Ein Besuch in der Noahklinik an den DRK-Kliniken Nordhessen

Männerbrüste und schlaffe Hodensäcke – Männer in der Plastischen Chirurgie

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Einmal absaugen bitte: Zwei Ärzte aus Prof. Dr. Ernst Magnus Noahs Team bei einer Liposuktion, also einer Fettabsaugung, an der Hüfte.

Kassel. In der Kasseler Noahklinik für Plastische Chirurgie gibt es seit einem Jahr eine Sprechstunde nur für Männer. Wir waren dabei und haben Prof. Dr. med. Ernst Magnus Noah gefragt, was Männer wollen.

Plötzlich ist es ruhig, der Lärm von den Krankenhausfluren weicht meditativen Klängen in hell erleuchtetem Hochglanz-Ambiente. Wer die Noahklinik für Plastische Chirurgie an den DRK-Kliniken betritt, befindet sich nicht mehr in einem gewöhnlichen Krankenhaus, sondern in einem stilisierten Beauty-Tempel aus Holz- und Weißtönen.

An den Wänden dieses Tempels hängen Bilder der Schauspieler Meryl Streep, Woody Allen, Judi Dench und Moritz Bleibtreu – alle nicht mehr wirklich jung, aber alle auf ihre Weise schön. Oder zumindest interessant. Im Warteraum gemütliche Sessel statt Hartschalenstühle. Selters steht bereit. Den Kaffee aus dem Vollautomaten kann man direkt mit auf die Terrasse nehmen und in den Katalogen zu Fettabsaugung, Facelift und Augenlidstraffung blättern. Sie zeigen sie auf, die beinahe unbegrenzten Möglichkeiten, deretwegen die Menschen Prof. Dr. Ernst Magnus Noah aufsuchen.

Die Männersprechstunde hat Noah vor einem Jahr eingeführt. Jeden Freitagnachmittag widmet er sich einer immer größer werdenden Zielgruppe seines Schaffens. „Männer werden in allen Bereichen als Möglichkeit für die Beauty-Industrie entdeckt – in der Mode, in der Kosmetik“, sagt Noah. Da sei die Plastische Chirurgie eine logische Konsequenz. Deshalb habe er Männern einen eigenen Raum schaffen wollen, in dem sie unter sich sind. Tatsächlich träumt Noah von einer reinen Männerklinik, „mit Billardtisch im Warteraum, Lederstühlen und Getränkekühlschrank“. Der Markt in Kassel sei dafür aber zu klein.

Der größte Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Patienten in der Sprechstunde sei die Gesprächsdauer. „Männer sind meist deutlich pragmatischer“, sagt Noah. „Das geht so: Mich stört das. Was können Sie machen? Wie viel kostet das? Wann haben Sie einen Termin frei?“ Er plane für ein Beratungsgespräch mit einem Mann circa 15 Minuten ein – weniger als die Hälfte dessen, was er für ein Gespräch mit einer Frau veranschlage. „Frauen setzen sich länger mit so einer Entscheidung auseinander.“

Bei den Wünschen hingegen unterscheide sich seine Klientel hinsichtlich des Geschlechts kaum. Auch bei Männern lägen Fettabsaugen, Augenlidstraffen und Faltenglätten im Trend. Exotischere Wünsche – wie etwa eine Hodensackstraffung – kämen sehr selten vor. „Vielleicht einmal im Jahr.“

Findet Haartransplantationen langweilig: Dr. Ernst Magnus Noah, Chefarzt der Noahklinik für Plastische Chirurgie.

An diesem warmen Freitag im Juni haben drei Patienten für die Männersprechstunde kurzfristig abgesagt. „Das ist natürlich ärgerlich, und auch ungewöhnlich“, sagt Noah. Aber zumindest ein Mann kommt zum vereinbarten Termin. Der 61-Jährige will sich Fett an den Brüsten absaugen und Stirnfalten glätten lassen. Noah stellt ihm die Möglichkeiten vor und klärt über Risiken auf: „Nur Botox geht nicht, da hätten Sie zehn Jahre früher kommen müssen.“ Auch Eigenfett sei für seine Stirn keine Option, da dieses eher Volumen schaffe als Falten zu glätten. Aber ein Gemisch aus Hyaluronsäure und Botox wäre denkbar.

Jetzt zu den Brüsten: „Treiben Sie Sport?“, will Noah wissen. „Ich komme einfach zu wenig dazu.“ Er habe aber seit einiger Zeit seine Ernährung umgestellt: keine Kuhmilch. Noah erklärt ihm, dass er dadurch Gewicht verloren habe und deshalb die Brüste mehr hervorkämen. Er bietet ihm eine Fettabsaugung an.

