120 neue Jobs

Bombardier: Lokbau wieder in Bestform

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Wieder ausgelastet: das Bombardier-Werk in Kassel. Unser Foto zeigt Cem Demir und Alexej Samozwetow bei Anschlussarbeiten unter einer neuen Lokomotive.

Kassel. Das Bombardier-Werk Kassel ist das weltweite Lok-Kompetenzzentrum des deutsch-kanadischen Bahntechnik-Konzerns. Nun hat es seine Krise überwunden

Steffen Riepe

Ein sanfter Druck auf den kleinen, schwarzen Joystick links im Führerstand, und der 84-Tonnen-Koloss setzt sich langsam in Bewegung. Um die neue AC3-Elektrolok aus dem Kasseler Bombardier-Werk zu bremsen, zieht man das Steuerknüppelchen wieder zurück und betätigt den Joystick auf der rechten Seite. Für beide ist viel Fingerspitzengefühl nötig – auch wenn nur ein kleines Dieselhilfsaggregat läuft, das eigentlich dem Rangieren dient oder dazu, die Fracht auf den letzten nicht elektrifizierten Kilometern, etwa in einem Chemiewerk, direkt ans Ziel zu bringen, ohne auf eine andere Zugmaschine vorspannen zu müssen. Das können weltweit nur Kasseler Loks der modernsten Baureihe. „Da haben wir ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Werkleiter Steffen Riepe.

Wenn der richtige Antrieb eingeschaltet wird, der den Starkstrom aus den Oberleitungen zieht, entwickelt die fast 19 Meter lange und drei Meter Breite Lok 7600 PS und ohne Waggons einen Schub, der dem eines Sportwagens in nichts nachsteht. Die jüngste Lok aus dem Traxx-Baukasten ist der Renner und sichert mit einigen weiteren Neuheiten die Beschäftigung im Kasseler Werk. 130 hat die Deutsche Bahn in unterschiedlichen Varianten verbindlich bestellt und sich eine Option auf weitere 320 gesichert. Der aktuelle Auftrag jedenfalls soll bis 2018 abgearbeitet werden.

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Ein weiterer Renner aus Kassel und bislang ebenso einzigartig ist die Multi-Engine-Lok –eine Zugmaschine, die nicht einen einzigen großen, sondern vier kleine, intelligent gesteuerte Antriebe hat, die bedarfsgerecht zu- oder abgeschaltet werden. Das heißt: Bei geringer Last und Geschwindigkeit reicht ein Motor, falls erforderlich werden weitere aktiviert. Das spart Sprit und schont die Umwelt. Bis zu 200 dieser Loks will die Bahn haben, 20 sind bereits ausliefert, fünf werden gerade gebaut.

Aber nicht nur die Deutsche Bahn schätzt die Loks aus Kassel. Das französische Leasing-Unternehmen Akiem, eine Tochter der französischen Staatsbahn SNCF, hat AC3-Loks geordert. Ebenso der dem US-Investor Oaktreee gehörende Bahntechnik-Verleiher Railpool, der zusätzlich auch AC2-Multisystemloks bestellt hat. Diese Zugmaschinen sind technisch so ausgestattet, dass sie im grenzüberschreitenden Verkehr in mehreren europäischen Netzen mit unterschiedlichen Stromarten- und stärken sowie Zugsicherungsystemen verkehren können, was teure und zeitaufwändige Lokwechsel überflüssig macht. Auch diese Loks gehören zum Erfolgsrezept der Kasseler. Hinzu kommen weitere Privatkunden aus dem In- und Ausland.

Das war nicht immer so. Im Zuge der Finanzkrise war das Bombardier-Werk 2011 in ein tiefes Auftragsloch gefallen. Nur 50 Loks verließen 2013 die großen Hallen im Werk Mittelfeld. 2014 waren es schon fast doppelt so viele. Im kommenden sollen es 111 werden – eine gute Auslastung, wie Riepe erklärt. „Die Stimmung ist sehr gut“, sagt er. Die gute Auftragslage wirkt sich auch auf die Beschäftigungslage aus. Die Zahl der Mitarbeiter stieg binnen Jahresfrist um 120 auf derzeit 870 – davon ist ein Viertel Zeitarbeiter.

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