Wie es sich anfühlt, systemrelevant zu sein

In der Pandemie unverzichtbar: Supermarktleiter spricht über seine Corona-Erfahrungen

Seine Arbeit ist systemrelevant: Benjamin Jalwan leitet den Kasseler Aldi-Markt in Nord-Holland.
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Seine Arbeit ist systemrelevant: Benjamin Jalwan leitet den Kasseler Aldi-Markt in Nord-Holland.

Kassel – Benjamin Jalwan leitet einen Aldi-Markt in Kassel. Die Coronakrise führt einem täglich vor Augen, was für eine Verantwortung man hat, sagt er. Wie er sich anfühlt, in einem systemrelevanten Beruf zu arbeiten.

Wird seine Arbeit durch Corona anders wahrgenommen? Benjamin Jalwan hat nicht das Gefühl. „Nicht anders, aber man nimmt uns mehr wahr“, sagt der 27-Jährige. „Die Kunden zeigen Interesse an unserer Arbeit und wollen mehr darüber herausfinden.“ Benjamin Jalwan ist im Sommer von Münster nach Kassel gezogen. Er leitet seit Juli den Aldi-Markt in Nord-Holland – und schildert seine Erfahrungen während der Pandemie in einem systemrelevanten Beruf.

Die Coronakrise führt einem täglich vor Augen, was für eine Verantwortung man hat, beschreibt es Benjamin Jalwan, der zuvor Filialleiter in seiner Heimatstadt Münster war. Zugleich glaubt er aber auch, dass er und seine Kollegen mit ihrer Arbeit die Kunden in diesen ungewöhnlichen Zeiten ein Stück weit beruhigen konnten.

Im Lockdown im Frühjahr seien die Menschen oft sehr gereizt gewesen. Vielen habe man angemerkt, dass sie die Situation ängstigt. Nach seinem Empfinden habe sich das jetzt geändert, sagt Benjamin Jalwan. „Die Menschen sind ruhiger und versuchen, sich einen Weg zu schaffen, wie sie mit den Einschränkungen umgehen können.“

Das zeigt sich auch daran, dass es anders als im Frühjahr jetzt deutlich seltener Hamsterkäufe gibt. „Es gab einen kleinen Schwung, als jetzt der Lockdown light bevorstand. Da haben die Kunden kurzzeitig über den täglichen Bedarf hinaus gekauft, aber auch das hat sich jetzt wieder gelegt“, sagt Jalwan.

Auch wenn die Angst vor dem Virus geblieben ist, die Angst, dass sie nicht ausreichend mit Lebensmitteln versorgt sein könnten, die habe man den Kunden nehmen können. „Wir machen ja eigentlich nichts anders als vorher“, sagt Jalwan. Macht ihnen die Situation denn auch Angst? „Es wird niemanden geben, der sich nicht ansatzweise ein bisschen Sorgen macht“, sagt Benjamin Jalwan. „Die eigenen Sorgen rücken in diesen Zeiten ein bisschen in den Hintergrund.“

Die meisten Kunden hätten allerdings mittlerweile verstanden, dass es nicht nur darum geht, sich selbst, sondern auch andere zu schützen. Und wenn das mal nicht der Fall ist? „Wenn man die Kunden freundlich anspricht und darauf hinweist, ist es nie ein Problem“, sagt Benjamin Jalwan.

Bislang erinnert er sich nur an einen Fall, wo seine Ansprache auf Unverständnis gestoßen ist. Aber auch dort hatte er das Gefühl, dass vor allem Angst zu diesem Unverständnis geführt hat. Seine Aufgabe sieht er dann darin, entsprechend aufzuklären.

Aber als Marktleiter muss man jeden Tag aufs Neue vor allem flexibel sein: Zuletzt hat Jalwan eine Ladendiebin durch die Nordstadt verfolgt. Ob ihn so etwas zum Nachdenken bringt? „Wenn jemand Brot und eine Flasche Wasser klaut, dann erkennt man, dass da ein anderes Problem hinterstecken muss“, sagt er. „Das stimmt nachdenklich und man kriegt es auch nach Feierabend nicht aus dem Kopf.“

Zuletzt erlebte Benjamin Jalwan aber auch eine kuriose Situation, nach der er dann kein Verständnis mehr hatte. Nämlich als jemand versuchte, mit dem gefüllten Einkaufswagen durch die Eingangstür, durch die er zuvor den Markt betreten hatte, wieder nach draußen zu fahren. Auf dem Parkplatz ließ der Mann dann den Wagen stehen und flüchtete. Das ist auch für den Marktleiter kein alltäglicher Fall mehr.

Ob er in der Pandemie an seiner Berufswahl gezweifelt hat? „Auf keinen Fall“, sagt Jalwan. „Es ist eine schwierige Zeit, aber es werden auch wieder andere Zeiten kommen.“ Eine Sache gibt es allerdings, die den Münsteraner in Kassel stört: Die bergigen Straßen ist man als Fahrradfahrer nicht gewohnt. (Kathrin Meyer)

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