143 Stellen fraglich

Bombardier-Lokwerk in Kassel droht erneut Gefahr

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Schön anzusehen: Lokomotiven aus Kassel in unterschiedlichen Lackierungen für verschiedene Kunden.

Kassel. Eingige Monate war Ruhe. Nun beginnt der Kampf ums Lokwerk in Kassel von Neuem. Wichtige Abteilungen mit insgesamt mehr als 140 Beschäftigten sollen abgezogen werden.

Dem Bombardier-Lok-Werk in Kassel droht erneut Gefahr. Nachdem das Management in Berlin seine Pläne zur Abwicklung des Traditionsstandorts und zur Verlagerung der Fertigung ins italienische Schwesterwerk Vado Ligure wegen des starken gewerkschaftlichen, politischen und medialen Drucks begraben hat, könnte jetzt eine Schließung auf Raten erfolgen.

Wie der Betriebsratsvorsitzende in Kassel, Markus Hohmann, auf Nachfrage der HNA erklärte, plant Berlin die Verlagerung der mechanischen Konstruktion (Engineering) sowie des Einkaufs bis 2020 nach Mannheim und Hennigsdorf bei Berlin. Diese Pläne sollen in der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag beraten werden. Davon betroffen wären 143 der gut 700 Beschäftigten in Kassel.

„Das wäre ein massiver Kompetenzverlust und der erste Schritt in Richtung Verlagerung der Produktion“, warnt Hohmann. Der Standort könne dauerhaft nur mit dem Verbleib von Engineering und Verkauf gesichert werden.

Mietvertrag läuft Ende 2018 aus

Für die Verlagerungsthese spricht auch der Umstand, dass der Mietvertrag für die Bombardier-Hallen im Werk Mittelfeld Ende 2018 ausläuft. Betriebsrat und Beschäftigte befürchten, dass er nicht verlängert wird. Die Mietzahlungen sind gegenüber den Standorten Hennigsdorf und Vado Ligure, wo Bombardier in eigenen Immobilien arbeitet, ein klarer Wettbewerbsnachteil.

Die jetzigen Pläne stehen nach Ansicht des Betriebsrats im Widerspruch zur Aussage von Bormbardier-Lokchef Michael Fohrer vom vergangenen Jahr, Kassel als weltweites Lokleitwerk erhalten und stärken zu wollen. Diesen Widerspruch sieht ein Sprecher allerdings nicht: „Das Werk in Kassel ist in den Planungen als weltweites Kompetenzzentrum für die Produktion und Instandhaltung von Loks vorgesehen“. Die bedeutende Stellung des Standortes im Konzernverbund solle gefestigt werden.

Bangen um die Zukunft

Seit fast 169 Jahren werden in Kassel Loks gebaut – eine wahrlich lange Tradition. Seither verließen mehr als 35.000 Zugmaschinen die Hallen von Henschel und der zahlreichen Nachfolge-Unternehmen. Damit könnte bald Schluss sein, befürchten die gut 700 stolzen Bombardier-Lokbauer im Werk Mittelfeld. Denn das Management des angeschlagenen deutsch-kanadischen Bahntechnik-Herstellers in Berlin plant den Abzug der mechanischen Konstruktion – dem technologischen Herzstück des Lokbaus. 

Das wäre nach Einschätzung von Bahntechnikexperten der Anfang vom „Tod auf Raten“ des traditionsreichen Lokbaus in Kassel. „Wenn das Engineering abzieht, wird Kassel zu einem reinen Montagewerk degradiert, und die Produktion könnte jederzeit verlagert werden. Ohne Engineering ist Kassel nicht überlebensfähig“, erklärte ein Branchenkenner im Gespräch mit der HNA. 

Dass auch der Standort Kassel im Zuge eines notwendigen Sparprogramms Federn lassen muss, ist allen Beteiligten klar. Dass das Werk in Nordhessen aber seine Kernkompetenz, die mechanische Konstruktion, zugunsten des Standorts Mannheim, wo bislang nur die elektrische Konstruktion angesiedelt ist, verlieren soll, ist für Arbeitnehmer und Betriebsrat ein untrügliches Zeichen für die angestrebte Abwicklung der Produktion. 

