Festmeile in der Nordstadt vom Holländischen Platz bis zur Wiener Straße

Trotz Bratwurststreites 2017: Tag der Erde auch 2018 fleischlos

Eindruck vom diesjährigen Tag der Erde: Über die Festmeile in Wolfsanger flanierten im April etwa 15 000 Kasseler. Foto: Fischer

Kassel. Das Umweltfest "Tag der Erde" findet im kommenden Jahr in Nord-Holland statt - und wird erneut komplett vegetarisch sein. Im Frühjahr war das Bratwurstverbot zum Politikum geworden. 

Der Ortsbeirat Nord-Holland hat sich für einen vegetarischen Tag der Erde 2018 ausgesprochen. Das Umweltfest wird auch am 22. April des kommenden Jahres, diesmal auf der Hölländischen Straße, ohne Wurststände auskommen müssen. Vor dem vergangenen Tag der Erde war das Bratwurstverbot zum politischen Streitthema geworden. Was bisher geschah:

Vor dem Tag der Erde

Im Februar kochten die Gemüter hoch. Der Kasseler Umweltverein hatte sich entschieden, den Tag der Erde in Wolfsanger fleischlos zu halten. Die Begründung: Platzmangel auf der Meile. Fleischer aus der Region zeigten sich empört, organisierten nach Bekanntgabe eine Protest-Grillaktion vor der Handwerkskammer Kassel. Ein Fuldataler startete eine Online-Petition gegen das Bratwurstverbot. Auch andere Organisationen stiegen in die Debatte ein, sahen das Vorgehen des Vereins als „fundamentalen Widerspruch“ gegenüber dem Geist und der Absicht des Tages.

Der Bratwurst-Streit wuchs sich kurz vor der Oberbürgermeisterwahl sogar zum Politikum aus. Der spätere Wahlsieger Christian Geselle (SPD) zeigte sich auf seiner Facebookseite beim herzhaften Biss in die Wurst und mit dem Slogan „Zum besten Zuhause gehört auch ’ne gute Bratwurst“. Matthias Spindler, Kandidat der Satirepartei Die Partei, schoss während des HNA-Wahlforums gegen seine Kontrahenten: „Symbolisch steht der Bratwurst-Streit dafür, dass jede Stadt das Wahlkampfthema hat, das sie verdient.“

Hubert Grundler, der Organisator des Tages der Erde, zeigte sich verwundert darüber, welch heftige Debatte die Entscheidung ausgelöst hatte, bekräftigte aber, dass das Fest fleischlos bleibe und die Verantwortung für dessen inhaltliche Ausrichtung ausschließlich beim Vorstand des Vereins liege.

Am Tag der Erde

Und wie lief er dann, der Tag der Erde 2017? Skandierten Fleischverfechter mit erhobenen Grillfackeln durch Wolfsanger? Nicht wirklich. Aus dem geplanten Wurst-Widerstand der Fleischer-Innung, rund um die Festmeile Bratwurst anzubieten, wurde nichts. Die Gemüter hatten sich beruhigt, der Oberbürgermeister war gewählt und statt durch Konflikte hielt das Thema durch Humor Einzug in die Festmeile: Der Verein Sozialtherapie Kassel brachte an seinem Stand täuschend echte Bratwurst-Attrappen aus Holz in Umlauf.

Wurst oder Veggie – das war den rund 15 000 Besuchern egal. In den gut 150 Festmeilen-Ständen wurden Rote-Bete-Toasts belegt, Gemüse gebrutzelt und Grünkohl-Burger zubereitet. Nimmt man den hohen Andrang an den Essensständen als Gradmesser, vermissten die meisten Besucher die Bratwurst eher nicht.

Nach dem Tag der Erde ...

... ist vor dem Tag der Erde. Und so gab der Stadtteil Nord-Holland unmittelbar nach dem Fest seine Bewerbung für 2018 bekannt und stellte im gleichen Atemzug klar, dass auch der kommende Tag der Erde vegetarisch sein wird. Diese Entscheidung wurde nun in der Ortsbeiratssitzung in Nord-Holland und von den Organisatoren des Vereins bekräftigt.

Die Festmeile soll nach bisherigen Planungen vom Holländischen Platz entlang der Holländischen Straße bis zur Wiener Straße aufgebaut werden. Nord-Hollands Ortsvorsteher Hannes Volz rechnet mit 220 Ausstellern. Gerade Initiativen aus dem Stadtteil seien eingeladen, einen Stand anzumelden. Der letzte Tag der Erde in der Nordstadt fand 1992 statt.

Kommentar - Einmal veggie im Jahr

Die Bratwurst in allen Ehren, aber wenn Kassel ein Fest im Jahr fleischlos feiert, darf das niemals so hohe Wellen schlagen wie im Vorfeld des Tages der Erde 2017.

Maik Dessauer

Zugegeben: Die Kommunikation seitens des Ausrichters, des Kasseler Umweltvereins, war nicht ganz glücklich. Ernährungsethische Prinzipien mit der strukturellen Argumentation des Platzmangels auf der Festmeile zu vermengen, stieß den örtlichen Fleischern und anderen ausgeschlossenen Organisationen nicht ohne Grund bitter auf.

Aber dass die Entscheidung eines Vereins, bei seinem eigenen Fest keine Bratwurst anbieten zu wollen, ein solches gesellschaftliches, mediales und politisches Echo erzeugt, ist schlicht grotesk. Deshalb an alle Beteiligten: bitte keinen neuen Bratwurst-Streit. Die Ausrichter haben das ihrige dafür getan und frühzeitig erklärt, dass der Tag der Erde auch 2018 veggie ist.

Maik Dessauer

Hintergrund - Tag der Erde seit 1990 in Kassel

Das Umweltfest „Tag der Erde“ wird seit 1990 jährlich vom Verein Umwelthaus Kassel, unterstützt vom städtischen Umwelt- und Gartenamt, am letzten Aprilwochenende in einem anderen Kasseler Stadtteil ausgetragen. Zu der Veranstaltung kommen bis zu 20 000 Besucher. Der Tag der Erde (englisch: Earth Day) wird wird nicht nur bundesweit, sondern in über 175 Ländern gefeiert. Die Kasseler Ausgabe ist die größte in ganz Deutschland.

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