Elterninitiative reagiert auf Kritiker

Vorsitzender der muslimischen Kita: „Als Extremisten abgestempelt“

Noch fehlen die Schilder: Die ehemalige Gewerbeimmobilie an der Hegelsbergstraße in der Nordstadt wurde in den vergangenen Monaten zu einer Kita umgebaut.
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Noch fehlen die Schilder: Die ehemalige Gewerbeimmobilie an der Hegelsbergstraße in der Nordstadt wurde in den vergangenen Monaten zu einer Kita umgebaut.

Die Gründung der ersten muslimischen Kita in Kassel hat für viel Aufsehen gesorgt. Es gab Kritik von der CDU-Fraktion und Bedenken des Verfassungsschutzes. Der Vorsitzende des Kita-Vereins äußert sich im HNA-Interview.

Fatih Erden ist Vorsitzender des Muslimischen Fördervereins für Erziehung, Bildung und Integration (Mebi). Mebi ist Träger des Kindergartens.

Was haben Sie gedacht, als die Zulassung vom Landesjugendamt kam?

Es war die Bestätigung dessen, was ich immer erwartet hatte. Nur hatte ich zwei Jahre früher mit der Genehmigung gerechnet. Wir verfolgen unsere Pläne ja seit vielen Jahren. Aber erst im Frühjahr 2020 konnten wir in einem Gespräch mit dem Landesjugendamt die Vorwürfe des Hessischen Verfassungsschutzes entkräften. Das Okay kam dann im August. Bis zu dem Termin in Wiesbaden hat man zwar viel über uns, aber wenig mit uns gesprochen. Nachdem nun auch der Umbau abgeschlossen ist und das Personal gefunden wurde, sind wir froh, dass wir am 1. März eröffnen können.

Fatih Erden

Wie ist es Ihnen gelungen, die Zweifel des Landesjugendamtes auszuräumen?

Mit Unterstützung unserer Anwältin konnten wir mit Beispielen belegen, wie wir arbeiten wollen. Wir sind eine normale Kita mit muslimischem Schwerpunkt. Davon konnten wir die Behörden überzeugen. Es ist für mich bis heute nicht nachvollziehbar, aus welchen Quellen der Verfassungsschutz seine Einschätzungen über uns bezogen hat. Da wurden wir als Extremisten abgestempelt, ohne Ross und Reiter zu nennen. Es macht mir ehrlich gesagt Angst, wenn so eine wichtige Behörde Behauptungen in den Raum stellt, ohne dass sich diese für die Betroffenen hinterfragen lassen. Wenn sich jemand in unserem Verein nicht mehr konform verhalten hätte, hätte ich dem Verein längst den Rücken gekehrt.

Es gelten nun aber Auflagen für den Betrieb Ihrer Kita. Welche sind das?

Eigentlich keine besonderen. Wir müssen einen fachlichen Beirat einrichten. Das war aber ohnehin Teil unserer vorgelegten Konzeption. Wir verpflichten uns zur Zusammenarbeit mit städtischen Kitas und Grundschulen. Außerdem nimmt das Kita-Personal an dem regelmäßigen Schulungs- und Fortbildungsprogramm teil. Zudem sorgen wir dafür, dass bei der Platzvergabe die Hälfte der Kinder aus dem Umkreis des Kita-Standortes kommt.

Wie ist die Nachfrage?

Wir haben eine große Nachfrage. Wir könnten theoretisch auch eine zweite oder dritte Gruppe eröffnen. Das hatten wir ursprünglich auch vor. Die abgeschätzten Umbaukosten für eine zwei- beziehungsweise dreigruppige Kita waren aber zu hoch. Deshalb starten wir zunächst mit einer Gruppe. Ein Ausbau kann ja später stattfinden.

Haben sich hauptsächlich Muslime angemeldet?

Ich weiß es tatsächlich nicht, weil wir bei der Anmeldung nicht nach der Religion fragen. Ich gehe aber davon aus, dass der Großteil der 25 Kinder muslimischen Glaubens ist. Wir bieten eine Betreuung nur für die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen an.

Wie wird die Kita finanziert?

Im Wesentlichen sind es vier Bausteine, die auch für die meisten anderen Kitas gelten: Die Betriebskostenzuschüsse der Stadt Kassel, das Geld des Landes für die Beitragsfreistellung für die ersten sechs Betreuungsstunden pro Tag, die Landesbetriebskostenzuschüsse und die Elternbeiträge. Unsere Gebührenordnung ist an die der städtischen Kitas angelehnt.

Welche Rolle spielen religiöse Inhalte in der Kita?

Die Religion wird bei uns die gleiche Rolle spielen wie beispielsweise bei katholischen oder evangelischen Kitas. Der Glauben macht vielleicht fünf Prozent im Alltag aus. Wir orientieren uns am hessischen Bildungs- und Erziehungsplan, der auch für alle anderen Kindergärten gilt. Dort sind übrigens auch religiöse Kompetenzen vorgesehen. Die Religion spielt insbesondere bei den islamischen Feiertagen und beispielsweise bei Bittgebeten vor und nach dem Essen eine Rolle. Hinzu kommt die Halal-Ernährung. Noch mal zur Klarstellung: Wir sind keine Koranschule.

Sind muslimische Gemeinden in die Kita-Arbeit eingebunden?

Nein, wir sind eine reine Elterninitiative. Wir sind unabhängig, und darauf legen wir großen Wert.

Was sind Ihre Hoffnungen?

Es wurde uns vorgeworfen, wir könnten die Integration nicht gewährleisten. Dafür gab es aber keine Belege. Wer uns aufgesucht hat und sich mit uns auseinandergesetzt hat, der hat positive Erfahrungen gemacht. Die Ortsvorsteher von Nord-Holland und Philippinenhof-Warteberg waren bereits bei uns. Es waren gute Gespräche. Wir wünschen uns ein gutes Miteinander.

Wir hätten nun gerne ein großes Eröffnungsfest unter Einbindung der Stadtteile gemacht. Die Pandemie spricht leider dagegen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Es wird regelmäßige Tage der Offenen Tür geben, an denen sich interessierte Bürger ein Bild von unserer Einrichtung und der pädagogischen Ausrichtung machen können.

Wie wollen Sie mit Kritikern umgehen?

Ich möchte die CDU einladen, sich ein Bild zu machen. Wir haben mit diversen Parteien konstruktive Gespräche geführt.

Auf dem aktuellen CDU-Wahlflyer steht: Argumente hören. Wir finden es daher schade, dass die Kasseler CDU nie mit uns das Gespräch gesucht hat. (Bastian Ludwig)

Zur Person: Fatih Erden (40) ist Vorsitzender des muslimischen Fördervereins für Erziehung, Bildung und Integration (Mebi). Er hat den Verein 2015 mitgegründet. Der Diplom-Betriebswirt stammt aus Melsungen und lebt seit 2009 mit seiner Familie in Kassel. Erden ist verheiratet und hat fünf Kinder. Er arbeitet bei einem großen Unternehmen in Kassel

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