Sicherheitsbedenken wegen Straßenbahn

Tag der Erde an der Holländischen Straße in Kassel steht auf der Kippe

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Über 15 000 Besucher: Ob es am Tag der Erde im April auf der Holländischen Straße genauso voll wird wie beim vergangenen Umweltfest 2017 im Stadtteil Wolfsanger, ist noch ungewiss. Wegen Sicherheitsbedenken könnte die Meile auf eine andere Route in der Nordstadt verlegt werden.

Kassel. Ob der Tag der Erde wie geplant auf der Holländischen Straße stattfinden kann, ist unklar. Das mit dem Sicherheitskonzept beauftragte Planungsbüro hat Bedenken geäußert.

Der Tag der Erde steht auf der Kippe. Genauer: Ob das in jüngerer Vergangenheit zum Politikum gewordene Umweltfest am 22. April wie geplant entlang der Holländischen Straße stattfinden kann, ist unklar. Der Grund sind Bedenken zur Sicherheit seitens des Planungsbüros, das der veranstaltende Umweltverein mit dem Sicherheitskonzept beauftragt hat.

Konkret geht es um die große Menschenmenge in Kombination mit dem Schienenverkehr, der während der Veranstaltung normal weiter laufen soll. Zum Tag der Erde werden bis zu 15 000 Besucher erwartet. Das Straßenfest soll auf beiden Seiten der Holländischen Straße stattfinden. Außerdem äußert die Feuerwehr Bedenken, da einzelne Straßen wie die Fichtnerstraße oder die Grebensteiner Straße nur über die Holländische Straße angefahren werden können, was in Notfällen zum Problem würde.

Von Uni bis Eisenschmiede

„Wir haben das Sicherheitsthema unterschätzt“, sagt Hubert Grundler, Vorsitzender des Umweltvereins. Deshalb diskutieren die Veranstalter in Abstimmung mit KVG und Feuerwehr bereits Alternativen in der Nordstadt.

Als Plan B seien die Gottschalkstraße und die Fiedlerstraße vorgesehen. Die Festmeile würde sich dann von der Uni über den Schlachthof bis zur Eisenschmiede erstrecken. Das Problem mit der Straßenbahn bestünde dann nicht mehr, allerdings müsste ein komplett neues Sicherheitskonzept für diesen Abschnitt erarbeitet werden, sagt Grundler.

Ziel sei es aber nach wie vor, dass der Tag der Erde unter Berücksichtigung aller Sicherheitsaspekte entlang der Holländischen Straße stattfinden könne.

KVG-Sprecherin Heidi Hamdad

Wie KVG-Sprecherin Heidi Hamdad mitteilte, sei aktuell noch jede Variante denkbar: „Wir prüfen noch, ob und wenn ja unter welchen Voraussetzungen wir am Tag der Erde den Schienenverkehr auf der Holländischen Straße aufrecht erhalten können.“

Der Schienenverkehr könnte an der Holländischen Straße in Gänze eingestellt und durch Schienenersatzverkehr über andere Routen umgeleitet werden. Auch ein Schienenverkehr mit reduzierter Geschwindigkeit und dementsprechender Anpassung der Fahrpläne sei rein theoretisch möglich. Die dritte und letzte Alternative: Fahren wie bisher. Die Sicherheit aller vorausgesetzt. Mit den Straßenbahnen 1 und 5 sowie den Regiotrams RT1 und RT4 fahren insgesamt vier Linien an der Hauptverkehrsstraße.

Verschärfte Richtlinien

Seit dem letzten Tag der Erde auf der Holländischen Straße 1992, zu dem mehr als 20 000 Besucher kamen, habe sich vieles verändert, sagt Grundler. Neue Richtlinien zur Sicherheit bei Großveranstaltungen, Terroranschläge auf Weihnachtsmärkte und das Unglück bei der Loveparade 2010 in Duisburg hätten die Sicherheit noch mehr in den Vordergrund gerückt.

Die Stadt hatte auf Anfrage nicht bestätigt, dass der Tag der Erde auf der Holländischen Straße ausfalle.

Drei Fragen an Ernesto Plantera von der Sicherheitsfirma Protex

Das Thema Sicherheit hat bei Großveranstaltungen deutlich an Gewicht gewonnen. Warum und welche Risiken bei der Planung eine Rolle spielen, erklärt Ernesto Plantera, Geschäftsführer der Sicherheitsfirma Protex.

Herr Plantera, was hat sich in den vergangenen Jahren in Sachen Sicherheit bei Großveranstaltungen verändert? 

Ernesto Plantera: Seit dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg 2010 müssen Veranstalter für Großveranstaltungen außerhalb von genehmigten Versammlungsstätten ab einer Besucherzahl von 5000 ein weitaus anspruchsvolleres Sicherheitskonzept einreichen als vorher. Die Genehmigungsbehörde kann aufgrund des Charakters einer Veranstaltung dieses Konzept aber auch schon bei weniger Gästen verlangen. In die Erarbeitung des Sicherheitskonzepts sind Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und Ordnungsämter sowie Veranstalter und Sicherheitsdienste involviert.

Welche Gefahren bestehen bei einem großen Straßenfest? 

Plantera: Man unterscheidet da in kalkulierbare und unkalkulierbare Risiken. Kalkulierbare Risiken sind zum Beispiel Technik, Verkehr und Wetter. Diese lassen wir durch unsere Erfahrungen und Erkenntnisse natürlich in die Erarbeitung von Sicherheitskonzepten einfließen. Wichtig ist dabei, die Risiken passiv zu mindern, das heißt, dass die Besucher die Sicherheit genießen können und nicht ständig mit Sicherheitsvorkehrungen und dadurch potenzieller Unsicherheit konfrontiert sind.

Und was sind unkalkulierbare Risiken? 

Plantera: Jeder Bürger weiß von der erhöhten, abstrakten Gefahr durch den Terror. Die Sensibilität in diesem Bereich ist extrem gestiegen. Der Mensch bleibt durch mögliche Gewalttaten immer ein unkalkulierbares Risiko. Für alle unkalkulierbaren Risiken werden Interventionspläne erstellt, die jeder mit Sicherheitsaufgaben beauftragte Mitarbeiter kennen muss. Um langfristig das Restrisiko, das der einzelne Mensch an sich darstellt, zu mindern, kann man nur präventiv arbeiten und mit Sozialkompetenz- und Inklusionsprojekten im Kindergarten beginnen und während der gesamten Schulzeit begleiten, um Kindern und Jugendlichen Halt zu geben und von der Radikalisierung fernzuhalten.

Einen Kommentar zur aktuellen Situation des "Tags der Erde" in Kassel lesen Sie hier

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