Rüstungsforschung war keine

Vermeintlicher Uni-Skandal entpuppt sich als Rohrkrepierer

Kassel. Große Geschütze hatten der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) und der Arbeitskreis Zivilklausel aufgefahren. Ein Skandal sollte aufgedeckt werden.

Mit einer Pressemitteilung, die auch an Spiegel, Focus und FAZ ging, prangerten sie vermeintliche Rüstungsforschung am Fachbereich Elektrotechnik der Uni Kassel an. Ein anonymer Informant habe im eigens zur Aufdeckung von Missständen aufgestellten Uni-Leaks-Briefkasten auf dem Campus klare Beweise deponiert. Der beschworene Skandal sollte sich als Rohrkrepierer entpuppen.

Prof. Dirk Dahlhaus

Doch zunächst war beim Asta und beim Arbeitskreis die Empörung groß. Die angebliche Militärforschung verstoße gegen die 2013 vom Senat der Uni beschlossene Selbstverpflichtung, nur für zivile Zwecke zu forschen. Dies sei ein Bruch mit der neuen Zivilklausel in der Grundordnung der Uni. Offenbar könne weiter „ungestört Forschung für Krieg und Militär stattfinden“, empörte sich Arbeitskreis-Mitglied Claudia Holzner in der Pressemitteilung. Die Uni-Leitung müsse einschreiten.

Aber was war überhaupt passiert? Ein Unbekannter hatte Fotos in den Uni-Leaks-Briefkasten des Arbeitskreises geworfen. Diese zeigen Aushänge, die vor dem Büro des Dekans des Fachbereichs Elektrotechnik, Prof. Dirk Dahlhaus, angebracht sind. Auf den Plakaten sind die Zeichnung eines Leopard-2-Panzers und Erläuterungen zum Problem der Datenübertragung per Funkwellen innerhalb metallischer Umgebungen zu sehen.

Auf HNA-Anfrage bei Prof. Dahlhaus erläuterte dieser die tatsächlichen Zusammenhänge. Es handele sich bei den Aushängen um Auszüge einer acht Jahre alten Diplomarbeit und keinesfalls um aktuelle Militärforschung. Seinerzeit habe sich einer seiner Studenten mit der Frage beschäftigt, wie sich Funkwellen in einem metallischen Umfeld ausbreiten. Für den Test habe Krauss-Maffei Wegmann dem Studenten einen Panzer zur Verfügung gestellt. „Das war weder ein Forschungsauftrag noch ist Geld geflossen.“

Die Aushänge dienten nur dazu, die Arbeit am Fachbereich darzustellen. „Weil die Arbeit so alt ist, hätten wir die Aushänge längst austauschen müssen“, sagt Dahlhaus. Er betreibe auch sonst keine Rüstungsforschung und wundere sich, warum sich die Studenten nicht erst bei ihm über die Hintergründe erkundigt hätten, bevor sie eine Meldung streuen.

Offenbar sei der Informant auch nicht mit der Materie vertraut. Denn Datenübertragung per Funk innerhalb eines Panzers sei aktuell ohnehin kein Thema für die Rüstungsindustrie. „So etwas wäre viel zu unzuverlässig. Das läuft kabelgebunden.“

Asta-Sprecher Filip Heinlein sagte auf HNA-Anfrage, er wolle nun wegen der Falschmeldung mit dem Arbeitskreis das Gespräch suchen. Der Arbeitskreis war gestern nicht zu erreichen.

Das sagt die Uni-Leitung Werben gegen Rüstungsforschung

„Der Senat der Universität Kassel hat im Dezember 2013 eine Zivilklausel in der Teilgrundordnung der Universität verankert. Darin heißt es: ,Forschung und Entwicklung, Lehre und Studium an der Universität Kassel sind ausschließlich friedlichen Zielen verpflichtet und sollen zivile Zwecke erfüllen.‘ Dies ist ein starker Appell an jeden einzelnen Wissenschaftler. Die Hochschulleitung steht zu dieser vom Senat beschlossenen Linie und wirbt in der Universität dafür, dass keine Rüstungsforschung stattfindet. Dennoch respektiert es die Hochschulleitung wegen der im Grundgesetz verankerten Freiheit der Wissenschaft, wenn Professoren im Einzelfall Drittmittel rüstungsnaher Unternehmen einwerben sollten. Allerdings hat die Universität ein Forschungsprofil, das vergleichsweise wenige Anknüpfungspunkte für rüstungsnahe Forschung bietet, z. B. Schwerpunkte in Agrarwissenschaft, Stadt- und Regionalforschung, Sozialpolitik, Umwelt- und Klimaforschung und andere.“

Von Bastian Ludwig

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