Wo Bratwurst Pflicht ist

Der Zwehrener Hof feiert 125-jähriges Bestehen

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Eine Institution im Stadtteil: Vor dem Traditionslokal von links Klaus Rasquin vom Heimatverein Niederzwehren, die Alt-Wirtsleute Otto und Friedchen Viehmann, die Pächterfamilie Stephanie, Petra und Hubert Hebaum sowie Walter Gilfert von der Hütt-Brauerei.

Eine Zwehrener Institution feiert ihr 125-jähriges Bestehen: So lange wie im Zwehrener Hof an der Frankfurter Straße wird wohl kaum anderswo in Kassel die Gastlichkeit gepflegt.

Das Jubiläum wurde jetzt mit einer kleinen Feierstunde begangen.

Ungezählte Anekdoten und Geschichten ranken sich um die Traditionsgaststätte und ihre langjährigen Wirtsleute Otto und Elfriede Viehmann, die den Zwehrener Hof 43 Jahre lang geführt haben. Generationen von Stammgästen gaben sich bei ihnen die Kneipen-Klinke in die Hand.

Viehmanns sind längst im Ruhestand, 15 Jahre schon. Seit gut zwei Jahren führen Petra und Hubert Hebaum als Pächter die Tradition des Hauses weiter – mit anderer Rollenverteilung: Er fungiert als Küchenchef, sie schmeißt (mit Tochter Stephanie) den Service. Bei Viehmanns war es umgekehrt gewesen. Petra Hebaum ist sich bewusst, an einem besonderen Ort zu arbeiten: „Die vielen Geschichten, die man hier hört...“

Ein festes Stammpublikum hat der Zwehrener Hof noch heute, und auch der knorrig-humorvolle Altwirt Otto Viehmann mischt sich noch beinahe täglich unter die Gäste. Gefragt, was ein beliebtes Lokal ausmache, könnten seine Worte als Zwehrener Grundgesetz in Stein gemeißelt werden: „Eine Gastwirtschaft muss ’ne schöne grobbe Bratwurscht haben, dann läuft die Sache.“

Vom Schneider zum Wirt

Die gutbürgerliche Küche, für die der Zwehrener Hof immer bekannt war, geht auf die Aufbauarbeit gastronomischer Seiteneinsteiger zurück. Friedchen Viehmann war 19, ihr Ehemann Otto 24 Jahre und gelernter Schneider, als das junge Ehepaar 1957 ins Wirtsleutefach wechselten: „Ich habe Horst Gude damals seinen Hochzeitsanzug geschneídert“, verrät der in Niederzwehren bestens vernetzte Otto Viehmann. Ein anderer Weggefährte war der Fuhrunternehmer Heinz Schnittger. Der habe ihn tatkräftig überredet, den lauschigen Biergarten hinter den Gasthaus zu bauen.

Die Fuhrleute und die Lage an der Hauptverkehrsstraße in Richtung Baunatal haben den Ruf des Hauses seit den Gründungsjahren weitergetragen. Im Zwehrener Hof kehrten die Kutscher gern zum kräftigen zweiten Frühstück ein, dabei kam auch gern mal ein Bier auf den Tisch. Elfriede Viehmann erinnert sich, dass der Schoppen in ihren Anfangsjahren 40 Pfennig kostete. „Und für 30 Pfennig gab’s einen Schnaps aus der großen Korbflasche dazu.“

Voll sei der Laden immer gewesen in den Jahrzehnten danach, sagt Ehemann Otto: „Die Leute standen in drei, vier Reihen an der Theke. Und an fast allen Tischen wurde Skat gespielt.“

Für ihre berühmte Zwehrener Bratwurst und den weiteren Bedarf der Küche haben Viehmanns jede Woche zwei Schweine hausgeschlachtet. Das sei heutzutage natürlich nicht mehr zu stemmen, sagt Petra Hebaum. Auf eine gutbürgerliche Küchenqualität werde gleichwohl nach wie vor großen Wert gelegt. Und eine Bratwurst nach sprichwörtlichem Niederzwehrener Standard gibt’s freilich auch.

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