshalb werden ihre Anhänger in einigen Ländern sogar verfolgt. Die AMJ hat deutschlandweit nach eigenen Angaben rund 40 000 Mitglieder in 225 Gemeinden. 2008 gründete sie als erste muslimische Gemeinschaft in Deutschland ein Ausbildungsinstitut für Imame in Riedstadt.

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