Vor gut einem Jahr bereits war dies praktisch beschlossene Sache. Damals sollte die komplette Produktion ins italische Schwesterwerk Vado Ligure verlagert werden, das praktisch keine Arbeit hat. Dank des in Berlin unerwartet starken Widerstands der Belegschaft und der gesamten Region gelang es, die Verlagerungspläne zu vereiteln. Die Hoffnung und die Erwartungen an das erneuerte Management waren groß. Das allerdings machte unmissverständlich klar: Ohne erhebliche Zugeständnisse der Kasseler Lokbauer habe der Standort mittelfristig keine Überlebenschance. Wochen später flatterte den Lokbauern denn auch ein „Giftpapier“ ins Haus, in dem das Management unter anderem die Erhöhung der Wochenarbeitszeit von aktuell 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich sowie die Streichung aller Leistungszulagen und Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld forderte. Gespräche darüber mit Betriebsrat und Gewerkschaft wurden allerdings ergebnislos abgebrochen. 

Ein Unternehmenssprecher weist den Verdacht, die Konzernleitung wolle Kassel schrittweise abwickeln, zurück. „Das Management von Bombardier Transportation verfolgt das Ziel, in enger Abstimmung mit der Arbeitnehmervertretung bis Juli ein Konzept zur Zukunft der deutschen Standorte zu verabschieden. Dabei liegt der Fokus auf der Spezialisierung in Entwicklungs- oder Produktionsstandorte“, hieß es auf HNA-Anfrage. Konkrete Aussagen zum beabsichtigten Abzug des Engeneering und Einkaufs machte er unter Hinweis auf die Vertraulichkeit der Gespräche aber nicht.

Probleme mit beiden Sparten

Der kanadische Flugzeugbauer und Bahntechnik-Hersteller Bombardier ist durch Probleme in beiden Sparten in eine finanzielle Schieflage geraten. Ein Börsengang der Bahntechnik sollte frisches Geld in die leeren Kassen spülen, aber der scheiterte ebenso wie der Einstieg eines chinesischen Bahntechnik-Konzerns. Daraufhin eilten Bombardier die Provinz Québec, in deren Hauptstadt Montreal der Konzern seinen Sitz hat, und ein staatlicher Pensionsfonds mit einer Milliardenspritze zu Hilfe. 

Der Konzern hat 2015 mit 74.000 Beschäftigten (davon fast 40.000 in der Bahntechnik) umgerechnet 12,4 Milliarden Euro umgesetzt und vor Zinsen und Steuern (Ebit) 377 Millionen Euro verdient. Allerdings lasten Milliardenabschreibungen in beiden Sparten auf dem Unternehmen. Die Aktie verlor in den vergangenen drei Jahren fast zwei Drittel an Wert und dümpelt seit Monaten um 1,40 Euro. Das Bombardier-Werk Kassel ist in diesem und im kommenden Jahr mit jeweils gut 100 Loks gut ausgelastet, hat allerdings infolge der anhaltenden Querelen um den Standort zahlreiche Aufträge an die Konkurrenten Siemens und Alstom verloren.

Multisystemloks sind grenzenlos

Eine Spezialität der Kasseler sind sogenannte Multisystemloks. Das sind Zugmaschinen, die in elektrischen Netzen mit unterschiedlichen Stromarten, variierenden Stromabnehmern sowie Zugleit- und Sicherungssystemen verkehren können. Mittlerweile gibt es Lokomotiven mit sechs Länderpaketen. Das heißt, an Grenzen entfallen zeitaufwändige und damit teure Lokwechsel. Weitere Spezialitäten sind Hybridlokomotiven mit doppeltem Antrieb sowie Zugmaschinen, die einen Antrieb je Einzelrad haben.

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