Analyse: Baurat Dr. Joachim Lohse hat im ersten Jahr auch Gegenwind bekommen

Noch nicht fest im Sattel

Ambitioniert: Seit einem Jahr führt Dr. Joachim Lohses das Kasseler Baudezernat. Archivfoto: Koch

kassel. Seit einem Jahr ist er im Amt, doch noch immer pendelt Stadtbaurat Dr. Joachim Lohse zwischen Kassel und seiner Heimatstadt Hamburg. Das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Frühestens im Herbst könnte sich das ändern. Das hat zum einen familiäre Gründe, die der Vater von zwei Kindern anführt. Im Herbst endet aber auch die sechsmonatige Frist nach der Kommunalwahl, in der Dezernenten abgewählt werden können.

„Die Themen werden stärker zur parteipolitischen Polarisierung herangezogen, als es der Stadt guttut.“

Stadtbaurat Dr. Joachim Lohse

„Erst dann wird man sehen, wer Dezernent sein wird“, sagt er. Fest im Sattel sitzt der 52-Jährige nicht. Selbst in den Reihen der Grünen, die den parteilosen, ehemaligen Geschäftsführer des Öko-Instituts in Freiburg als Nachfolger von Norbert Witte (CDU) nach Kassel holten, ist Ernüchterung eingetreten. Der fachfremde Diplom-Chemiker, der vor allem als Moderator zwischen Bauverwaltung und Bürgern agieren soll, hat sich als dünnhäutig erwiesen.

Konflikte innerhalb des Magistrats, etwa beim Thema Salzmann und dem umstrittenen Fahrradverleihsystem, mögen dazu beigetragen haben. Ebenso politische Befindlichkeiten, die der Neue unterschätzt hat. „Die Themen werden stärker zur parteipolitischen Polarisierung herangezogen, als es der Stadt guttut“, sagt er dazu.

Dabei hat Lohse, Chef von 500 Mitarbeitern, die Zügel im weit verzweigten Baudezernat fest in der Hand gehalten. Die Ämter sollen enger zusammenarbeiten und mögliche Interessenkonflikte intern klären. Dass der Chefposten im wichtigen Straßenverkehrsamt mit dem Wechsel von Gunnar Polzin nach Bremen frei wird und in den nächsten Jahren weitere Amtsleiterstellen aus Altersgründen neu besetzt werden müssen, sieht er als Chance, Einfluss auf die Ausrichtung der Verwaltung zu nehmen. Lohse, der auch die Bereiche Umwelt und Verkehr verantwortet, hat durchaus eigene Wege eingeschlagen. Er rief ein Referat für Energie und Klimaschutz ins Leben, hat das Thema Umwelt an vielen Stellen vorangebracht. So wird die Stadt erstmals eine Treibhausgasbilanz vorlegen. Die Förderung der Elektromobilität und des Radverkehrs, die Einrichtung eines Pendlerportals und eine Verkehrsentwicklungsplanung, die nicht an den Stadtgrenzen halt macht, sind weitere Beispiele.

Für Umwelt- und Klimaschutz gebe es eine hohe Zustimmung, sagt er. „Da zeigt sich, dass der Weg richtig ist.“ Die Stadtgesellschaft sei in diesem Punkt weiter als die Politik. Das gute Abschneiden der Grünen bei der Kommunalwahl ist für ihn auch Indiz dafür, dass sich die Kasseler „noch mehr grüne Anteile“ wünschen. Beim Langen Feld, dessen Bebauung die Grünen ablehnen, verspricht er „maximale Offenheit und Transparenz“. Er bleibt bei seinem Kurs: „Solange es einen gültigen Stadtverordnetenbeschluss gibt, werden wir das weiter entwickeln“, sagt er.

Auch auf anderen Feldern gibt es noch viel zu tun: Das Innenstadtkonzept muss mit Leben gefüllt werden. Karlsplatz, Entenanger und Pferdemarkt und das bereits von seinen Vorgängern beschworene Wohnen in der Innenstadt sind hier Stichworte. Ob er mehr Zeit als Ex-Stadtbaurat Norbert Witte haben wird, alles anzupacken und sichtbar voranzubringen, wird sich zeigen. ZITATE

Von Ellen Schwaab

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