Am 9. und 10. Februar

Erneut Sonderposten bei Kasseler Aldi: Das macht den Reiz der Schnäppchenjagd aus

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Lange Schlangen vor der Tür: Viele Kunden warteten mehrere Stunden vor der Aldi-Filiale am Westring in der Nordstadt, bevor sie in den Laden konnten.

Kassel. In der Schlange an der Kasse kann es turbulent zugehen – erst recht beim Sonderpostenverkauf. Konsumforscher Dr. Steffen Jahn über Schnäppchenjäger ohne Schmerzgrenze.

Zuletzt sorgte der Sonderpostenverkauf im Aldi am Westring für lange Schlangen und ein Verkehrschaos. Das Sicherheitspersonal musste eingreifen. Am 9. und 10. Februar öffnet Aldi am Westring erneut für Schnäppchenjäger. Wir haben darüber mit Dr. Steffen Jahn von der Uni Göttingen gesprochen.

Herr Jahn, was macht den Reiz der Schnäppchenjagd aus?

Steffen Jahn: Da muss man zwei Bereiche unterscheiden. Zum einen gibt es Personen, bei denen der Einkauf ein Kostenfaktor ist, die also nicht so viel Geld zur Verfügung haben. Da reizt es dann, viele Waren zu einem günstigeren Preis zu bekommen. Für andere wiederum hat der Sonderpostenverkauf einen Abenteuerfaktor: ein seltenes Ereignis, bei dem man etwas erreichen kann, was sonst im Alltag so nicht möglich ist.

Die Waren bei Aldi und anderen Discountern sind ja ohnehin schon günstig. Wenn es dann noch zusätzlich Sonderposten gibt, denken viele, es gibt etwas umsonst?

Jahn:Das Gefühl, dass es fast gar nichts kostet, ist bestimmt ein Grund. Andererseits gibt es Waren, die etwas teurer sind wie zum Beispiel Bettwäsche oder Haushaltselektronik, da können Kunden dann bei Sonderposten schon noch etwas sparen.

Beim Sonderpostenverkauf vor vier Wochen wurde Sicherheitspersonal benötigt. Haben viele Schnäppchenjäger einfach keine Schmerzgrenze?

Jahn: Wenn man in Ruhe darüber nachdenkt, dann würde man sich in jedem Fall anders verhalten als vor Ort. Die Situation überwältigt viele. Da geht es dann fast auch darum, ein Revier zu verteidigen. Der eine oder andere bekommt möglicherweise Verlustängste, wenn er schon ein Angebot im Blick hat und jemand anderes ihm das Schnäppchen wegschnappen könnte.

Fördert die Wartezeit zusätzlich das Überkochen der Emotionen?

Jahn: Die Wartezeit ist ein entscheidender Faktor. Mit jeder Minute in der Schlange steigt die innere Anspannung und das Verlangen, noch in den Markt zu gelangen. Da kochen dann die Emotionen über.

So ging es bei der letzten Schnäppchenjagd im Kasseler Aldi zu:

Wenn man sieht, dass die Masse hingeht, dann hat man das Gefühl, dass man etwas verpasst, wenn man nicht da gewesen ist, oder?

Jahn: Die anderen Personen sind für einen selbst ein Signal, dass es etwas zu holen gibt. Je mehr Menschen, desto stärker wird das Bedürfnis, dabei zu sein – aus Angst, sonst etwas zu verpassen oder später zu bereuen, nicht dort gewesen zu sein.

Kauft man am Ende wirklich Schnäppchen oder gibt man viel mehr Geld aus als geplant?

Jahn: Da wird schon das eine oder andere Schnäppchen dabei sein. Aber Rabattangebote führen meistens auch dazu, dass man mehr Geld ausgibt als eigentlich geplant. Der Kunde ist in der Situation gefangen und lässt sich von den Emotionen überwältigen. Unter normalen Umständen und sachlicher Abwägung wäre vermutlich deutlich weniger gekauft worden.

Was wird überwiegend von den Kunden gekauft?

