Samson Kirschning vom Studio Raamwerk

Interview zum Verkehrsversuch auf der Unteren Königsstraße: „Wir müssen viel mehr ausprobieren“

Schaukeln mitten auf der Straße: Elena, Himina und ihr Bruder Ivan probierten den Schaukelwürfel aus, der neben der Haltestelle Holländischer Platz aufgebaut ist.
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Schaukeln mitten auf der Straße: Elena, Himina und ihr Bruder Ivan probierten den Schaukelwürfel aus, der neben der Haltestelle Holländischer Platz aufgebaut ist.

Einen Monat lang ist die Untere Königsstraße zwischen Stern und Holländischem Platz eine Fußgängerzone mit vielen Open-Air-Aktionen. Wir sprachen über den Verkehrsversuch mit Samson Kirschning vom Studio Raamwerk, das das Begleitprogramm organisiert.

Wie fühlt es sich an, auf der Unteren Königsstraße zu spazieren?
Ich finde, es ist wie eine Befreiung, sich ohne den Lärm und die Abgase der Autos und Lastwagen hier bewegen zu können. Ein Durchatmen. Ich hatte das Gefühl schon vor ein paar Jahren in Berlin. Dort wurde die Straße, in der ich wohnte, zur Walpurgisnacht komplett gesperrt und alle Autos abgeschleppt. Als ich morgens rauskam, dachte ich: Wow! Das ist ja total ruhig und entspannt hier. Die Nachbarn stellten Tische und Stühle auf die Straße, plötzlich war da Platz für Begegnungen.
Also würden sie am liebsten alle großen Straßen sperren?
Das geht natürlich nicht. Aber die Stadt wäre lebenswerter, wenn viel mehr Straßen verkehrsberuhigt oder ganz autofrei würden. Man nimmt den Verkehr im Alltag als selbstverständlich hin und merkt erst, wenn er weg ist, wie sehr einen das belastet hat. Und wie sehr es die eigenen Bewegungs- und Begegnungsräume beschränkt.
9500 Autofahrer nutzen die Untere Königsstraße normalerweise an Werktagen. Was sagen sie denen, die sich über die Sperrung ärgern?
Die Hoffmann-von-Fallersleben- und die Weserstraße sind sehr große Straßen. Die können den Verkehr problemlos aufnehmen. Ich würde den Autofahrern empfehlen, auch mal mit der Tram oder mit dem Rad zu fahren – auch wenn die Rahmenbedingungen dafür noch besser werden müssen. Es ist nicht so, dass ich Autofahren verabscheue. Es macht Spaß und ist bequem. Aber gesellschaftlich betrachtet wird immer deutlicher, dass die Nachteile, die durch diese Art des Verkehrs entstehen, die Vorteile überwiegen. Wir müssen anfangen, die Straße für die Menschen zurückzuerobern.
Was wünschen Sie sich für die Untere Königsstraße in den kommenden vier Wochen?
Dass hier ein Ort entsteht, an dem Menschen zusammenkommen und Stadt neu denken können. Und vor allem ausprobieren können, was ist, wenn die Autos nicht mehr da sind. Ich hoffe, dass viele Leute hier viele schöne Tage und Abende genießen werden. Und dass sie merken: Es wäre schön, so etwas öfter und an vielen Orten zu machen.
Sie haben für die Fußgängerzone auf Zeit ein vielfältiges Programm geplant. Was war Ihnen bei der Auswahl der Aktionen wichtig?
Dass es vor allem Initiativen, Vereine und Kulturschaffende aus Kassel sind, die hier eine Bühne bekommen. Wichtig ist uns auch, dass die Angebote bunt gemischt sind und alle Altersgruppen ansprechen: vom Bobbycar-Rennen für die Kleinsten oder der Familien-Fahrraddemo „Kidical Mass“, nach der hier das Spielmobil Rote Rübe wartet, bis zu einer Literaturwerkstatt und einem Fest der Begegnung verschiedener Glaubensgemeinschaften. Wir wollen Kultur, Sport und Spiel bieten. Wir sehen unsere Aufgabe vor allem darin, Impulse zu geben, sodass die Menschen auch aus der direkten Nachbarschaft Ideen bekommen, was sie hier auf der Straße machen können.
