Der schönste Arbeitsplatz

Für Janina Janke ist der Hauptfriedhof in Kassel ein ganz besonderer Ort

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Ist hier gerne unterwegs: Janina Janke auf dem Kasseler Hauptfriedhof. Die 29-Jährige studiert Landschaftsarchitektur und will später in der Friedhofsplanung arbeiten. Foto:  Meyer

Kassel. Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag – der November rückt mit zahlreichen Gedenktagen den Friedhof besonders ins Blickfeld.

Wir haben mit der Studentin Janina Janke gesprochen, die zu diesem Ort eine ganz besondere Beziehung hat.

Der Friedhof ein trauriger, düsterer Ort? Oder gar gruselig? „Nein, ich würde vielleicht eher sagen ein ganz besonderer“, sagt Janina Janke. „Die Atmosphäre, die ich auf dem Friedhof erlebe, gibt es sonst nirgendwo im Stadtgebiet. Es ist eine ganz besondere Ruhe, die die Anlage von anderen städtischen Parks unterscheidet, aber trotzdem bin ich dort irgendwie mittendrin.“ Auch werde der Ort von Besuchern bewusst betreten, anders als eine Grünanlage, durch die man oft eher zufällig hindurch spaziere.

Natürlich ist der Friedhof für viele Menschen auch ein Ort der Trauerbewältigung. Was ihn aber für Janina Janke nicht gleich negativ besetzt. Man könne oft den Trauerprozess miterleben und merken, wie es Angehörigen mit der Zeit leichter falle, zum Friedhof zukommen. „Ich finde es schön, wenn man an Grabsteinen den Verwitterungsprozess sieht, wenn sie ein bisschen mit Moos überwuchert sind“, sagt Janke. Manchmal sei das vielleicht auch ein Zeichen, dass die Angehörigen bereit seien, los zu lassen.

Die 29-Jährige ist gelernte Gärtnermeisterin mit dem Schwerpunkt Friedhofsgärtnerei. Nach Gesellenjahren und Meisterprüfung hat sie sich entschieden in Kassel Landschaftsarchitektur zu studieren. Ihre Ausbildung hat sie auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg gemacht. Die Anlage ist mit knapp 400 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt. Den Ausbildungsplatz hat Janke durch ein Praktikum bekommen. Das ihr so gut gefallen hat, dass sie sich entschlossen hatte, zu bleiben.

Besonders ihrer Mutter sei ihr Beruf damals eher unangenehm gewesen, erinnert sich Janke. Dabei habe man als Gärtner, anders als Bestatter, weniger direkten Kontakt mit dem Tod. Zu Beginn ihrer Ausbildung aber musste auch Janke erst lernen, damit umzugehen. „Es gibt Menschen, die kommen auf den Friedhof und wollen mit ihrer Trauer allein sein. Viele fühlen sich aber auch erleichtert, wenn sie mit jemandem reden können“, erzählt Janke.

Das einzuschätzen und darauf richtig zu reagieren, sei am Anfang schwer gewesen. In der Ausbildung werde einem beigebracht, wie man Gräber anlege oder Bäume schneide, aber nicht, wie man Menschen in ihrer Trauer unterstützt.

Es ist die Besonderheit des Ortes, die die Studentin fasziniert. Wenn sie in einer anderen Stadt unterwegs ist, dann macht sie eigentlich immer einen Abstecher auf die Friedhöfe. Auch den Kasseler Hauptfriedhof kannte sie schon, bevor sie nach Nordhessen gezogen ist.

Der Friedhof wird sich als Ort in den nächsten Jahren stark verändern. Schon jetzt gibt es freie Flächen, weil sich immer weniger Menschen traditionell bestatten lassen wollen. „Vielleicht ist es aber auch eine Chance, diesen Ort mit mehr Leben zu füllen“, sagt Janke.

Unter den anderen Studenten der Landschaftsarchitektur ist Janke ein Exot. „Ich werde immer wieder erkannt, als „die mit den Friedhöfen“, sagt sie lachend. In ihrem Studiengang kenne sie niemanden, der sich auf etwas ähnliches festgelegt habe, aber sie habe für sich ihren Beruf gefunden. „Der Friedhof ist für mich der schönste Arbeitsplatz.“

Die größten Friedhöfe weltweit

Besondere Atmosphäre: Der Friedhof ist mitten im Stadtgebiet und trotzdem immer noch ein Bereich für sich. Archivfoto: Koch

Der größte Friedhof der Welt ist der Wadi Al-Salam im Irak. Der Friedhof bietet Platz für über fünf Millionen Grabstätten. Die Anlage nahe der Stadt Najaf ist die älteste dauerhaft genutzte Begräbnisstätte. Auf dem zweiten Platz liegt mit 424 Hektar der Behesht-e Zahra im iranischen Teheran. Der Calverton National Cemetery in New York ist mit einer Fläche von 423 Hektar der drittgrößte Friedhof. Mit 391 Hektar liegt der Friedhof Ohlsdorf in Hamburg auf Platz vier. Der Friedhof ist damit der größte in Europa. Ungewöhnlich ist die Lage direkt in der Hansestadt. Der Rookwood Necropolis Friedhof in Sydney, Australien belegt mit einer Fläche von 314 Hektar den fünften Rang. Das Besondere: Die Gräber werden - anders als in Deutschland - auf ewig vergeben. 

Der Arlington National Cemetery in Virginia, USA, auf dem John F. Kennedy beigesetzt wurde, belegt mit 252 Hektar Platz sechs. Nur zwei Hektar kleiner ist der Wiener Zentralfriedhof, der damit den siebten Platz einnimmt. Der Panteón Civil de Dolores in Mexiko Stadt schafft es mit 238 Hektar auf den achten Platz. Auf Platz neun liegt der Új Köztemetö (207 Hektar) in Budapest. Nur einen Hektar kleiner (206 Hektar) und damit zehnt größter Friedhof der Welt, ist der Südwestkirchhof in Stahnsdorf in der Nähe von Potsdam. (kme)

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