Geschichte eines Bauwerks

Darum steht ein scheinbar mittelalterlicher Turm an der Wolfhager Straße 

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Ein Turm und seine Geschichte: An der Wolfhager Straße wurde 1876 dieses Wohnhaus mit einem turmartigen Anbau errichtet. Der Bauherr sollte später noch extravaganter am Brasselsberg bauen.

Kassel. Wer aufmerksam an der Wolfhager Straße entlang fährt, dem fällt ein mittelalterlich anmutender Turm ins Auge.

Er ragt hinter einem Altbau hervor, der unweit des Kasseler Straßenstrichs emporragt. Aber wer hat dort einen Wehrturm aufgestellt? Eine Spurensuche.

Der Kasseler Historiker Dr. Christian Presche ist sich sofort sicher: Mit einer mittelalterlichen Verteidigungsanlage hat dieser Turm nichts zu tun. Zwar hätten im Spätmittelalter mehrere Wachtürme an strategisch wichtigen Stellen weit vor den Toren der Stadt gestanden, aber an dieser Stelle sei in alten Karten kein derartiges Bauwerk eingezeichnet. Presche vermutet vielmehr eine architektonische Spielerei des 19. Jahrhunderts. Denn zu dieser Zeit waren mittelalterliche Elemente stark in Mode.

Der Stadthistoriker sollte richtig liegen. Im Kasseler Stadtarchiv lassen sich entsprechende Belege finden. Der Turm war die Idee des Dekorationsmalers Georg Eberhard Mades. 1876 hatte er sich an der Wolfhager Straße sein Wohnhaus errichtet. Statt eines profanen Treppenhauses, wählte er den Anbau eines Turms, durch den er in die oberen Geschosse gelangen konnte.

Dieser steinerne Koloss war in der damaligen Zeit von weit her zu sehen. Denn wer vor 140 Jahren vom Holländischen Platz in Richtung Rothenditmold lief, flanierte noch zwischen Gärten und Feldern entlang. Da machte der Turm bei den Zeitgenossen mächtig Eindruck – heute fällt er in der dichten Bebauung kaum noch auf.

Der Dekorationsmaler Mades lebte etwa 20 Jahre an der Wolfhager Straße. Bereits 1893 erwarb er ein Grundstück am Brasselsberg. Damals war die dortige Villenkolonie gerade erst im Entstehen. 1898 zog der Maler an der dortigen Bergstraße (heute Konrad-Adenauer-Straße) in seine Villa, die mit ihren vier Türmchen eher ein schlossartiges Landhaus ist. Er war damit einer der Pioniere am Brasselsberg.

Foto aus den 60er-Jahren: Schon damals ging ein Journalist der Frage nach, woher der Turm stammt.

Für das bis heute erhaltene und als „Pferdekopfhaus“ bekannte Anwesen setzte er abermals nicht auf zurückhaltende Architektur. Zur Dekoration verwendete er zwei steinerne Pferdeköpfe, die er nach Abbrucharbeiten an der Husarenkaserne am Garde-du-Corps-Platz (heute Standort Capitol- Kino) als Abbruchmaterial erwarb.

Sein Anwesen an der Wolfhager Straße 61 (früher Nummer 67) hatte Mades da schon an die damals dort in der Nachbarschaft ansässige Segeltuchfabrik Fröhlich und Wolff verkauft. Heute gehört der Altbau mit dem Turm dem Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann, weshalb das Areal nicht öffentlich zugänglich ist.

1992 hat das Landesamt für Denkmalpflege das Haus samt Natursteinturm zum Kulturdenkmal erklärt. In der Begründung wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine Anlage handelt, die in der Tradition des romantischen Historismus steht.

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