Beteiligen sich auch Initiativen aus dem Quartier?
Bis jetzt noch nicht. Wir merken eine gewisse Zurückhaltung. Ich glaube, die Menschen müssen erst sehen, dass hier eine Bühne und Platz für Begegnungen ist.
Wie ist die Resonanz auf das Verkehrsexperiment von den Anliegern?
Vor eineinhalb Jahren haben wir alle Geschäftsanlieger befragt. Damals waren 22 Rückmeldungen positiv, 8 neutral und 7 skeptisch bis ablehnend. Auf die Bedenken, auch die Jägerstraße zu sperren, haben wir reagiert, sie ist jetzt nur zur Einbahnstraße umfunktioniert. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir den Monat einfach mal ausprobieren und alle unsere Erfahrungen sammeln. Nur dann kann man ja beide Zustände – mit und ohne Kfz-Verkehr – vergleichen.
Das Quartier ist für Drogenkriminalität bekannt. Wie gehen Sie damit um?
Wir sind inzwischen eine ganze Weile vor Ort und haben noch keine Berührung mit der Drogenproblematik gehabt. Ich glaube, das Thema wirkt vor allem bedrohlich, wenn man alleine ist und beispielsweise auf Junkies oder Trinkergruppen trifft. Aber wenn man das Quartier belebt und auch eine andere Klientel hier unterwegs ist, verliert das seine Bedrohlichkeit. Es geht nicht um Verdrängung. Wir wollen vielmehr eine Koexistenz verschiedener Gruppen ermöglichen. Vor allem ist es wichtig, dass nicht ganze Quartiere vorverurteilt werden.
Welche Chancen zur Aufwertung sehen Sie in der Aktion?
Es wäre toll, wenn möglichst viele Menschen auch aus anderen Stadtteilen hierher kommen und auch mal ausprobieren, was man hier Leckeres essen kann. Ich habe zum Beispiel Samosas entdeckt, frittierte Teigtaschen. Die sind köstlich und echt günstig. Während des Freiluft-Experiments wird der Gehweg für die Außengastronomie genutzt und die Straße als Flanier- und Veranstaltungsmeile. Ich glaube, es lohnt sich, vorbeizukommen.
Kommt nach den vier Wochen die dauerhafte Verkehrsberuhigung?
Der Ausgang des Experiments ist offen. Danach soll über eine Veränderung diskutiert werden. Wenn viele sagen: ,Wir fanden es super‘, gibt es gute Chancen, dass die Stadt dem folgt. Dabei ist es wichtig, alle Stimmen zu hören – nicht nur die, die am lautesten schreien. Denn das sind oft die Kritiker. Viele Veränderungen werden verhindert, einfach weil sie etwas Neues sind und man sich darauf einstellen muss. Ich denke an die Diskussion um den Karlsplatz und das documenta-Institut. Auch dort hätte man den Parkplatz probeweise sperren und eine Ausstellung mit Aktionen machen können, um erst mal Erfahrungen zu sammeln. Wir stehen vor vielen Veränderungsprozessen, auch mit Blick auf die Klimakrise. Es wäre gut, wenn wir uns trauen würden, viel mehr auszuprobieren. (Katja Rudolph)

Zur Person

Samson Kirschnig (33) stammt aus Berlin und lebt seit sechs Jahren in Kassel. Er hat Kommunikationsdesign studiert und seinen Master an der Kunsthochschule gemacht. Seit Ende 2018 arbeitet er beim Studio Raamwerk und versteht sich in dem interdisziplinären Team als Stadtgestalter. Er ist der „Projekthäuptling“ für das Freiluft-Experiment. Kirschning wohnt mit seiner Freundin in der Südstadt. 

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