Ortsbeirat: Stadt legte Straßenstrich im Alleingang fest

Skandal im Sperrbezirk - Prostitution vor Studentenheim

+
Wo soll es langgehen für die Prostituierten? Der neue Zuschnitt des Straßenstrichs an der Wolfhager Straße steht in der Kritik. Der Ortsbeirat ist sauer, dass die Stadt die Änderung im Alleingang durchgezogen hat.

Kassel. Großer Ärger um die Verkleinerung des Straßenstrichs: Der Ortsbeirat Nord-Holland will sich gegen den Neuzuschnitt des Bereichs an der Wolfhager Straße, in dem die Prostitution erlaubt ist, wehren. Das Stadtteil-Gremium fordert von der Stadt, dass die Neuregelung noch mal auf den Prüfstand kommt.

Wie berichtet, wurde auf Initiative der Stadt der Bereich des legalen Straßenstrichs an der Wolfhager Straße vor Kurzem halbiert: Zulässig ist die Prostitution jetzt nur noch zwischen Hoffmann-von-Fallersleben-Straße und Erzbergerstraße. Vorher ging der Strich bis zur Reuterstraße.

Der Ortsbeirat ist sauer, dass weder er noch die betroffenen Anlieger im Vorfeld einbezogen wurden, sondern erst aus der Zeitung von der folgenreichen Änderung erfuhren. Den Antrag auf die Änderung des Sperrbezirks - also dem Bereich, wo Prostitution verboten ist - hatte der Magistrat der Stadt Kassel im Alleingang beschlossen. Das Regierungspräsidium segnete das Vorhaben ab. „Unter Demokratie stelle ich mir etwas anderes vor“, sagte Ortsvorsteherin Monika Sprafke (SPD). „Was mich erbost, ist, dass die Prostituierten künftig ausgerechnet dort stehen dürfen, wo bald 100 Studenten wohnen und die Berufsschulen sind“, sagte Sprafke.

Matthias Krieger

Scharfe Kritik am Vorgehen der Stadt kam auch von Matthias Krieger, Geschäftsführer der Firma Krieger + Schramm, die derzeit für 6,4 Mio. Euro ein Studentenwohnheim an der Ecke Sickingenstraße errichtet. „Wenn ich gewusst hätte, was die Stadt vorhat, hätte ich dort nicht investiert“, sagte der Bauunternehmer. „Man hat mich ins offene Messer laufen lassen.“ Durch die Verkleinerung konzentriere sich der Straßenstrich jetzt genau vor seiner Tür. Vorher sei die Beeinträchtigung erträglich gewesen, da die Prostituierten sich auf einen größeren Bereich verteilt hätten, so Krieger. Er werde jetzt mithilfe von Licht und Videokameras versuchen, die Strich-Aktivitäten von seinem Haus fernzuhalten.

Auch die Polizei ist mit der Änderung nicht einverstanden, betonte Holger Weichseldorfer, stellvertretender Leiter des Reviers Mitte. Es sei „Unfug“, die Prostitution im unteren Bereich der Wolfhager Straße weiterhin zu erlauben, jedoch im oberen Teil, wo zwei Bordelle ansässig sind, zu verbieten. Dadurch entstehe ein „Lauftourismus“ der Prostituierten durch den jetzt illegalen Bereich. Der Nachweis von Verstößen werde sehr schwer.

Lesen Sie auch

Ärger über neue Grenzen der Straßenprostitution in der Nordstadt

RP stimmt Änderung zu: Kasseler Straßenstrich wird kleiner

Auf die Frage, warum der Zuschnitt des Straßenstrichs überhaupt verändert wurde, berichtete Hartmut Bierwirth vom Ordnungsamt, dass die Stadt dadurch die Hotel- und Kulturbetriebe, die sich an der Wolfhager Straße angesiedelt haben, fördern wolle.

Pitze Eckart, der das „Foto-Motel“ an der Wolfhager Str. 53 betreibt, schilderte, dass die Prostitution in vergangenen Jahren aggressiv geworden sei. Die Frauen seien Hotelgästen, Anwohnern und Passanten gegenüber sehr aufdringlich. Er plädierte dafür, die Wolfhager Straße ganz von der Prostitution zu befreien und den Strich auf den Westring zu beschränken.

Ab Mitte Juni drohen Strafen

Seit Mitte Mai verteilt das Ordnungsamt abends Handzettel in deutscher Sprache auf dem Strich, um die Prostituierten über den verkleinerten Bereich und die Folgen von Verstößen zu informieren. Ab 15. Juni werde man beginnen, Verstöße zu ahnden, sagte Hartmut Bierwirth vom Ordnungsamt. Wenn Prostituierte dann im nicht mehr legalen Bereich tätig werden, müssen sie 150 Euro Bußgeld zahlen. Beim zweiten Verstoß droht ein Strafverfahren. Die Polizei verfolgt Verstöße derzeit nicht. Handzettel auf Deutsch reichten nicht, um sicherzugehen, dass die Betroffenen, die häufig kaum Deutsch könnten, belehrt worden seien.

Stichwort: Legaler Straßenstrich

Die Straßenprostitution ist nach der neuen Regelung in den folgenden drei Bereichen zulässig: An der Wolfhager Straße zwischen Hoffmann-von-Fallersleben und Erzbergerstraße (zuvor bis zur Reuterstraße). Am Westring unverändert von der Wolfhager Straße bis zum Knick vor der Einmündung zur Holländischen Straße. An der Schillerstraße von Joseph-Beuys-Straße bis zur Uferstraße (bisher nur bis Brandaustraße).

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.