Kasseler NSU-Mord: Ermittler bezweifeln Aussagen von Andreas T.

Kassel/Wiesbaden. Der NSU-Untersuchungsausschuss im Landtag widmet sich erstmals dem Tag des Mordes in Kassel. Zwei Kriminalbeamte bezweifeln die Angaben des Verfassungsschützers, der damals am Tatort war und nichts gesehen haben will.

Der Verfassungsschützer Andreas T. war beim Kasseler NSU-Mord am Tatort - will aber nichts gesehen haben. Dem widersprach am Montag im Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags ein Ermittler. "Aus meiner Einschätzung hätte er das Opfer sehen müssen", sagte Kriminalkommissar Karl-Heinz Gerstenberg.

Das parlamentarische Gremium in Wiesbaden untersucht Fehler bei den Ermittlungen zum Mord am deutsch-türkischen Internetcafé-Besitzer Halit Yozgat am 6. April 2006, der dem rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrund angelastet wird. Erstmals ging es im NSU-Ausschuss unmittelbar um die Geschehnisse im Café.

Erst einige Wochen nach der Tat wurde bekannt, dass dort kurz vor oder während der tödlichen Kopfschüsse auf Yozgat auch der Verfassungsschützer Andreas T. war. Er hat nach seinen Angaben privat im Internet gechattet. Von den tödlichen Schüssen auf Yozgat will er nichts bemerkt haben, weil er im Hinterraum am Computer saß. Er habe dann beim Verlassen 50 Cent auf den Verkaufstresen gelegt, weil er den ihm bekannten Inhaber nicht gesehen habe. Als T. selbst unter Tatverdacht geriet, rekonstruierte die Polizei mit einem Video dessen Verhalten im Café.

Beim Bezahlen hätte T. den hinter seinem Schreibtisch tot auf dem Boden liegenden Yozgat sehen müssen, kommentierte Gerstenberg das im Ausschuss gezeigte Polizeivideo. Auf dem Tresen habe es auch Blutspuren gegeben. Sein Kollege Werner Itter, der damals das Video zusammen mit T. aufnahm, war sich nicht ganz so sicher. "Es kann sein, es kann nicht sein", sagte er zur Frage, ob T. das Opfer habe bemerken müssen.

Die Tatort-Präsenz T.s, der damals trotz vorübergehender Festnahme und widersprüchlicher Aussagen von der Spitze des Verfassungsschutzes gestützt wurde, sorgt bis heute für Rätsel. Die Ermittlungen gegen T., der inzwischen nicht mehr beim Verfassungsschutz ist, sind eingestellt worden. Mehrfach ist er als Zeuge im laufenden Münchner NSU-Prozess vernommen worden. T. führte in Kassel auch V-Leute aus dem rechtsextremen Spektrum.

Ermittler Gerstenberg vertrat die Ansicht, dass der kaltblütig mit einer schallgedämpften Ceska begangene Mord an Yozgat nicht auf einen Einzeltäter zurückgehen könne. Da das Café in Kassel an einer belebten Straße liege, sei das Risiko für einen einzelnen zu groß gewesen. Kaum begreiflich sei auch, dass mehrere Zeugen im Internet-Café selbst nichts bemerkt hätten. Ein Mann hatte damals nur zwei Meter vom Verkaufstresen entfernt in einer Kabine telefoniert und lediglich zwei "Knallgeräusche" - die Schüsse - vernommen. (dpa)

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