Insekten-Jagd in Kasseler Schmuddelhaus

Kammerjäger macht Kakerlaken am Holländischen Platz den Garaus

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Im Hinterhof: Zu sehen ist die Rückseite des Hauses Holländische Straße 17. Auf dem Hof steht der Wagen von Schädlingsbekämpfer Björn Nöchel.

Kassel. Ungeziefer, Drogen und Dreck: Das große Mietshaus am Holländischen Platz in Kassel genießt nicht gerade den besten Ruf. Als die Kammerjäger am Dienstag anrückten, waren wir dabei.

In einer großangelegten Aktion geht es den Kakerlaken an den Kragen. Im Mietshaus Wolfhager Straße 2/ Holländische Straße 17 rücken am Dienstagmorgen auf Initiative der Eigentümergemeinschaft die Kammerjäger an, um den Ungeziefer-Befall einzudämmen.

Begeleitet werden die beiden geprüften Schädlings-Bekämpfer von der Firma „Nöchel Hygieneservice“ aus Bad Zwesten von einem ganzen bürokratischen Gefolge. Städtische Mitarbeiter von Ordnungs- und Gesundheitsamt sind anwesend. Die Aktion war mit Aushängen im ganzen Haus angekündigt worden. Denn: Ein erster Termin im Dezember war geplatzt, da einige Mieter angedeutet hatten, keinen Zugang zu ihrer Wohnung zu gewähren.

Die meisten Mieter öffnen die Tür

Der Großteil der betroffenen Mieter zeigt sich an diesem Morgen allerdings kooperativ und öffnet die Türen. Bei den Wohnungen, in denen kein Mieter anzutreffen ist, macht der Tross der Schaben-Jäger kurzen Prozess. 

Einige Türen werden von einem Schlüsseldienst geöffnet, die Kosten dafür müssen die Mieter tragen. Dieses Vorgehen ist nur aufgrund einer ordnungsrechtlichen Verfügung möglich, die die Stadtverwaltung ausgestellt hat.

Selbstschutz geht vor: Björn Nöchel braucht eine Gasmaske, wenn er mit dem Fraßgel nicht weiterkommt. Dann muss die Wohnung „ausgenebelt“ werden, wie er sagt.

Viele Bewohner äußern ihre Erleichterung, dass nun endlich was gegen das Ungeziefer getan wird. Andere bekunden Zweifel an dem Einsatz: „Das bringt alles nichts, das hat die letzten Male auch nichts gebracht“, sagt eine aufgebrachte Frau. 

Ganzes Haus muss auf einmal gesäubert werden

Das besondere heute: Das gesamte Gebäude Holländische Straße 17 wird simultan behandelt, wie es in der Fachsprache der Schädlings-Jäger heißt. „Nur wenn die Schädlinge in allen Gebäudeteilen gleichzeitig bekämpft werden, ist die Maßnahme wirksam“, erklärte ein Sprecher der Stadt auf Anfrage.

Anderen Bewohnern ist die Gleichgültigkeit über die Zustände in ihrem Haus anzusehen: Sie sehen nicht gepflegter als ihre Wohnungen aus. In vielen Etagen sieht man zerbrochene Wohnungstüren. Die Gerüche reichen von altem Speisefett bishin zur ganzen Bandbreite verschiedener Körperflüssigkeiten. 

Ausgemerzt: Diese deutsche Schabe, auch Kakerlake genannt, ist dem Gift erlegen.

Schnell wird aber klar: Nicht das ganze Haus ist in diesem ekeleregenden Zustand. Viele Mieter wohnen in geordneten Wohnverhältnissen und gewähren bereitwillig Einblicke.

Für viele unertragbare Zustände

Eine Mieterin, die unter dem Problem leidet, statt Teil davon zu sein, ist Nadine Layda. Sie wohnt im dritten Stock, dort wo sich die Schädlinge besonders ausgebreitet haben. „Ich schlafe seit drei Monaten nicht mehr in meiner Wohnung, das ertrage ich nicht.“ Auch bei ihr verpuffte eine erste Säuberungs-Aktion wirkungslos.

Nadine Layda will unbedingt umziehen. Doch so einfach ist das nicht: „Wenn ich meine jetzige Adresse nenne, sind die Reaktionen der Vermieter oft ähnlich. Suchen Sie mal schön weiter, ist dann das Motto“, erzählt Layda.

Nächste Wohnung: Die Schädlingsbekämpfer Björn Nöchel (rechts) und Andreas Vogt im Einsatz.

Am wenigsten aufgeregt ist Schädlings-Bekämpfer Björn Nöchel. „Solche Wohnzustände gehören zu meiner täglichen Arbeit. Die Begleitumstände sind aber heute schon außergewöhnlich“, sagt er und schiebt sich – doch etwas genervt – durch den engen Flur, vorbei am Tross der Offiziellen, weiter zur nächsten Wohnung.

Hintergrund: Nervengift gegen Schädlingsbefall

Schädlings-Bekämpfer Björn Nöchel war am Holländischen Platz im Großeinsatz. In zahlreichen Wohnungen verteilte er gemeinsam mit seinem Kollegen sogenannte Detektoren. Die stark riechenden Klebeflächen ziehen die Schaben an, bei Kontakt bleibt das Ungeziefer kleben. Außerdem nutzte der Kammerjäger ein sogenanntes Fraßgel. Die Paste brachte er an besonders anfälligen Stellen in der Wohnung an, beispielsweise im Kochbereich. Das enthaltene Nervengift ist Imidacloprid, laut Wikipedia handelt es sich um eins der weltweit meistverwendeten Insektizide. 

Schädlingsbekämpfer entfernten Kakerlaken aus Schmuddelhaus

Dass Schaben, auch Kakerlaken genannt, Kannibalen sind, kommt Nöchel gelegen: „Die fressen die verendeten Tiere und sterben selbst dran.“ In besonders stark befallenen Wohnungen hilft das Fraßgel aber nicht. Dann muss die ganze Wohnung „ausgenebelt“ werden und ist für acht Stunden unbewohnbar. 

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