Komplex am Holländischen Platz

Müll, Kakerlaken, Drogen: Das wurde aus dem Schmuddelhaus von Kassel

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Um diesen Wohnkomplex geht es. Hier die Ansicht von der Holländischen Straße aus.

Kassel. Müll im Innenhof, Kakerlaken in Wohnungen, Drogen und ein paar Mieter, denen scheinbar alles egal ist. Der Wohnkomplex am Holländischen Platz hat einen zweifelhaften Ruf.

Wie hat sich die Situation verändert, seitdem im Februar 2017 in einer großangelegten Aktion Kakerlaken bekämpft wurden?

Das war passiert:

Nur wenige Meter vom immer stärker pulsierenden Uni-Campus entfernt und in Sichtweite der Neuen Hauptpost, wo sich im Sommer noch internationale Kunstliebhaber versammelten, steht der große, gelbbraune Wohnkomplex. Er besteht aus zwei Häusern, der Holländischen Straße 17 und der Wolfhager Straße 2. Insgesamt gibt es dort 203 Wohnungen, die im Besitz von etwa 150 Eigentümern sind. Viele von ihnen wohnen selbst nicht in Kassel.

Mieter berichteten schon 2016 von erschreckenden Zuständen im Haus – menschlicher und hygienischer Natur. Doch gibt es nicht nur in besagtem Haus Probleme, auch auf dem kleinen Platz davor kommt es häufig zu Ärger. Vor den Eingangstüren tummeln sich häufig Trinker und andere Drogensüchtige, berichtet ein Mieter im September 2016 gegenüber der HNA. Auch im Hausflur selbst würden Drogen offen konsumiert. Die Schilder an den Haustüren  - „Aufenthalt von Gruppen verboten“ – werden vollkommen ignoriert. Die Grünflächen vor dem Haus sind übersät mit Müll. Auch der Einsatz eines privaten Sicherheitsdienstes konnte den Störenfrieden bisher keinen Einhalt gebieten.

Mieter Bruno Weiss.

Für Mieter wie Bruno Weiss sind die Kakerlaken das größte Problem. „Ich ekele mich, ich habe Angst, ich fühle mich hier nicht wohl“, sagte er im Oktober 2016 gegenüber der HNA. Besonders in den vergangenen Jahren sei es schlimmer geworden, sagte der Mieter einer Ein-Zimmer-Wohnung. Wegen der Ungeziefer in Haus und Hof wand sich Weiss, gemeinsam mit einem Nachbarn, an das Gesundheitsamt. Dort sei das Eckhaus nicht zum ersten Mal aufgefallen, erklärte Dr. Markus Schimmelpfennig vom Gesundheitsamt Kassel im Oktober 2016 auf HNA-Anfrage hin.

Zahlreiche Appelle an die Hausbewohner halfen nichts, einige wenige stellten sich quer oder ignorierten die Forderungen der restlichen Bewohner und Eigentümer gleich komplett. Auch Abmahnungen durch die Eigentümerversammlung brachten keine Besserung. Auffällig: Sechs der problematischsten Wohnungen gehörten demselben Besitzer.

Haben sich Kakerlaken einmal breit gemacht, sind sie kaum zu bändigen. Experten sprechen dann von einer Simultanbekämpfung, die notwendig ist. Das heißt: Im gesamten Gebäude werden zeitgleich Fallen und Gifte verteilt, um wirklich alles Ungeziefer auszumerzen. Ein erster Termin mit einem Schädlingsbekämpfer und dem Gesundheitsamt im Dezember 2016 platzte kurzfristig. Einige Mieter hatten angekündigt, nicht kooperieren zu wollen, erklärte ein Rathaus-Sprecher die Absage seitens der Behörden.

Im Februar 2017 wurde dann konsequent durchgegriffen. Die Eigentümerversammlung des Wohnkomplexes wurde gegen den besagten Eigentümer mit sechs Problem-Wohnungen aktiv. Einstimmig beschloss sie einen Entzug des Wohneigentums (siehe Hintergrund unten). Auch die Stadt war nicht untätig. Zum zweiten Termin mit dem Schädlingsbekämpfer Ende Februar kamen nicht nur Hausverwaltung und Vertreter der Eigentümer, sondern auch Ordnungs- und Gesundheitsamt. Die Aktion war mit Aushängen im ganzen Haus angekündigt worden. Wohnungstüren, die nicht freiwillig geöffnet wurden, bearbeitete ein Schlüsseldienst.

Schädlingsbekämpfer Björn Nöchel beim Ausnebeln einer Wohnung.

Die Stimmung vor Ort war angespannt, die unwirtliche Umgebung machte es nicht besser. Zahlreiche Mieter zeigten sich erleichtert, dass endlich wieder was passiere. Viele von ihnen machten auch ihrem Unmut Platz. Unmut, über Wenige, die das ganze Haus in Mitleidenschaft ziehen. Und auch wie diese Wenigen das tun, wurde deutlich: Manche Wohnung – mit mehreren Bewohnern – waren an der Grenze zur Unbewohnbarkeit. Hygiene gab es nicht, in jeder Ecke tummelten sich Kakerlaken. In diesen Fällen halfen auch keine Klebefallen mehr. Diese Wohnungen wurden mit Chemie ausgenebelt.

