Essener Kollegen sind Gesprächsthema

Kasseler Tafel: "Flüchtlinge essen hier niemandem etwas weg"

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Kommen mit den meisten Kunden gut klar: Eva Rühlmann-Dippel und Vevi Westermann arbeiten ehrenamtlich in der Kasseler Tafel an der Holländischen Straße.

Kassel. Der Fall der Essener Tafel, die wegen der vielen Flüchtlinge nur noch Deutsche neu aufnimmt, ist auch in der Kasseler Tafel das Gesprächsthema. Probleme gibt es hier aber nicht.

Hans-Joachim Noll

Allerdings gibt es dort nach Auskunft des Vorsitzenden Hans-Joachim Noll wegen der Flüchtlinge weder Gerangel noch Streit. Dies liegt auch daran, dass die Kasseler Tafel bereits zu Beginn der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 die Neuaufnahme von Asylbewerbern reguliert hat, sodass sich die langjährigen Kunden nicht verdrängt fühlen müssen. Die Kasseler Tafel versorgt 1250 Haushalte, in denen ungefähr 3000 Bedürftige leben, mit Nahrungsmitteln, die Lebensmittelmärkte und Hersteller gespendet haben. „Die Zahl ist seit Jahren stabil“, sagt Noll. Dies gelte auch für die Warteliste, auf der 200 bis 300 Personen stehen. Unter den Kunden sind aktuell acht Prozent Asylbewerber.

Nur wer eine Berechtigungskarte hat, erhält zweimal monatlich drei Tüten Lebensmittel in der Ausgabestelle an der Holländischen Straße. Jeder Kunde bekommt eine feste Uhrzeit zur Abholung zugeteilt, sodass es keine langen Schlangen gibt, in denen Unmut entstehen könnte.

Als die Flüchtlingskrise ihren Lauf nahm, entschloss sich die Kasseler Tafel zudem dazu, das Verhältnis zwischen den Neuankömmlingen und den langjährigen Nutzern „in ein vernünftiges Maß zu bringen“, sagt Noll. Eine feste Obergrenze gebe es nicht. Doch der Anteil der Flüchtlinge hatte sich zuletzt zwischen fünf und zehn Prozent bewegt. „Die essen hier niemandem etwas weg. Das haben wir den Stammkunden, die aus 65 Nationen stammen, frühzeitig vermittelt“, sagt Noll.

Der Tafel-Chef hat kein Verständnis für die Kritik, die über seinen Essener Kollegen hereingebrochen ist. Er würde sich nie anmaßen, über dessen Entscheidungen zu urteilen, ohne die Lage vor Ort zu kennen. „SPD und CDU halten Schaufensterreden. Das ist unehrlich.“

Ortsbesuch: So geht es in der Kasseler Tafel zu

Ein Dutzend Menschen sitzt im Wartebereich der Kasseler Tafel. Darunter sind ältere Damen aus Osteuropa wie junge männliche Flüchtlinge. Sie verhalten sich ruhig und warten darauf, dass sie aufgerufen werden. Hektisch ist es nur hinter dem Tresen. Dort wirbeln Eva Rühlmann-Dippel und Vevi Westermann. Die beiden Frauen arbeiten ehrenamtlich bei der Kasseler Tafel und füllen fleißig Tüten: Blumenkohl, Möhren, Wurst, Käse, Äpfel und bunt bemalte Ostereier wandern in die Taschen.

Die ehrenamtlichen Damen sind stets freundlich. Bevor etwas in die Tüten gepackt wird, werden die Bedürftigen gefragt, ob diese etwas damit anfangen können. „Die meisten sind dankbar. Wenn jemand nicht auf Freundlichkeit reagiert, dann schnauze ich ihn aber auch mal an“, sagt Rühlmann-Dippel. Heute sei weniger los als sonst. „Dies liegt am 1. März“, weiß eine Tafel-Mitarbeiterin. Die Menschen haben gerade Hartz IV, Grundsicherung, Wohngeld, BAföG oder Asylbewerberleistungen erhalten und verzichten deshalb auf den Gang zur Tafel.

„Niemand kommt gern, für viele ist der Besuch mit Scham verbunden“, sagt der Vereinsvorsitzende der Tafel, Hans-Joachim Noll. Nur wer eine staatliche Transferleistung erhält, hat Zugang zum Angebot. Weil es wegen der begrenzten Nahrungsmittelspenden nicht möglich ist, mehr als 1250 Berechtigungskarten auszugeben, griff die Tafel schon vor der Flüchtlingswelle auf ein Rotationsprinzip zurück. So müssen einzelne Kunden immer mal wieder ein Jahr pausieren, damit Interessenten von der Warteliste zeitnah in den Genuss der Tafel-Lebensmittel kommen. Dieses Prinzip half auch in der Flüchtlingskrise – zu deren Hochzeit bis zu 20 Prozent der Kunden Flüchtlinge waren – die Kapazitäten gerecht zu verteilen. „Jeder bekommt das Gleiche. Drängeln lohnt sich nicht. Wobei es sich bei unseren Lebensmitteln nur um eine Zusatzversorgung handelt“, sagt Noll. Wegen der Flüchtlinge habe ihn nur eine einzige Beschwerde eines Stammkunden erreicht, der sich benachteiligt fühlte.

Täglich schlagen die 140 ehrenamtlichen Helfer der Kasseler Tafel ein bis zwei Tonnen Lebensmittel um. Damit arbeitet die Einrichtung an ihrer Belastungsgrenze. Wenn die Nachfrage zu groß wird, schließt die Tafel ihre Warteliste. Damit soll vermieden werden, dass jemand monatelang auf einen Berechtigungsschein warten muss. Wobei nur anerkannte Flüchtlinge einen Anspruch haben. In der Erstaufnahme sei die Versorgung mit Lebensmitteln ohnehin gewährleistet, sagt Noll.

Der Essener Fall hat den Vereinsvorsitzenden verärgert. „Die Probleme der Migration, die insbesondere in den Städten zu lösen sind, wurden nicht von den Tafeln verursacht“, sagt Noll. Die Leute zu verurteilen, die anderen Menschen helfen wollen, sei unangemessen. Deshalb nehme er seinen Kollegen von der Essener Tafel in Schutz, der entschieden hatte, bis auf Weiteres keinen neuen Ausländer in die Verteilung aufzunehmen.

Hier befindet sich die Kasseler Tafel

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