Polizei kommt auch bei Bagatellfällen

Streit nach Unfall mit Müllwagen in Kassel: Rentnerin geht es ums Prinzip

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Stand an dieser Stelle mit ihrem Auto auf der Fahrbahn: Edeltraud Wilmes im Sensenborn, wo ihr ein Müllfahrzeug den Spiegel abfuhr.

Ein Auto kollidiert mit einem Müllfahrzeug in Kassel: Die Aussage der Fahrerin steht gegen die Aussage des Mitarbeiters der Stadt Kassel. 

Ein Fall, wie er wohl nicht zum ersten Mal passiert ist: Ein Auto kollidiert mit einem Müllfahrzeug, der Mitarbeiter der Stadt sagt aus, dass er den Unfall nicht verursacht hat, die Fahrerin des Autos ebenso. 

Aussage steht gegen Aussage. Die Stadt übernimmt schließlich 60 Prozent der Reparaturkosten am Fahrzeug der Rentnerin, das sind 178 Euro. Somit ist das ein Fall, bei dem es weniger ums Geld geht, sondern vielmehr ums Prinzip.

Rentnerin: Müllfahrzeug kam um die Ecke gebogen

Die Geschichte, die sich an einem Morgen im Mai ereignet hat, geht so: Edeltraud Wilmes will mit ihrem Auto zum Einkaufen fahren. Die Rentnerin wohnt im Sensenborn, Niederzwehren. Sie steht – so sagt sie es – unmittelbar vor ihrer Garage auf der Fahrbahn der relativ engen Sackgasse, als plötzlich ein Müllfahrzeug um die Ecke gebogen sei. Der Müllwagen habe ihren Außenspiegel auf der Fahrerseite regelrecht abgerissen.

So schildert die Rentnerin den Vorfall.

„Ich konnte nichts mehr machen“, sagt Edeltraud Wilmes. Der Spiegel habe sich dann noch so verklemmt, dass zwei Müllwerker ihr hätten helfen müssen, Auto und Müllwagen wieder zu trennen. Der Fahrer selbst sei nicht mal ausgestiegen.

Unmittelbar nach dem Unfall meldet sich Wilmes bei der Stadt Kassel. Weil es sich um einen Blechschaden gehandelt hat, habe sie nicht weiter darüber nachgedacht, die Polizei zu rufen. Knapp zwei Wochen später bekommt Wilmes eine konkrete Rückmeldung der Stadt: Man sei bereit, die Kosten für den Schaden zu 60 Prozent zu übernehmen. Eine alleinige Verursachung des Schadens durch das Müllfahrzeug sei nicht erwiesen.

Mitarbeiter der Stadt Kassel: Habe gestanden, um gelbe Säcke einzuladen

Der Fahrer des Müllfahrzeugs habe erklärt, dass er mit seinem Fahrzeug gestanden habe, um gelbe Säcke einzuladen, heißt es in dem Schreiben. Wilmes habe vorbeifahren wollen und sich dabei den Spiegel beschädigt.

Aufgrund der abweichenden Aussagen könne ein überwiegendes Verschulden des einen oder anderen Unfallbeteiligten nicht eindeutig festgestellt werden. Die Stadt legt eine Haftungsverteilung von 60:40 fest, weil gesetzlich die Betriebsgefahr bei Lastwagen höher angesetzt ist als bei Autos.

Edeltraud Wilmes will das trotzdem nicht auf sich sitzen lassen, widerspricht. Daraufhin verweist die Stadt darauf, dass auch die beiden Mitarbeiter den Unfallhergang genau wie der Fahrer beschrieben hätten. Das verwundert die Rentnerin. Die beiden hätten ihrer Meinung nach keine Sicht auf das Auto gehabt.

Die Reparatur an Wilmes Fahrzeug hat knapp 300 Euro gekostet. „Mir geht es gar nicht mal um die gut 100 Euro, auf denen ich jetzt sitzen bleiben soll“, sagt Edeltraud Wilmes. Ihr geht es ums Prinzip. Die Seniorin versteht nicht, weshalb die Stadt sich nicht ein Bild vor Ort gemacht oder einen Gutachter beauftragt habe.

Stadt Kassel äußert sich nicht zu dem Fall

Auf HNA-Anfrage wollte sich die Stadt Kassel zu dem Fall aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht weiter äußern. Sofern ein Schadensersatzanspruch aufgrund eines Verkehrsunfalls gegenüber der Stadt geltend gemacht werde, werde zunächst der städtische Fahrer des Kraftfahrzeuges um Stellungnahme gebeten, heißt es. Ein Gutachten vor einem möglichen Prozess werde üblicherweise von den Geschädigten vorgelegt, um die Höhe des entstandenen Schadens darzulegen.

Ein solches Gutachten hat Edeltraud Wilmes nicht in Auftrag gegeben. Sollte sie nochmal in eine ähnliche Situation kommen, wird sie aber vermutlich die Polizei rufen. Dass diese auch bei einem solchem Bagatellfall kommt, bestätigt Pressesprecher Torsten Werner. Oftmals sei es sinnvoll, das Unfallgeschehen bei unklarer Sachlage vor Ort aufzunehmen, weil spätere Angaben abweichen könnten.

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