So steht es um das Haus heute:

Seit Februar gab es monatliche Nachkontrollen des Schädlingsbekämpfers, berichtet Helmut Alex, Vorsitzender des Eigentümerbeirats. Ihm selbst gehören fünf Wohnungen in dem Komplex. Die Nachkontrollen bestätigt auch das Gesundheitsamt. Seitdem lägen keine neuen Beschwerden vor und die vorgesehenen Maßnahmen liefen wie geplant, erklärt die Behörde auf Anfrage. Auch aus Sicht der Eigentümerversammlung haben sich Dinge bewegt.

Von den sechs Problem-Wohnungen habe der besagte Eigentümer drei verkauft, sagt Helmut Alex. Allerdings an einen Strohmann, sagt Alex, der bereits früher bei Zahlungen in Erscheinung getreten sei. „Da hat sich also nichts verändert.“ Mehr Hoffnung gibt den restlichen Eigentümern ein Ziviligerichtsprozess, in dem Anfang Dezember ein Urteil vor dem Kasseler Amtsgericht erlassen wurde. Helmut Alex gibt sich optimistisch, den ungeliebten Miteigentümer loszuwerden und die Situation im Haus zu verbessern.

Vorsitzender des Eigentümerbeirats: Helmut Alex.

Trotz aller Probleme ist sich Alex sicher, dass der Wohnkomplex an und für sich eine attraktive Immobilie sein könnte. „Wir haben fast nie Leerstand“, sagt er. Die Tiefgarage sei mit einer neuen Schließanlage ausgestattet, um unerwünschte Personen raus zu halten. Diese sollte in naher Zukunft auf das gesamte Haus erweitert werden. Auch ein freies WLAN-Netz sei eine Überlegung wert, um mehr Studenten ins Haus zu bekommen. Eine 20-Quadratmeter-Wohnung von Alex kostet warm 275 Euro.

Das sagt die Polizei zu den Problemen:

Die Polizei hat ihre Aktivitäten im Bereich der Unteren Königsstraße im vergangenem Jahr verstärkt, oder zumindest für die Öffentlichkeit wirksamer gestaltet. Im Fokus der BAO Stern (Besondere Aufbauorganisation, Anm. der Red.: Wird bei erhöhtem Kräftebedarf oder übergreifenden Zuständigkeiten eingerichtet) stand zuletzt die Jägerstraße. „Wir haben die anderen Problemzonen in diesen Bereich allerdings nicht aus den Augen verloren. Dazu gehört sicher auch der Bereich vor dem Wohnkomplex, aber auch die Gießbergstraße, wo illegale Prostitution stattfindet. In den Unterführungen des Holländischen Platzes kam es in diesem Jahr auch zu Raubdelikten“ sagt ein Polizeisprecher. Der bloße Aufenthalt in diesen Bereichen sei aber nicht zu verfolgen, auch wenn es Anderen missfalle. 

Das Haus und die nahegelegene Gastronomie, Café und Bistro Montenegro, sei zwar auffälliger als andere Häuser, die Einsätze seien aber nicht täglich. Vor allem gehe es um Ruhestörungen, Drogenmissbrauch und –handel sowie Gewaltdelikte. Kontrollen fänden regelmäßig sowie anlassbezogen statt, auch seien die Maßnahmen nicht immer offen sichtbar. „Wir müssen aber auch ganz klar auf die Verhältnismäßigkeit achten. Gehen wir jeden Tag in die Gaststätte, ist das geschäftsschädigend“, erklärt der Polizeisprecher. Für Ausschanklizenzen und andere Konzessionen sei die Polizei nicht verantwortlich.

Das "Montenegro" - vor allem manche Gäste - ist vielen Eigentümern und Anwohnern ein Dorn im Auge.

Hintergrund: Entziehung des Wohneigentums

Der Schutz des Eigentums ist in Deutschland im Grundgesetz garantiert (Artikel 14). Dementsprechend sind die Hürden sehr hoch, jemandem sein Wohneigentum zu entziehen. Eine Eigentümergemeinschaft in einem Mehrfamilienhaus ist normalerweise unauflöslich. Das heißt, mit den Miteigentümern muss man sich arrangieren. Das Wohneigentumsgesetz (WEG, Paragraf 18) sieht aber die Möglichkeit vor, einem störenden Miteigentümer unter bestimmten Voraussetzungen das Wohneigentum zu entziehen. Wenn der Betroffene trotz Abmahnung wiederholt gegen seine Pflichten verstößt, kann die Eigentümergemeinschaft beschließen, dass derjenige sein Eigentum nicht behalten darf.

Der Begriff Entziehung ist dabei missverständlich: Gemeint ist, dass von dem Miteigentümer verlangt werden kann, dass er seine Wohnungen verkauft. Kommt der Eigentümer der Aufforderung nicht freiwillig nach, kann die Eigentümergemeinschaft auf Entziehung des Wohneigentums klagen (Entziehungsklage). Dann kommt es gegebenenfalls zu einer Zwangsversteigerung.

Schädlingsbekämpfer entfernten Kakerlaken aus Schmuddelhaus

 © Malmus
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