Ortsbeirat fordert Magistrat zum Handeln auf

Belastung überdurchschnittlich hoch: Kasseler Nordstadt leidet unter Verkehrslärm

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Der Verkehr fließt: Die Holländische Straße gehört zu den meist befahrenen Straßen Kassels.

Kassel. Um den Verkehrslärm an der Holländischen Straße zu reduzieren, fordert der Ortsbeirat Nord-Holland Tempo 30 bei Nacht oder Flüsterasphalt. Doch die Stadt hat derzeit keine Pläne für die Straße.

An der Holländischen Straße ist es zu laut. Dieser Auffassung ist nicht nur der Ortsbeirat Nord-Holland. Das belegen auch entsprechende Messungen der Lärmbelastung durch Straßen- und Schienenverkehr, die das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie vornimmt.

Der Ortsbeirat hat deshalb den Magistrat aufgefordert, effiziente Maßnahmen zur Lärmreduzierung an der Holländischen Straße in den Lärmaktionsplan einzubringen und umzusetzen. Die konkreten Vorschläge: Tempo 30 bei Nacht und/oder Verlegung von Flüsterasphalt.

Geplant sind vonseiten der Stadt derzeit jedoch keine baulichen und verkehrsregelnden Maßnahmen. Die bisherigen Versuche, den Verkehrslärm an der Holländischen Straße zu mindern, bezeichnet der Ortsbeirat als wirkungslos. In der zweiten Stufe des Lärmaktionsplans von 2016 waren unter anderem die Verlängerung der Straßenbahn nach Vellmar und die Ausweisung der Fiedlerstraße zur Fahrradstraße umgesetzt worden. Doch was sagt die Stadt zu den Vorschlägen aus dem Ortsbeirat?

Flüsterasphalt

Lärmmindernde Beläge würden vom Straßenverkehrs- und Tiefbauamt meist im Rahmen anderer Straßenarbeiten eingebaut. Deshalb trage jede Fahrbahndeckensanierung auch zur Lärmsanierung bei. Flüsterasphalt sei an der Holländischen Straße wenig sinnvoll, da er erst ab etwa 60 km/h seine Wirkung entfalte und bei niedrigen Geschwindigkeiten kein Selbstreinigungseffekt wie auf Autobahnen entstünde, sodass er innerhalb weniger Jahre seine Eigenschaften komplett verliere. Außerdem wäre ein aufwendiger Straßenumbau inklusive Entwässerungseinrichtungen erforderlich. Dies sei nicht wirtschaftlich.

Tempo 30 nachts

Zwar prüfe die Stadt derzeit, ob und wenn ja wo in Kassel Tempo 30 testweise eingeführt werden könnte, doch seien im innerstädtischen Verkehr Motoren- und Anfahrgeräusche eine größere Lärmursache als Rollgeräusche durch zu schnelles Fahren. Mit einer Umstellung auf Tempo 30 nachts müssten auch die Ampelsteuerungen auf der Holländischen Straße angepasst werden, da es sonst zu mehr Halten im Kreuzungsbereich komme, was sich wiederum negativ auf die Lärmentwicklung auswirke.

Viel Lärm um nichts also? Mitnichten. Denn wer regelmäßig mit dem Auto auf der Holländischen Straße unterwegs ist, der weiß, dass das reale Durchschnittstempo dort nicht bei den erlaubten 50 km/h liegt. Hier lohnt sich ein Blick in die Statistik der mobilen Geschwindigkeitsmessungen des Ordnungsamtes. Das Fazit: Blitzen auf der Holländischen Straße lohnt sich.

Im Vergleich zu anderen großen innerstädtischen Straßen, wie der Frankfurter Straße, der Wolfhager Straße und der Ihringshäuser Straße, wurden auf der Holländischen Straße in den vergangenen fünf Jahren fast immer die meisten Bußgelder und Verwarnungen pro Messung erteilt – teilweise sogar doppelt bis vier Mal so viele wie.

Das Ampel-Argument sieht Ortsvorsteher Hannes Volz (Bündnis 90/Grüne) darüber hinaus entkräftet: „Dann muss die Ampelschaltung eben angepasst werden, das kann ja so schwer nicht sein.“ Dass dies technisch gesehen tatsächlich nicht so schwer ist, bestätigt Georg Förster, Leiter des Straßenverkehrs- und Tiefbauamts in Kassel. Allerdings sei die Programmierung sehr zeitintensiv. Hierfür genüge das Personal nicht.

Wussten Sie schon, dass...