Jahn: Die wenigsten werden gerade zufällig einen Bedarf nach den Waren haben, die als Restposten angeboten werden. Es ist mehr die vermeintlich einmalige Gelegenheit, die die Kunden anlockt. Das günstige Schnäppchen wiegt bei der Abwägung stärker als die Überlegung, ob man das Produkt wirklich braucht.

Kommt zum Sonderpostenverkauf ein bestimmter Kundentyp?

Jahn:Zum einen gibt es einkommensschwache Kunden, aber die einmalige Chance nutzen auch andere. Manchmal auch Personen, die sonst nie bei Aldi einkaufen.

Aus welchen Gesellschaftsschichten kommen die Schnäppchenjäger?

Jahn: Schnäppchenjäger ziehen sich durch alle Gesellschaftsschichten. Es gibt keine Hinweise, dass sich das auf eine bestimmte Gruppe begrenzt. Bei den so genannten Smart Shoppern, also Kunden, die insbesondere auf das beste Preis-Leistungs-Verhältnis achten, geht es beispielsweise nur nachrangig um die finanzielle Notwendigkeit zum Sparen.

Ist ein Grund vielleicht, dass Schnäppchenjagden zu bestimmten Zeitpunkten generell seltener geworden sind? Früher gab es beispielsweise den Sommerschlussverkauf, mittlerweile gibt es fast das ganze Jahr über Rabatte.

Jahn:Die zeitliche Begrenzung ist immer ein ganz wichtiger Faktor. Da bekommen die Kunden das Gefühl, wer jetzt nicht dabei ist, der bekommt diese Möglichkeit nie wieder.

Vor 20 Jahren gab es wöchentlich Schlangen bei Aldi. Das ist zumindest gefühlt seltener geworden. Zieht der Name Aldi trotzdem noch?

Jahn: Heutzutage gibt es so viele Einkaufsmöglichkeiten. Auch die Ladenöffnungszeiten machen es nicht mehr notwendig, sich in eine Schlange zu stellen. Berufstätige finden immer noch ein zeitliches Schlupfloch. Zudem gibt es im Internet Rabatte und die Möglichkeit, dort rund um die Uhr zu bestellen. Die Notwendigkeit, sich auf einen Zeitpunkt und einen Händler zu konzentrieren, nimmt ab.

Dr. Steffen Jahn (39) ist Akademischer Rat in der Professur für Marketing insbesondere Konsumentenforschung an der Uni Göttingen. Jahn ist seit 2013 in Göttingen studierte er an der TU Chemnitz Betriebswirtschaft und promovierte dort im Bereich Marketing. Jahn ist ledig.

Bei den Sonderpostenverkäufen werden vergangene Aktionsartikel angeboten. Das können Haushaltsgegenstände, Heimtextilien, Küchengeräte oder Kleidung sein. Der Verkauf findet am Freitag, 9. Februar, und am Samstag, 10. Februar, jeweils von 9 bis 19 Uhr statt. 

Bei den Waren handelt es sich um Restposten aus dem Aktionsgeschäft von Aldi Nord. Die Kunden wissen aber laut einer Aldi-Sprecherin zuvor nicht, was sie im Laden vorfinden. Sicherlich sei der ein oder andere Kunde auf der Suche nach einem bestimmten Artikel. Die meisten ließen sich jedoch von den zahlreichen Angeboten inspirieren. Der Abschlag vom ursprünglichen Verkaufspreis liegt meist zwischen 30 bis 50 Prozent. 

Die meisten Kunden würden sich über die Gelegenheit freuen, mehrere Schnäppchen zu schlagen. Beim vergangenen Verkauf waren Produkte körbeweise aus der Filiale getragen worden. Laut Aldi habe bis jetzt nie einen Grund zur Beunruhigung gab, was die Sicherheit angeht. Die derartigen Events seien immer Sicherheitskräfte im Einsatz –Sicherheit der Kunden habe oberste Priorität. Auch die Polizei sei über den erneuten Sonderpostenverkauf informiert worden. 

Hier ist das Aldi am Westring:

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