Bildungsforscher wirbt für Einsatz im Unterricht

Studie der Uni Kassel: Computerspiele können schlau machen

Hungersnot am PC bekämpfen: Das Computerspiel „Food Force“ des Welternährungsprogramms der UN vermittelt Wissen über Nahrungsmittelhilfe ebensogut wie Textlektüre. Die Schüler behalten das Gelernte sogar länger. Fotos: dpa,WFP / Montage: HNA

Kassel. Computerspiele haben nicht den besten Ruf: Sie werden häufig mit Gewalt, Geballer und sinnlosem Zocken verbunden. Dabei können gut gemachte digitale Spiele Wissen vermitteln und den Schulunterricht bereichern.

Das hat der Kasseler Bildungsforscher Marc Motyka in einer Studie herausgefunden.

Für seine Doktorarbeit hat er den Einsatz des Computerspiels „Food Force“ im Politikunterricht der 9. Klasse untersucht. „Food Force“ ist ein Spiel des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen. Motyka wollte wissen, ob Schüler sich das Thema Nahrungsmittelhilfe in Krisengebieten besser mit dem Spiel oder über einen herkömmlichen Text aneignen.

Rund 180 Schüler aus acht Schulen in Kassel und Umgebung nahmen an der Studie teil. Dabei zeigte sich, dass der Lernerfolg der Mädchen und Jungen, die das Spiel gespielt hatten, ebenso groß war wie bei der Kontrollgruppe, die den Text gelesen hatte. Bei einer erneuten Kontrolle zehn Wochen später schnitt die PC-Gruppe sogar besser ab. „Während sich bei der Textgruppe ein Wissensabfall zeigte, war die Lernkurve bei den Computerspielern stabiler: Sie hatten den Stoff besser behalten“, berichtet Motyka.

Ein Vorteil des digitalen Spiels sei die multimediale Darbietung, sagt der 30-Jährige. Bei dem Spiel schlüpft man in die Rolle eine Nothelfers, muss mit einem Hubschrauber Krisengebiete erkunden und Überlebenspakete an die Menschen verteilen. „Bilder, Geräusche und die interaktiven Elemente helfen dabei, sich eine bessere Vorstellung von den Inhalten zu machen“, sagt Motyka. Zudem seien die Schüler, die mit dem PC-Spiel lernten, motivierter bei der Sache gewesen. Auch das könne sich positiv auf den Lernerfolg auswirken.

Die Ergebnisse der Studie bestätigen Befunde zum Einsatz von digitalen Spielen in Mathematik und Naturwissenschaften, sagt Motyka, der seine Dissertation am Fachgebiet Empirische Schul- und Unterrichtsforschung bei Prof. Dr. Frank Lipowsky geschrieben hat. Für den Politikunterricht gab es bislang keine solchen Untersuchungen.

Marc Motyka

Dabei sei das Angebot an Spielen gerade in diesem Bereich groß. „Das könnte eine Fundgrube für Lehrer sein“, sagt Motyka, der Politik und Englisch für das Lehramt studiert hat. Allerdings würden PC-Spiele an deutschen Schulen bislang kaum genutzt. Zum einen sei die Lehrerschaft überwiegend sehr computerspielkritisch, sagt Motyka, der selbst seit seiner Jugend Computerspieler ist. Viele Lehrer hätten kaum Erfahrungen mit der Materie. Zum anderen sei die mangelnde technische Ausstattung der Schulen ein Problem.

Nicht nur weil sie das Lernen unterstützen, hätten PC-Spiele einen Platz an den Schulen verdient, findet der Wissenschaftler. Es sei auch wichtig, den Schülern Medienkompetenz im Umgang mit Computerspielen zu vermitteln. Denn auch Interessengruppen entdeckten das Medium zunehmend für ihre Zwecke.

Motyka plant nun eine Nachfolgestudie mit dem Spiel „Der Kanzlersimulator“, bei dem Schüler virtuell die Regierungsgeschäfte übernehmen. Ziel der weiteren Forschung sei, nach und nach einen Katalog mit Kriterien aufzustellen, die nötig sind, damit Computerspiele zum Lernerfolg beitragen.

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