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"Ich bin nicht behindert": So meistert ein Blinder sein Studium an der Universität Kassel

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Mit dem Blindenleitsystem über den Campus: Johannes Schneider orientiert sich auf dem Unigelände an den weißen Linien und Punkten auf dem Boden.  

Neue Uni, neue Wege, neue Leute – für die meisten Studenten stellt das kein großes Problem dar. Für Johannes Schneider ist das anders. Er ist seit seinem 10. Lebensjahr blind.

Vorsichtig läuft der junge Mann mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen über den Uni-Campus in Kassel. Einzige Orientierungshilfe: sein Gehör und ein langer silberner Stock, mit dem er den Boden abtastet. Der 24-Jährige ist blind und das bereits seit seinem 10. Lebensjahr. „Für mich ist es normal, nichts zu sehen“, sagt er.

Im September 2018 begann er sein Studium der Politik und Theologie in Kassel. Seitdem ist es für Schneider immer noch schwer, sich auf dem verwinkelten Campus zurechtzufinden. Andere Menschen nach Unterstützung zu fragen, bleibt da oft nicht aus. Doch Sätze wie „Entschuldigung, können sie mir helfen?“, spricht Schneider ungern aus. „Dann kommt immer das Gefühl in mir hoch, unselbstständig zu sein“, erklärt er.

Blinder Student an der Uni Kassel: Bei fremden Gebäuden kommt das Unbehagen

Um sich an der Uni Kassel zu orientieren, versucht sich Johannes Schneider bestimmte Punkte zu merken. Das können Gullideckel, Kreuzungen und die Veränderung des Bodens sein. Oder aber der Schall. „Der ist vor dem Campuscenter ganz anders als in den schmale Diagonalen.“ Stufen oder Schritte zählen, ist aber nichts für den jungen Mann. „Das ist mir viel zu anstrengend“, sagt er und lacht. Im Kopf stellt Schneider sich die Wege vor, die er über dem Campus abläuft. Das erfordert von dem 24-Jährigen eine hohe Konzentration.

Abhilfe schafft das Blindenleitsystem mit den weißen Linien und Quadraten mit dicken Punkten. Letztere sind sogenannte Aufmerksamkeitsfelder, erklärt Schneider. „Es bedeutet, dass gleich etwas Wichtiges, wie eine Ampel oder eine Kreuzung, kommt.“ Das Campuscenter oder die Mensa findet er so bereits ohne große Probleme. Bei fremden Gebäuden plagt ihn aber das Unbehagen. Ob Google Maps dann eine Hilfe ist? „Die App funktioniert auch für mich. Aber die Räume im Inneren zu finden, das ist die eigentliche Herausforderung.“

"Ich bin nicht behindert": Johannes Schneider ist blind und studiert trotzdem

Manchmal ist Johannes Schneider auch mutig und probiert neue Wege auf dem Campus aus, um seinen Horizont zu erweitern. Routine kommt durch die Übung: Je öfter er bestimmte Straßen abläuft, desto sicherer wird der junge Mann. „Wenn ich mir beim Laufen noch Gedanken über den Tag machen kann, bin ich fit auf einer Route.“ Der 24-Jährige geht offen mit seiner Behinderung um, obwohl das für Schneider eigentlich nicht das richtige Wort ist. „Ich bin nicht behindert, sondern die Gesellschaft, in der ich lebe, behindert mich.“

Seine Professoren waren zunächst überrascht von ihm. „Sie rechnen einfach nicht mit einem Blinden.“ Jeder sei aber aufgeschlossenen für Kompromisse, zum Beispiel bei Hausarbeiten. In seinen Vorlesungen hört Schneider erst einmal nur zu, wichtiges schreibt er am Computer mit, wie jeder andere Student auch. Am PC schreibt er auch seine Klausuren. Folien, die mit einem Beamer an die Wand projiziert werden, stellen für ihn eine erste Herausforderung dar. „Die Inhalte kriege ich gar nicht mit.“ Dann erhält er alles meist per Mail von seinen Professoren.

Blind an Uni Kassel: Literaturbeschaffung als Problem

Ein ständiges Problem für Schneider ist die Literaturbeschaffung, denn Bücher sind oft nur in Papierform zu finden. „Es gibt dann einen speziellen Literaturumsetzungsdienst, der mir alle Texte vorliest“, erklärt er.

Auch die eigentliche Suche nach Literatur in der Bibliothek ist nicht selbstverständlich, wie für sehende Studenten. „Alleine finde ich in den Regalen nichts.“ Trotz der erschwerten Bedingungen lässt sich Schneider nicht davon abbringen, zu studieren. „Ich wurde so erzogen, dass ich auch mit meiner Blindheit alles erst mal probieren soll.“

In seinem Blog „Der Perspektivwechsel“ berichtet Johannes Schneider seit Dezember 2018 über sein Leben als Blinder. Er erzählt dort Alltägliches, zum Beispiel wie das Wetter die Mobilität von Blinden beeinflusst, oder wie er die Hürden im Studium meistert. Mit dem Namen „Perspektivwechsel will er erreichen, dass jeder erkennt: Ein Leben als Blinder kann ganz normal sein. www.derperspektivwechsel.wordpress.com

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