Mit 77 Jahren in den Ruhestand

Nachfolger wird gesucht: Hausarzt in Kassel sucht seit zwei Jahren

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Sucht seit zwei Jahren einen Nachfolger: Dr. Anthony Bugri, Facharzt für Allgemeinmedizin, in seiner Praxis in der Holländischen Straße.

Stellenanzeigen bleiben unbeantwortet, ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht: Seit zwei Jahren sucht der Kasseler Hausarzt Dr. Anthony Bugri aktiv nach einem Nachfolger für seine Praxis in Nord-Holland. Jede Mühe blieb jedoch bislang vergeblich.

An Ruhestand denkt der 77-Jährige, wohl einer der ältesten praktizierenden Ärzte Kassels, noch nicht.

Seit 27 Jahren führt der aus Ghana stammende Facharzt für Allgemeinchirurgie seine Praxis in der Holländischen Straße – ein Lebenswerk, wie er sagt. „Ich habe damals bei null angefangen, heute behandele ich mehrere hundert Patienten im Quartal“, sagt er.

Die Gründe, warum es so schwierig ist, einen Nachfolger zu finden, sind seiner Meinung nach vielfältig. „Das ist alles sehr problematisch“, sagt der Allgemeinmediziner. „Viele scheuen den Weg in die Selbstständigkeit.“ Es sei viel Arbeit, eine eigene Praxis allein zu führen, neben den Sprechstunden am Vormittag stünden Hausbesuche im ganzen Stadtgebiet an, hinzu komme außerdem die Dokumentation, die in den vergangenen Jahren immer zeitaufwendiger geworden sei. 

Er habe den Eindruck, dass mehr Ärzte ihre Praxis abgeben wollen, statt eine zu übernehmen. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es in Kassel 135 Arztsitze und 146 Hausärzten, von denen 44 über 60 Jahre alt sind. Im Durchschnitt ist ein Kasseler Hausarzt knapp 55 Jahre alt. Eine Altersgrenze für Praxisärzte gibt es nicht.

Nord-Holland ist ein abwechslungsreicher Arbeitsplatz

Und doch überwiegt laut Bugri das Positive in seinem Beruf als Arzt. Für seine Patienten nehme er sich Zeit; Kinder, die zuvor Angst vor dem Arztbesuch hatten, versuche er immer zu beruhigen. „Das macht alles schon sehr viel Spaß“, sagt Bugri und lächelt. Ihn freue es immer wieder, wenn ihn Patienten auf der Straße ansprechen.

Hinzu komme der Reiz des multikulturellen Stadtteils Nord-Holland: Hier komme man mit Menschen vieler verschiedener Kulturen zusammen, die Menschen seien sehr dankbar. Ohnehin würden Burgi viele Menschen mit Migrationshintergrund in Kassel aufsuchen, da der gebürtige Afrikaner nicht nur deutsch und englisch fließend beherrsche, sondern auch vier Sprachen Ghanas, französisch und wegen seines Studiums in Rumänien auch rumänisch. „Die Menschen freuen sich, wenn wir uns in ihrer Sprache unterhalten können“, sagt Bugri. Das vereinfache Vieles.

Denn: Sind Patienten nicht der deutschen Sprache mächtig, müssen sie sich laut Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) um einen Dolmetscher bemühen, mit Ausnahme von Flüchtlingen, die einen Dolmetscher gestellt bekommen.

Die KVH bietet Patienten bei der Suche im Internet Hilfe an: Auf ihrer Internetseite finden sie Infos zu den Sprachkenntnissen der Ärzte über die Arztsuche.

Sein Nachfolger müsse natürlich nicht alle Sprachen, die er selbst spricht, beherrschen, sagt Bugri. Vielmehr wünscht sich der 77-Jährige, dass sein Nachfolger offen und aufgeschlossen ist. Auch würde Bugri bei der Einarbeitung zur Verfügung stehen, sein Nachfolger werde nicht ins kalte Wasser geworfen.

Wie es für seinen Patientenstamm weitergeht, wenn Bugri keinen Nachfolger findet, weiß er noch nicht. Er hofft, dass seine Patienten nicht eines Tages vor einer verschlossenen Tür stehen müssen. „Ich wünsche mit jemanden, der den Beruf mit genau so viel Herz macht, wie ich.“

Versorgung von Hausärzten in Kassel

Wo sich neue Mediziner niederlassen können, hänge von der Bedarfsplanung ab, denn Ärzte oder Psychotherapeuten, die gesetzlich Versicherte ambulant behandeln möchten, benötigen einen freien Arztsitz, erklärt Petra Bendrich, Pressesprecherin der KVH. Wie viele es davon in einer Region gibt, regle die Bedarfsplanung. Für die Stadt Kassel liegt der sogenannte Versorgungsgrad des Planungsbereiches bei knapp 116 Prozent. 

Das heißt, Kassel gilt als überversorgt und damit gesperrt, weil die Arztdichte des festgelegten Werts von 110 Prozent derzeit überschritten ist. Dann gilt ein Zulassungsstopp. Insgesamt gibt es in Hessen aber aktuell 187 freie Hausarztsitze, für die Ärzte fehlen. „Der Ärztemangel ist in Hessen angekommen“, sagt Petra Bendrich, Pressesprecherin der KVH. 

Die Gründe seien dafür vielfältig, junge Mediziner wünschten sich wirtschaftlich attraktive Bedingungen, fühlten sich von Regressen bedroht und verlangten eine vernünftige Work-Life-Balance, Zeit für die Familie mit entsprechender Infrastruktur. „Da die Teilzeitbeschäftigung bei Nachwuchsärzten steigt, wird sich das Problem des Ärztemangels weiter verschärfen und die Sicherstellung der ambulanten Versorgung erschweren. Die Zahl der Vollzulassungen geht leider stark zurück“, so Bendrich weiter.

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Kommentare

Stephan StrotkötterAntwort
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Sie ist vielleicht gerade erst zum Dienstbeginn hereingekommen? Oder sie ist in ihrer Freizeit kurz hereingekommen, um mit einer Kollegin etwas zu besprechen? Sie wissen nicht, wer da im Hintergrund warum steht, und äußern irgendwelche Vermutungen. Wenn Sie meinen, dass hier Gesetzesverstöße offensichtlich sind, erstatten Sie doch einfach Anzeige, aber hören Sie bitte auf, andere öffentlich eines Fehlverhaltens zu bezichtigen, ohne dies eindeutig belegen zu können.

khaiyaiAntwort
(0)(1)

In Strassenkleidung? Undenkbar in einer gut geführten Praxis.

GustchenAntwort
(0)(0)

Stimmt, über die Modalitäten erfährt man verständlicherweise nichts.
Wenn ich mein Auto zu einem viel zu hohen Preis anbiete, muss ich auch damit rechnen das sich lange Zeit, oder überhaupt nicht, jemand dafür interessiert.
Unabhängig von diesem Fall sind die geforderten Ablösesummen für Viele ein zu hohes Risiko.

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