"Viele fühlen sich betrogen"

Umwidmung im Langen Feld sorgt für Unmut bei Niederzwehrener Bevölkerung

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Es gibt nur noch ganz wenig Vertrauen in die Stadt: Ortsvorsteher Harald Böttger steht vor dem Unternehmen Technoform auf dem Langen Feld.

Mit großer Mehrheit hat die Kasseler Stadtverordnetenversammlung die Änderung des Bebauungsplanes für das Gewerbegebiet Langes Feld beschlossen. 

Damit können Teilflächen des Gewerbegebiets (GE) in ein Industriegebiet (GI) umgewidmet werden. Darüber sprachen wir mit Ortsvorsteher Harald Böttger. Hintergrund ist die geplante Erweiterung des dort ansässigen Kunststoffherstellers Technoform. Die Umwidmung hat für viel Unmut bei der Bevölkerung in Niederzwehren gesorgt. Darüber sprachen wir mit Ortsvorsteher Harald Böttger.

Die Umwidmung von Teilen des Gewerbegebiets in ein Industriegebiet ist notwendig, weil Technoform eine Erweiterung von fünf auf sieben Pyrolyse-Öfen auf dem Langen Feld plant. Warum regen sich die Menschen darüber so auf?

Viele Menschen in Niederzwehren fühlen sich betrogen. Im Jahr 2012, als der Satzungsbeschluss für ein Gewerbegebiet gefasst wurde, hat die Stadt um einen Vertrauensvorschuss bei den Bürgern in Niederzwehren gebeten. Damals wurde uns versichert, dass auf das hochsensible Areal des Langen Felds nur Gewerbe angesiedelt wird, die einzige Ausnahme waren 7,3 ha im Planungsabschnitt B in der Nähe der A44. Es hieß ganz klar: Hier wird es keine Industrie geben. Da fragt man sich schon, warum sechs Jahre später der Bebauungsplan geändert wird. Ich habe damals im Ortsbeirat gegen die Gewerbeansiedlung gestimmt, weil für mich das Risiko so groß war, dass plötzlich doch Industrie kommen soll.

Das Vertrauen in die Stadt ist also nicht mehr groß?

Aufgrund der Vorgehensweise und der Informationspolitik der Stadt gibt es nur noch ganz wenig Vertrauen. Das spürt man auch im Ortsbeirat, wo einige Mitglieder damals für die Gewerbeansiedlung gestimmt haben, weil sie der Stadt vertraut haben. Bei der aktuellen Debatte haben wir viele widersprüchliche und falsche Informationen zu diesem Thema bekommen.

Hier entsteht ein Neubau: Für die Firma Jordan musste der Bebauungsplan auf dem Langen Feld geändert werden.

Inwieweit hat sich die Stadt widersprochen?

Oberbürgermeister Christian Geselle hat gesagt, dass der Bebauungsplan ausschließlich für zwei Unternehmen geändert werden muss, unter anderem für Technoform wegen der Öfen. Im geänderten Bebauungsplan ist aber nicht die Rede von der 21 000 Quadratmeter großen Fläche für Technoform, sondern von einer Industriefläche von 82 500 Quadratmeter. Das haben viele Stadtverordnete, die der Änderung zugestimmt haben, offenbar vorher gar nicht registriert. Meine Hoffnung ist, dass es bei der Aussage von Christian Geselle bleibt.

Worum geht es bei der Änderung des Bebauungsplans für die Firma Jordan?

Diese Änderung hat gar nichts mit einem Industriegebiet zu tun, sondern mit der Größe und Höhe der geplanten Gebäude der Firma Jordan. Deshalb ist hier eine Änderung des Bebauungsplans notwendig.

Wären Sie denn mit den beiden Änderungen für Technoform und Jordan einverstanden?

Ja. Ich persönlich könnte damit leben, wenn die Industriefläche auf die 21 000 Quadratmeter von Technoform beschränkt würde. Technoform tut mir bei der ganzen Debatte eigentlich schon leid. Die Fachabteilungen im Rathaus haben die ganzen Deals mit den Unternehmen leider schon gemacht, die sich auf dem Langen Feld angesiedelt haben. Die Politik muss jetzt den Bebauungsplan damit in Einklang bringen.

Könnte die Bürgerinitiative auch mit solch einem Kompromiss leben?

Diese Frage kann ich nicht beantworten.

Bei der jüngsten Sitzung des Ortsbeirats war die Rede davon, dass ein neues Gutachten erforderlich sei.

Wenn die Fläche von über 80 000 Quadratmeter tatsächlich als Industriegebiet entwickelt werden soll, muss zur Sicherheit ein neues Gutachten für das Areal erstellt werden. Da geht es um Immissionsschutz und den Abstandserlass. Das heißt, es muss geprüft werden, ob der Abstand des Industriegebiets zur Wohnbebauung groß genug ist. Es muss auf alle Fälle geschaut werden, ob diese sensible Fläche in dieser Höhenlage als Industriegebiet überhaupt geeignet ist.

Gibt es denn nicht ausreichend Gewerbebetriebe, die sich auf dem Langen Feld ansiedeln wollen?

Das ist so eine Sache, die die Bevölkerung in Niederzwehren auch nicht versteht. Von der Stadt wird immer so getan, als ob das Gewerbegebiet boomt und dafür dringender Bedarf besteht. Wenn das tatsächlich der Fall wäre, dann verstehen wir nicht, warum jetzt plötzlich Industrieflächen für eine bessere Vermarktung nötig sind.

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