Kasseler Nordstadt

„Sie schaffen ein Ghetto“: Ausländerbeirat lehnt Container für Flüchtlinge ab

Kassel. Wie die Gemeinschaftsunterkunft in der Nordstadt für bis zu 150 Flüchtlinge aussehen könnte, wurde jetzt erstmals im Ausländerbeirat präsentiert. Bernardo Barba von der Immobilienfirma Vinber, die die Unterkunft im Auftrag der Stadt betreiben wird, zeigte Computergrafiken der geplanten Anlage.

Für die Veröffentlichung in der Zeitung stellte er die Bilder allerdings nicht zur Verfügung, da es sich um eine vorläufige Planung handele. Die Anlage an der Bunsenstraße werde vier oder fünf Bauten, die aus einzelnen Containermodulen zusammengesetzt sind, umfassen, sagte Barba. Für zwei Personen stünden 14 bis 15 Quadratmeter zur Verfügung, für Familien gebe es auch größere Zimmer. Die Gesamtfläche einschließlich Küchen, Gemeinschafts- und Sanitärräumen betrage 2000 Quadratmeter.

Die Kosten für die Errichtung der Anlage bezifferte er auf Nachfrage mit 500 bis 1000 Euro pro Quadratmeter. Demnach müssten sie bei über einer Million liegen. Die Firma wird der Stadt einen Tagessatz pro dort untergebrachtem Asylbewerber in Rechnung stellen. Die Höhe wurde nicht genannt. Die Großunterkunft ist für die Dauer von fünf Jahren geplant. Barba betonte mehrfach, die Containerbauten - er sprach von „Modulbauweise“ - hätten nichts mit Baustellencontainern zu tun.

Die komplett neuen Bauten würden mit einer „schönen Aluminiumfassade“ verkleidet. Den Ausländerbeirat konnten die Ausführungen offensichtlich nicht überzeugen. Einstimmig sprachen sich die 25 Beiratsmitglieder gegen den Bau der Containeranlage aus und forderten die Stadt auf, die Flüchtlinge im gesamten Stadtgebiet in Wohnungen unterzubringen. „Wir wollen, dass Kassel ein guter Gastgeber ist für die Menschen in Not, die hierherkommen“, sagte Ausländerbeiratsvorsitzender Kamil Saygin. Besonders emotionale Wortmeldungen kamen von Besuchern der Sitzung.

„Sie schaffen hier ein Großghetto ohne soziale Anbindung“, sagte Thomas Aleschewsky, der sich beim Hessischen Flüchtlingsrat engagiert. Vertreter der Kasseler Initiative Refugees Welcome sprachen von einem Lager, das dort errichtet werde. Stadtverordneter Axel Selbert (Linke) warf der Stadt angesichts der schlechten Unterbringung für Flüchtlinge „sozialpolitischen Rassismus“ vor. Mario Neumann vom städtischen Sozialamt beteuerte mehrfach, dass es sich bei den Containern um eine Unterbringungsform handele, „die die Stadt nie haben wollte“. Sie sei dem Zeitdruck geschuldet, wegen der stark gestiegenen Flüchtlingszahlen neue Unterkünfte schaffen zu müssen.

Man habe voriges Jahr intensiv nach kleineren Unterkünften in festen Gebäude gesucht, jedoch hätten sich alle geprüften Standorte zerschlagen. Die Stadt sei aber weiterhin auf der Suche nach kleineren Gemeinschaftseinrichtungen. Ab April werde voraussichtlich in Harleshausen eine Unterkunft für bis zu 25 Personen entstehen. Wo sich diese befindet, könne man erst sagen, wenn die Verträge unterzeichnet sind.

Von Katja Rudolph

Hintergrund

Die Hälfte lebt in Wohnungen

Mehr als die Hälfte der rund 490 Asylbewerber, die derzeit in Kassel leben, ist nach Angaben des städtischen Sozialamts in Wohnungen untergebracht (etwa 250 Personen). In den Gemeinschaftsunterkünften in der Jägerkaserne und im Druseltal leben aktuell jeweils 110 Menschen. In der ehemaligen Heinrich-Steul-Schule, die diese Woche in Betrieb genommen wurde, sind bislang 16 Flüchtlinge untergebracht.

In den nächsten Monaten sollen dort bis zu 110 Menschen einziehen. Die Steul-Schule soll voraussichtlich für sechs Monate, maximal ein Jahr, als Flüchtlingsheim genutzt werden. Sie soll schließen, wenn die neue Containerunterkunft an der Bunsenstraße fertig ist - geplant ist das für Juli. (rud)

Rubriklistenbild: © Koch

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