Während Noah Fotos des Patienten macht und ihm am Computer zeigt, wie der Eingriff vonstattengeht, hält er Small Talk. Es geht um den Job und lustige Internetvideos – er schafft Vertrauen. Nach etwa 20 Minuten schließt er sein Beratungsgespräch. „Noch Fragen?“ Dann kommt es: „Wie viel kostet das?“ – „Zwischen 2500 und 2800 Euro.“ Und dann? Macht der Mann erst mal keinen Termin. „Ich muss mich noch mit meiner Frau besprechen.“

Innere Vitalität und Aussehen gingen bei steigender Lebenserwartung ab einem gewissen Alter häufig nicht mehr Hand in Hand, sagt Noah. Deshalb würden viele Menschen nach der Optimierung ihres Äußeren streben. „Das fängt bei Haardesign an und hört bei Viagra auf – und irgendwo in der Mitte stehen wir.“

Wir, das sind Noah und 1151 andere Schönheitschirurgen in Deutschland. Nicht alle von ihnen hält Noah für seriös. Es gebe Kooperationen Plastischer Chirurgen mit Influencern auf Instagram, jungen Frauen, die verschiedene Behandlungen anpreisen würden, wie etwa Aquafilling. Dabei wird ein Kochsalz-Gel injiziert, wodurch Brüste oder Po für einen Abend größer werden.

„Das ist totaler Blödsinn“, sagt Noah. „Da lassen sich Ärzte aus Geldgeilheit instrumentalisieren.“ Dadurch rutsche die Ästhetische Chirurgie in den reinen Handel ab. Diese Entwicklung werfe einen Schatten auf die Kunst, als die Noah seine Tätigkeit versteht. „Die Aufgabe eines verantwortungsvollen Plastikers ist es, die Patienten, die den Maßstab verloren haben, wieder zurück in die Normalität zu holen.“

Absolute No-Gos seien für ihn Hautfarbenveränderungen, riesige Brustvergrößerungen und Fetischbehandlungen, wenn beispielsweise jemand ein großes Loch in die Nase haben wolle. „Es gibt große Verirrungen auf dieser Welt und im menschlichen Hirn.“ Solchen Patienten lege er häufig nahe, sich mit einem Psychologen zu unterhalten. „Geld ist nicht alles.“

Für alle Nichtverirrten hat Noah aber ein offenes Ohr. Chirurgische Eingriffe, sagt er, gehörten inzwischen eben zum Beauty-Budget dazu – bei Frauen und Männern.

Zur Person: Ernst Magnus Noah

Prof. Dr. med. Ernst Magnus Noah (55) ist seit 20 Jahren als plastischer Chirurg tätig. Nach seinem Studium in Marburg und Lübeck arbeitete er unter anderem in den USA und kam über Hannover und Aachen 2003 nach Kassel. In seiner Freizeit hört der verheiratete zweifache Vater gerne Science-Fiction-Hörspiele und treibt Fitness.

Hintergrund: So viel kosten die Eingriffe

In seiner Klinik bietet Prof. Dr. Ernst Magnus Noah Leistungen aus vier Bereichen an: Ästhetische Chirurgie, Rekonstruktive Chirurgie, Verbrennungschirurgie und Handchirurgie. Seine Patienten sind nach eigener Aussage zwischen 18 und 100 Jahre alt. Wir haben mit dem renommierten Arzt zum ersten Geburtstag der Männersprechstunde über häufige und exotischere Eingriffe bei männlichen Patienten gesprochen. Außerdem gibt Noah Einblicke, in welchen preislichen Dimensionen sich die Kosten für die jeweiligen Eingriffe bewegen: 

  • Fettabsaugen an Männerbrüsten (Gynäkomastie): 2500 bis 3000 Euro 
  • Fettabsaugen an Bauch, Hüfte oder Taille: 3800 bis 5500 Euro 
  • Nasenkorrekturen: 5000 Euro 
  • Augenlidstraffung (bei Schlupflidern oder Tränensäcken): 1800 bis 4500 Euro 
  • Facelift: 10.000 Euro 
  • Faltenbehandlung mit Spritzen: ab 300 Euro 
  • Hodensackstraffung: 3500 Euro 
  • Penisverlängerung (durch das Durchschneiden eines Haltebändchens, Effekt nur im schlaffen Zustand) oder Penisverdickung durch Eigenfett: 5000 bis 6000 Euro 

Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen sei bei rein ästhetischen Eingriffen eher schwierig, aber nicht gänzlich ausgeschlossen, sagt Noah. Die Männersprechstunde in der Noahklinik an den DRK-Kliniken, Hansteinstraße 29, findet jeden Freitag zwischen 14 und 16 Uhr statt. Kontakt: 0561/3086 4501 oder info@noahklinik.de

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