  • es in Frankfurt 2015 und 2016 einen Verkehrsversuch „Tempo 30 bei Nacht“ auf vier Hauptverkehrsstraßen gab?
  • sich der Lärm bei den Versuchen um 2,8 bis 4,5 Dezibel verringert hat (Eine Reduzierung um drei Dezibel ist durch das menschliche Ohr gerade wahrnehmbar; eine Verringerung um 10 Dezibel entspricht einer Halbierung des Lärmempfindens)
  • auch der Ortsbeirat Rothenditmold einen Antrag beschlossen hat, die Geschwindigkeit auf verschiedenen Abschnitten der Wolfhager Straße auf Tempo 30 zu beschränken – und das sogar ganztags?
  • die Anträge der Ortsbeiräte zwar an den Magistrat gerichtet werden, die Erstellung des Lärmaktionsplans aber dem Regierungspräsidium obliegt?

Hintergrund: Das ist der Unterschied zwischen einem Bußgeld und einem Verwarnungsgeld

Den Unterschied zwischen Verwarnung und Bußgeld regelt das Ordnungswidrigkeitengesetz (OWiG, § 56). Eine Verwarnung und damit ein Verwarnungsgeld bis 35 Euro blüht Betroffenen innerorts bei Geschwindigkeitsüberschreitungen bis zu 21 km/h (außerorts bis 31 km/h). Alles darüber wird teurer und geht in die Punkte. Dann spricht man von einem Bußgeld, das für den Betroffenen ein Verfahren mit sich zieht. Für Lkw gelten andere Grenzen.

"Die Leute fahren einfach zu schnell" - Stimmen von Anwohnern und Beschäftigten an der Holländischen Straße

Der Verkehr an der Holländischen Straße ist ein sensibles Thema. Das zeigt sich unter anderem daran, dass Menschen, die dort leben oder arbeiten, häufig nur anonym dazu bereit sind, Position zur Lärmdebatte zu beziehen. Wir haben uns vor Ort umgehört, wie Betroffene die Belastung durch den Lärm empfinden und was sie von den Vorschlägen aus dem Ortsbeirat halten. 

Ist gegen Tempo 30 auf der Holländischen Straße: Gottlieb Drechsler-Grau.

„Die Holländische Straße ist schon seit Langem viel befahren, ich habe mich im Laufe der Jahre an den Lärm gewöhnt, höre ihn kaum noch“, sagt Gottlieb Drechsler-Grau, der in der Löwen-Apotheke an der Holländischen Straße arbeitet. Er sei aber froh, nicht dort zu wohnen. „Für Leute, die hier leben müssen, ist es sicher schlimm. Das liegt auch an der Bauweise der Häuser, die oft schlecht gedämmt sind“, sagt er. 

Eine Tempo-30-Zone ergebe keinen Sinn: „Das löst das Problem überhaupt nicht, genauso wenig, wie Verkehrsinseln und andere Dinge, die halten den Verkehr nur auf“. 

Anderer Meinung ist Anwohner Abdul Hamid: „Es ist einfach zu laut.“ Er hält die Begrenzung der Geschwindigkeit auf Tempo 30 für eine gute Idee: „Die Leute fahren einfach zu schnell. Dagegen muss etwas getan werden.“ 

Weitere Anwohner beklagen die Lautstärke von Einsatzfahrzeugen, die den Grundlärm noch verschlimmerten. Auch die Feinstaubbelastung an der Straße wird kritisiert. Man könne die Fenster kaum zum Lüften öffnen, heißt es. Zudem gebe es immer wieder illegale Autorennen. Dagegen würden auch Geschwindigkeitsbegrenzungen nichts helfen. 

Ist für Tempo 30 auf der Holländischen Straße: Victor Hernández.

Die illegalen Autorennen hat auch Victor Hernández registriert. Der 40-Jährige wohnt seit 2001 an der Holländischen Straße, zwischen Mombachstraße und Henkelstraße – einem der am stärksten betroffenen Abschnitte. Trotzdem empfinde er den Lärm nicht als tragisch. „Wenn man sich ausgesucht hat, hier zu leben, weiß man ja um den Verkehr.“ 

Die Vorschläge aus dem Ortsbeirat bewertet er unterschiedlich. Bei Flüsterasphalt sei ihm der Kosten-Nutzen-Faktor zu gering. „In dem Dezibelbereich lohnt sich das nicht.“ Tempo 30 nachts hingegen könne er sich vorstellen. „Aber man muss einen Verkehrsfluss herstellen.“ Hierfür schlägt Hernández stationäre Blitzer oder häufigere mobile Messungen vor, sollte das Tempolimit herabgesetzt werden. 

Dass dieser Vorschlag bei vielen auch auf Ablehnung stößt, wundert ihn nicht. „In einem Land wie Deutschland, einem Land ohne Limits, ist so etwas schwer zu kommunizieren.“ Für wirkungsvoller halte er einen kostenlosen Nahverkehr, sodass Pendler ihr Auto vor den Toren der Stadt stehen lassen könnten.

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