"Szene braucht Beschäftigung"

Probleme mit Trinker- und Drogenszene: So soll die Situation verbessert werden

+
Brennpunkt vor der Schule: Der Platz an der Gießbergstraße direkt vor der Paul-Julius-von-Reuter-Schule ist ein Treffpunkt der Trinker- und Drogenszene.

Kassel. Die Drogenhilfe plädiert für mehr Sozialarbeit und Beschäftigungsprojekte für Betroffene, um die Probleme an einschlägigen Treffpunkten in Kassel in den Griff zu kriegen.

Ein Vierteljahr ist es inzwischen her, dass auf dem Platz vor der Reuter-Schule in der Nordstadt ein 34-jähriger Mann erstochen wurden. Mit dem Tötungsdelikt sind auch die Probleme mit der Trinker- und Drogenszene in diesem Bereich wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Für eine Einschätzung, wie man die Situation verbessern könnte, hat der Ortsbeirat Nord-Holland in seiner jüngsten Sitzung die Drogenhilfe Nordhessen zu Rate gezogen. Vor allem mehr Sozialarbeit und Beschäftigungsprojekte für die Szene seien notwendig, lautete die Empfehlung der Fachleute.

Verdrängungseffekt

Angela Waldschmidt

Streetworker der Drogenhilfe suchten die Szene auch auf dem Platz an der Gießbergstraße regelmäßig auf, berichtete Angela Waldschmidt, Geschäftsführerin der Drogenhilfe. Dort hielten sich nicht nur Alkoholiker auf. „Das ist die Drogenszene, die auch trinkt.“ Ziel der Sozialarbeiter sei einerseits, die Menschen an Hilfsangebote heranzuführen, aber auch Konflikte mit Anliegern zu schlichten. Dass ein Verdrängungseffekt vom Friedrichsplatz, der inzwischen stark vom Ordnungsamt überwacht wird, sei nicht von der Hand zu weisen.

Weil die Polizei nach dem Tötungsdelikt verstärkt Präsenz an der Reuter-Schule zeige, weiche die Szene nun erneut Richtung Innenstadt aus. „Es ist ein ständiges Treiben, je nachdem, wer am lautesten schreit“, sagt die langjährige Mitarbeiterin Claudia Roersch.

Nähe zur Schule

Ziel der Sozialarbeiter sei neben der Vermittlung von Hilfsangeboten, mit den Drogenabhängigen Regeln zu vereinbaren, die sie einhalten – etwa dass sie aus Rücksicht auf die Schüler nur auf der Mauer vor der Schule aufhalten, nicht aber an der Bank direkt vor der Schule, sagte Waldschmidt. Auf die Frage, was gegen die Benutzung der Schultoiletten durch die Szene helfe, hatte sie eine klare Antwort: Schwarzlicht. In dem bläulichen Licht lassen sich die Venen nicht gut erkennen – damit ist das Spritzen kaum möglich. Auch die Universität, die zeitweise Probleme mit Fixern auf ihren Toiletten hatte, habe damit gute Erfahrungen gemacht.

Eine eigene Toilette für die Szene halte sie für nicht sinnvoll, sagte Waldschmidt. Ein Dixi-Klo sei kaum sauberzuhalten. Eine Toilette in festen Räumlichkeiten müsste im Prinzip von einer Art Pförtner kontrolliert werden. Damit sich dort niemand eine Überdosis verabreicht.

Trinkraum 

Auch die Einrichtung eines zweiten Trinkraums als Anlaufstelle für die Szene sei keine Lösung, sagte Waldschmidt auf Nachfrage aus dem Ortsbeirat. „Dahinter steht die Idee: Man schafft einen Ort, macht die Tür zu und die Leute sind weg von der Straße.“ Das sei nicht der Fall: Nicht nur, weil dieses Denken zu kurz greife. („Nur weil man die Menschen wegdrängt, sind die Probleme nicht weg.“) Sondern auch, weil solche Angebote nie von allen Angehörigen der Szene angenommen werden.

Auch ein Druckraum, in dem Süchtige unter Aufsicht und hygienischen Bedingungen ihre Drogen konsumieren können, sei für Kassel nicht sinnvoll, so die Einschätzung der Fachfrau. „Die Leute wollen ihren Schuss sofort und nicht erst eine Viertelstunde Straßenbahn fahren.“

Was helfen könne, die Menschen von der Straße zu holen, seien Beschäftigungsprojekte. Waldschmidt: „Die Leute brauchen eine Tagesstruktur und gute Gründe, keine Drogen mehr zu konsumieren.“ Leider seien entsprechende Angebote in den letzten Jahren gestrichen worden. 

Lesen Sie dazu auch:

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.