Erster Verleiher der Welt betreibt eine von nur noch vier Kasseler Firmen

Videotheken in Kassel sterben aus

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Er war der Erste und will der Letzte sein: Videothekar Eckhard Baum eröffnete 1975 die erste Videothek der Welt in Kassel und denkt nicht ans Aufhören. Neben ihm seine Frau Lena. Baum hält alte Super-8- und VCR-Longplay-Filme in seinen Händen.

Kassel. Eckard Baum (77) hat mit seinem Film-Shop vor 40 Jahren die erste Videothek der Welt in Kassel eröffnet. Inzwischen gehört der im Guinness-Buch der Rekorde verewigte Kasseler zu einer aussterbenden Art. Sein Filmverleih an der Erzbergerstraße ist nach HNA-Recherchen eine von nur noch vier klassischen Videotheken in Kassel.

Kürzlich hatte mit der Moviestation an der Wilhelmshöher Allee eine der letzten großen Firmen über Nacht geschlossen.

Ein Grund für den Niedergang der Branche ist das online abrufbare Filmangebot im Internet. Dies wirkt sich auch auf das Geschäft von Verleiher Baum negativ aus. Aber er will weiter die Fahne hochhalten: „Ich war der Erste und ich will der Letzte sein“, sagt der gelernte Schriftsetzer, der seinen Film-Shop 1975 eröffnet hat. Erst zwei Jahre später folgte in den USA die erste Videothek.

Einst kostete Leihen 36 DM

Seit einigen Wochen geschlossen: Die Moviestation an der Wilhelmshöher Allee/ Ecke Ludwig-Mohr-Straße.

In den Anfangsjahren verlieh Baum Super-8-Filme. Ein Film mit drei Rollen à 120 Metern Filmlänge kostete 36D-Mark (18 Euro), wenn man ihn über Nacht ausleihen wollte. Mit der Entwicklung der Technik tummelten sich bald etliche Mitbewerber in der Region Kassel. „In Spitzenzeiten gab es in Kassel und im Umland 75 Videotheken“, erzählt Baum. Als Mitte der 90er-Jahre die Video-Ketten nach Kassel kamen, habe der Preiskampf begonnen. „Irgendwann wurden Filme für 50 Cent pro Tag verliehen“, erinnert sich der 77-Jährige. Dies habe seinem Geschäft rückblickend mehr geschadet als die heutige Konkurrenz aus dem Internet.

Der Videothekar hofft, mit seinem großen Angebot an filmischen Raritäten überleben zu können. Insgesamt 10 000 Filme hat er im Verleih. „Ich mache so lange weiter, bis Gott mich abruft.“

Die Stadt Kassel konnte auf HNA-Anfrage keine konkreten Zahlen liefern, wie viele klassische Videotheken noch ein Gewerbe in Kassel angemeldet haben. Denn viele Erotik-Geschäfte und ausländische Lebensmittelläden verleihen nebenbei Filme. Klassische Videotheken dürfte es nicht mehr als eine Handvoll geben, so die Stadt.

Sie gibt es noch

Folgende Videotheken haben in Kassel noch geöffnet:

• Film-Shop, Erzbergerstraße 12, Tel.: 17538

• Movie Vision, Rudolf-Schwander-Straße 19, Tel.: 10 39 64

• Movie Land, Holländische Straße 141, Tel: 949 972 50

• Movie World, Frankfurter Straße 265, Tel.: 4917308

• Zudem verleiht die Stadtbibliothek im Kasseler Rathaus Filme, Tel.: 787 40 13

Karte:

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Kennen Sie weitere Videotheken in Kassel als jene, die wir hier zusammengestellt haben? Wenn ja, dann schreiben Sie uns bitte: E-Mail: kassel@hna.de

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