Zubauquote in Nordhessen fällt erstmals unter Bundestrend

Gegenwind für Energiewende: Nordhessen droht seine Vorreiterrolle zu verlieren

+
Einfach zu genehmigende Flächen werden seltener: Windkraftanlagen der Städtischen Werke in der Söhre bei Niestetal.

Nordhessen droht, seine Vorreiterrolle bei der Energiewende zu verlieren. Zu dieser Einschätzung kommt die Kasseler CDW-Stiftung.

Kassel –  Die Stiftung untersucht seit 2011 den Ausbau Erneuerbarer Energien in der Region. Demnach ist Nordhessen beim Zubau neuer Anlagen erstmals langsamer als der Bund.

„Die Energiewende hat in Nordhessen drastisch an Tempo verloren“, sagt CDW-Geschäftsführer Thomas Flügge. So sank die Zubauquote bei der Windkraft von 26,3 Prozent (2016) auf nur noch 7,4 Prozent 2018. Im Bereich Fotovoltaik stieg sie zwar gegenüber dem Vorjahr um 2,5 Prozentpunkte auf 4,4 Prozent. Trotzdem liegt sie schon im fünften Jahr in Folge unter dem Bundestrend, wo sie doppelt so hoch ist.

Laut Flügge wird der Abstand größer: „Wir verzichten damit auf die Energiequelle, die mit knapp 100 Millionen Euro die höchste regionale Wertschöpfung erzeugt und in der Bevölkerung eine Akzeptanzquote von mehr als 90 Prozent aufweist.“

Ziel der Energiewende in Nordhessen in Gefahr?

Thomas Flügge, CDW-Stiftung.

Durch den Rückgang könnte sogar das vom Regionalmanagement ausgegebene Ziel bei der Energiewende in Gefahr geraten. Demnach soll bis 2040 eine 100-prozentige Versorgung mit Erneuerbaren Energien bei Strom, Wärme und Mobilität erreicht werden. Flügge hält das zumindest für „ambitioniert“, wie er unserer Zeitung sagte.

Das Kasseler Regierungspräsidium bestätigt den Trend. Laut Sprecher Michael Conrad lasse die Zahl der Anträge nach. Angesichts der Vorreiterrolle, die Nordhessen bislang einnahm, sei der Rückgang allerdings nicht überraschend: „Es war klar, dass die anderen Regionen mal aufholen würden.“ Zudem seien bei der Windkraft die einfachen Flächen weg. „Jetzt kommen Verfahren, die etwas komplizierter sind“, sagt Conrad.

So ist etwa gerade das Verfahren für 20 Windkraftanlagen im Reinhardswald bei Gottsbüren gestartet. Das  könnte sich schon deswegen verlängern, weil mehrere Kommunalpolitiker eine Resolution gegen die Pläne verfasst haben und sich Bürgerinitiativen auf mögliche Klagen vor Gerichten vorbereiten.

Nordhessen verbrauchen erstmals seit 2011 wieder mehr Strom

Der Stromverbrauch in Nordhessen ist im vorigen Jahr zum ersten Mal seit 2011 wieder angestiegen. So wurden 2018 laut den Zahlen des Kasseler Regierungspräsidiums 3,86 Millionen Megawattstunden verbraucht. Das ist ein Anstieg um 1,8 Prozent.

Anteil der regionalen erneuerbaren Energien am Stromverbrauch in Nordhessen.

Ungewöhnlich ist vor allem die Entwicklung im Schwalm-Eder-Kreis, wo die Statistik ein Plus von 22 Prozent aufweist. Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Verbrauch fiel hier von 68 auf 57 Prozent. Dagegen steigerte der Kreis Hersfeld-Rotenburg seinen Anteil von 55 auf 70 Prozent (siehe Grafik).

Für Thomas Flügge von der CDW-Stiftung sind all diese Zahlen Belege dafür, dass das bisherige Engagement bei der Energiewende in der Region nicht ausreicht: „Derzeit wird keiner nach Nordhessen gucken.“

Erneuerbare-Energien-Gesetz hat für Unsicherheit gesorgt

Dafür sei nicht nur die Bundesregierung verantwortlich, die durch das mehrfach novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz und erschwerte Rahmenbedingungen für Unsicherheit gesorgt habe. Andere Kommunen würden konsequenter Beratungen anbieten. 

So gibt es etwa in Freiburg die Kampagne „Dein Dach kann mehr“, die bei Privathaushalten und Geschäftsleuten für Solarstrom wirbt. „Hier haben wir es politisch versäumt, den guten Weg weiterzugehen“, kritisiert er die heimischen Kommunen.

Eine Stadt wie Kassel kann die Energiewenden nicht alleine stemmen

Die Stadt Kassel habe zwar fast jedes öffentliche Dach mit Fotovoltaik-Anlagen ausgestattet, aber um das vom Regionalmanagement ausgegebene 100-Prozent-Ziel zu erreichen, sei auch eine Energiewende von unten nötig: „Öffentliche Dächer reichen nicht. Private Häuser und Gewerbe müssen ebenfalls ran. Das müsste in der Bauleitplanung berücksichtigt werden.“

Was ebenfalls klar ist: Kassel kann die Energiewende nicht allein stemmen. „Der Stadt als größtem Verbraucher und mit geringer Fläche“, sagt Flügge, „ist es unmöglich, sich vollständig aus Erneuerbaren Energien zu versorgen.“

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.