"Hochschule bietet keine Perspektive"

Uni Kassel: Mitarbeiter klagen über zu viele befristete Stellen

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Ein Hörsaal in der Uni Kassel. 

Dr. Maria Seip hat genug: Die Psychologin ist seit über sechs Jahren an der Universität Kassel beschäftigt. Eine unbefristete Stelle gibt es für sie aber nicht. 

Ein befristeter Vertrag folgte auf den nächsten. Nun sieht sich die 51-Jährige dazu gezwungen, der Hochschule Ende des Jahres den Rücken zu kehren.„Ich sehe für mich hier keine Perspektive mehr“, sagt die Mutter von zwei Kindern.

Seip hat wenig Verständnis für die Personalpolitik der Hochschule. Immerhin war sie in den vergangenen Jahren hauptsächlich im Zentrum für Lehrerbildung mit der Geschäftsführung des Projekts „Personale Basiskompetenzen für den Lehrerberuf“ beauftragt. Ein Projekt, das mit dem hessischen Lehrpreis ausgezeichnet wurde und als fester Bestandteil der Lehrerausbildung eine „reine Daueraufgabe“ sei. Über 700 Lehramtsstudierende durchlaufen jährlich dieses Projekt.

„Ich hatte für diese koordinierende Aufgabe eine halbe Stelle. Nur durch großes Engagement und der Bereitschaft zur Selbstausbeutung war dies erfolgreich zu bewältigen“, sagt Seip. Die Uni-Leitung betone zwar gern, wie wichtig die Lehrerbildung sei und dass diese einen guten Ruf genieße – tatsächlich seien die Arbeitsbedingungen in der Lehre aber unbefriedigend.

Seit Jahren immer nur in befristeten Verträgen: Dr. Maria Seip.

Die Psychologin, die bereits an der Uni Frankfurt zehn Jahre lang gearbeitet hatte, bekam in Kassel zunächst drei Einjahresverträge. Anschließend erhielt sie für ein weiteres Projekt einen Dreijahresvertrag, bis sie zuletzt in ihrem ursprünglichen Projekt nochmals für ein Jahr angestellt wurde.

Nach dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz ist eine befristete Beschäftigung an Hochschulen für maximal zwölf Jahre (inklusive Promotion) möglich. Weil Seip auch auf Basis von projektbezogenen Fördermitteln beschäftigt wurde, konnte sie länger an den Hochschulen Frankfurt und Kassel ohne dauerhafte Anstellung tätig sein.

Wenn es um Qualifikationsstellen gehe, etwa um die eigene Promotion vorzubereiten, könne sie eine Befristung nachvollziehen, sagt Seip. Dies gelte aber nicht für dauerhafte Aufgaben in der Lehre.

„Mir bedeutet die Arbeit an der Uni Kassel viel: Lehrerbildung ist eine gesellschaftlich relevante und sinnvolle Aufgabe. Ich wäre gerne geblieben – entfristet“, so die Wissenschaftlerin. Doch nun wolle sie sich außerhalb der Hochschule eine dauerhafte Anstellung suchen – um endlich berufliche Planungssicherheit zu gewinnen. Aus Sicht der Hochschule sei es unverständlich, wie jedes Jahr auf diese Art und Weise personelle Ressourcen verschwendet würden. „Die Leute bauen sich Expertise in der Lehre auf und müssen dann wieder gehen.“

Für Maria Seip endet die sechsjährige Tätigkeit für die Uni Kassel mit einer Höflichkeitsfloskel der Hochschule: „Herzlichen Dank für die geleistete Arbeit“ steht im Standardschreiben, mit dem sie über die Formalitäten des Ausscheidens informiert wurde.

Einstellungen aktuell 

Der Personalrat der Universität Kassel hat 2017 ein Jahr lang die neu abgeschlossenen Arbeitsverträge sowie Folgeverträge unter dem Gesichtspunkt einer Befristung ausgewertet. Hier die Ergebnisse:

• Wissenschaftlich-künstlerisches Personal: Von 428 Einstellungen erfolgten 426 befristet. Davon 119 mit einer Laufzeit von unter einem Jahr. Von den 701 Folgeverträgen wurden 698 weiter befristet. Darunter waren 329 mit einer Laufzeit von unter einem Jahr.

• Administrativ-technische Mitarbeiter: Von 125 Einstellungen erfolgten 96 befristet. Von den 106 Anschlussverträgen wurden 87 weiter befristet. Darunter waren 37 Arbeitsverträge mit einer Laufzeit von unter einem Jahr. 

Personal gesamt 

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat die Daten zur Uni Kassel des Statistischen Landesamtes untersucht:

• Wissenschaftliches Personal (ohne Professoren): 1200 Personen sind befristet angestellt. Dies entspricht einer Befristungsquote von 92 Prozent. Der Schnitt an hessischen Hochschulen liegt bei 89,5 Prozent.

• Lehrkräfte für besondere Aufgaben: 95 Beschäftigte sind als solche befristet in der Lehre tätig. Dies entspricht einer Befristungsquote von 41,8 Prozent. Hessischer Schnitt: 28,5 Prozent.

• Administrativ-technische Mitarbeiter: 178 Beschäftigte sind in diesem Bereich befristet tätig. Dies entspricht einer Befristungsquote von 15 Prozent. Hessischer Schnitt: 14,5 Prozent.

Das sagt der Personalrat

„Prekäre Situation“ Zu viele befristete Verträge mit zu wenigen Stunden und zum Teil nur für wenige Monate: Dies ist die Kritik des Personalrates an der Personalpolitik der Hochschulleitung. „Es gibt gute Gründe für Befristungen im wissenschaftlichen Bereich. Zum Beispiel, wenn es um begrenzte Forschungsaufträge geht“, sagt Elisabeth Beltz vom Personalrat. 

An der Uni Kassel würden aber auch häufig Daueraufgaben in der Lehre oder Verwaltungstätigkeiten durch befristet Angestellte erledigt. „Was den Anteil der Befristungen und deren Laufzeit angeht, stehen wir im hessenweiten Vergleich schlecht da“, sagt Beltz. 

Sie fordert in den aktuellen Verhandlungen vom Präsidium mehr Risikobereitschaft. Befristungen dürften nicht vom Geld abhängig gemacht werden, sondern vom Qualifikationsziel. Denn auch für befristete Finanzzusagen des Landes gelte eine gewisse Verlässlichkeit. 

„Ein Handwerker kann auch nicht das Gros seiner Mitarbeiter befristet einstellen, nur weil er nicht weiß, wie die Auftragslage nächstes Jahr aussieht. Die Uni wälzt die finanziellen Risiken auf die Mitarbeiter ab.“

Position der Uni-Leitung:

Hände gebunden In einem HNA-Interview äußerte sich Uni-Präsident Prof. Reiner Finkeldey kürzlich zu den Befristungen. Er argumentierte, die Uni könne nicht anders handeln, da auch die Mittel des Landes befristet sein. 

Für die kommenden Verhandlungen mit dem Land wolle er aber die Verträge nochmal unter dem Gesichtspunkt dauerhafter Aufgaben unter die Lupe nehmen. Sollte ein langfristiger Bedarf bestehen, würden diese entfristet. Qualifikationsstellen, zum Beispiel mit dem Ziel einer Promotion, seien aber naturgemäß befristet. 

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