Dreckig und verschmiert, aber immer noch funktionstüchtig

Relikte des Kommunikationszeitalters: Noch 110 Telefonzellen in Kassel

Königsplatz: Wieder eine Multimedia-Station. Kunden mit Münzen sind aufgeschmissen: Der Einwurf funktioniert nicht.

Kassel. Sie sind dreckig und verschmiert, stinken und kleben. Aber sie funktionieren. Noch sind die typisch magentafarbenen Telefonzellen der Telekom in der Innenstadt Kassels auf belebten Plätzen, an Straßenbahnstationen und entlang stark befahrener Straßen zu sehen. Doch es werden immer weniger.

Zwar gibt es keine genauen Zahlen – die Telekom-Pressestelle will sich gar nicht mehr die Mühe machen, die noch vorhandenen Geräte zu zählen. Aber der Blick auf die Bundeszahlen verrät: Telefonzellen sind auf dem Rückzug. Gab es 2011 bundesweit noch 59 000 öffentliche Telekom-Fernsprecher, sind es 2013 nur noch 47 000 gewesen. „Ein Rückgang von gut 25 Prozent“, sagt René Henn von der Bundesnetzagentur. Es wäre schon Zufall, wenn dieser Trend an Kassel vorbeiginge.

So lässt sich die Anzahl der Telefonzellen in Kassel nur schätzen: Es sind aktuell etwa 110. Noch vor zwei Jahren müssen es rund 150 gewesen sein. „Für die Telekom ist der Betrieb von Telefonzellen ein Verlustgeschäft“, sagt Henn. Deshalb sei sie interessiert daran, die Geräte abzubauen.

Die Telekom freilich sieht die Sache anders. So würden Telefonzellen noch überall dort betrieben, wo sich die Fernsprecher rechneten. „Die monatlichen Einnahmen müssen die Ausgaben für den Betrieb decken“, sagt Telekom-Sprecher George-Stephen McKinney. Doch genaue Zahlen werden auch hier nicht genannt. Stattdessen: „Die einzige Entscheidungsinstanz ist der Kunde“, sagt McKinney. Soll heißen: Werden Telefonzellen nur ausreichend genutzt, bleiben sie auch stehen.

Untergeordnete Rolle

Fakt ist jedoch, dass es nach Branchenschätzungen inzwischen 110 Millionen Mobiltelefone in Deutschland gibt. Hinzu kommen 37,1 Millionen Festnetzanschlüsse – bei 80,5 Millionen Einwohnern. Man kann sich die Frage stellen: „Wann habe ich das letzte Mal eine Telefonzelle benutzt?“ Die Antwort fällt leicht. Und so gibt selbst die Telekom zu: „Die Bedeutung öffentlicher Telefone hat massiv abgenommen und spielt nur noch eine äußerst untergeordnete Rolle.“

Warum werden Telefonzellen dann nicht abgebaut? Der Grund liegt im Telekommunikationsgesetz. Tatsächlich muss die Telekom für ein Netz an öffentlichen Fernsprechern sorgen – und zwar bedarfsgerecht. Was aber der Bedarf ist, entscheidet nicht die Telekom, auch nicht der Nutzer, sondern allein die Bundesnetzagentur. „Hier geht es um eine Universaldienstleistung, die als Grundversorgung der Öffentlichkeit verstanden wird und unabdingbar zu erbringen ist“, sagt Henn.

Tatsächlich muss die Telekom jeden Abbau zuvor mit der Stadtverwaltung besprechen. Die Stadt kann den Abbau ablehnen, ihm aber auch zustimmen – allerdings stets im Rahmen des Gesetzes. Und das sieht nach wie vor Telefone in der Öffentlichkeit vor.

Von Boris Naumann

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