Mehrere Beschwerden von Mietern

Kakerlaken-Alarm im Schmuddelhaus am Holländischen Platz in Kassel

Will am liebsten ausziehen: Bruno Weiss ekelt sich in dem Haus am Holländischen Platz. Foto: Rudolph

Kürzlich haben wir über die Zustände in dem schmuddeligen Mietshaus am Holländischen Platz berichtet: Müll, Drogen und Kriminalität. Daraufhin haben sich zwei Mieter gemeldet.

Sie sagen: Es ist alles noch viel schlimmer.

Bruno Weiss hat in seinem Ein-Zimmer-Apartment am Holländischen Platz jede Menge Mitbewohner. Wenn er ein paar Dutzend davon rauswirft, sind am nächsten Tag neue in der Falle. Seine Wohnung ist von Kakerlaken befallen - wie vermutlich viele weitere im Haus.

Ganz schlimm sei es vor einigen Wochen gewesen, schildert der 52-Jährige. Da habe der Hausflur nur so vor den kleinen Ungeziefern gewimmelt. Zwar sei der Kammerjäger schon mehrfach im Haus gewesen, doch mit seinem Gift habe er dauerhaft nichts ausrichten können. „Das wundert mich nicht“, sagt Weiss: „Es gibt hier Wohnungen, die müssten direkt geräumt und grundgereinigt werden.“ Solange einige Nachbarn den Kammerjäger nicht hereinließen, würden die Kakerlaken immer wieder von dort ausschwärmen.

Schädling und Infektionsrisiko: Das Bild zeigt eine Kakerlaken (Schabe) mit ihrem Eierpäckchen. Foto: Picture Alliance

„Ich ekele mich, ich habe Angst, ich fühle mich hier nicht wohl“, sagt Bruno Weiss über sein Zuhause. Seit sechs Jahren ist er Mieter in dem Wohnkomplex am Holländischen Platz. Die 203 Apartments gehören verschiedenen Eigentümern und werden von einer Hausverwaltung in Vellmar betreut. Eine Vorzeigeadresse sei das Haus noch nie gewesen, sagt Weiss. Aber in den vergangenen Jahren sei es immer schlimmer geworden. Da seien viele Bulgaren eingezogen. Insgesamt sei die Bewohnerschaft gemischt: „Studenten, Arbeitslose, Drogendealer, Alkoholiker, ehemalige Obdachlose“, zählt der 52-Jährige auf, der frühverrentet ist und von 400 Euro im Monat leben muss.

Jetzt haben Weiss und sein Nachbar Thorsten Eicker sich wegen der Hygienemängel im Haus an das Gesundheitsamt gewandt. Sie berichteten der Behörde auch von den Ratten, die sich ab der Dämmerung im Innenhof des Hauses tummeln. Kürzlich habe eine tote Ratte tagelang vor seinem Balkon gelegen, erzählt Weiss. „Die Leute werfen ihre Lebensmittel und ganze Müllsäcke einfach aus dem Fenster.“ In der Tat liegen in dem Hof vergammelte Brotkanten, Konserven, Scherben und jede Menge Plastikmüll, als die HNA vor Ort ist.

Die Beschwerdeliste geht noch weiter: Es werde regelmäßig in den Hausflur uriniert und selbst das große Geschäft habe dort schon jemand hinterlassen, berichten die beiden Bewohner. Neulich habe eine Prostituierte ihren Freier im Hausflur bedient. „Die Putzfrau wollte ich hier auch nicht sein“, sagt Thorsten Eicker, der in einem Callcenter arbeitet und sich jeden Tag freut, wenn er das Haus verlassen kann.

Auch nachts komme man kaum zur Ruhe, berichten die Bewohner. Dann fänden vor der Unterführung am Hopla Saufgelage mit lauter Musik statt. Und mittendrin liefen bis spät in die Nacht kleine Kinder herum.

Das sagt das Gesundheitsamt

Das Eckhaus am Holländischen Platz beschäftigt das Kasseler Gesundheitsamt nicht zum ersten Mal. „Das ist ein Dauerbrenner“, sagt stellvertretender Amtsleiter Dr. Markus Schimmelpfennig. Aktuell lägen fünf Beschwerden wegen Schabenbefall vor. Diese nehme man sehr ernst. „Schaben und auch Ratten finden wir gar nicht lustig“, sagt Schimmelpfennig. Sie könnten ernste Infektionskrankheiten übertragen.

Schwierig sei, dass in dem Haus ein sehr gemischtes Publikum wohne. Darunter auch Ausländer, die aus so ärmlichen Verhältnissen stammten, dass Ungeziefer für sie normal sei. „Wer mit Ratten und Schaben aufgewachsen ist, stört sich nicht daran“, sagt Schimmelpfennig. Auch Alkoholiker oder Drogenabhängige seien für das Thema schwer erreichbar.

Das Problem sei aber, dass Schabenbekämpfung nur simultan funktioniere. Wenn man die Schädlinge in vereinzelten Apartments bekämpfe, suchten sie sich über Kabelkanäle oder andere Ritzen Ausweichquartiere und tauchten dann an anderer Stelle wieder auf.

Man könne aber bei fünf Befallsmeldungen nicht ohne Weiteres allen 203 Wohnparteien eine Schabenbekämpfung auferlegen, erläutert Schimmelpfennig. „Es gilt das Gebot der Verhältnismäßigkeit.“ Deshalb habe man nun ein zweischrittiges Verfahren eingeleitet: Zunächst sollen in Zusammenarbeit mit der Hausverwaltung alle Wohnungen begutachtet werden. Sollte der Zutritt freiwillig nicht gewährt werden, könne das Gesundheitsamt dies notfalls auch anordnen. Wenn sich dann herausstelle, dass sehr viele Wohnungen befallen seien, könne man unter Berufung auf das Infektionsschutzgesetz eine Simultanbekämpfung im gesamten Haus anordnen.

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