Gläserne Prothesen für Patienten aus ganz Deutschland

Dieser Mann macht seinen Kunden ständig schöne Augen

Exotischer Beruf: Okularist Nikolai Weiss aus Kassel mit seiner Auszubildenden Selina Matschi.

Kassel. Nikolai Weiss hat einen seltenen Beruf: Der Kasseler stellt Augenprothesen her und ist Nordhessens einziger Okularist. Für viele Menschen mit schweren Schicksalen ist er die letzte Hoffnung.

Wer die Werkstatt von Nikolai Weiss betritt, fühlt sich beobachtet. Hunderte Augen blicken aus den Regalen. Ihr Schöpfer im weißen Kittel ist der einzige Okularist in Nordhessen. Als solcher stellt er gläserne Augenprothesen für Patienten aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland her. Ein exotischer Beruf, der in mehrerlei Hinsicht Feingefühl erfordert.

Vor elf Jahren hat sich Weiss mit seinem Institut für künstliche Augen an der Friedrich-Ebert-Straße in Kassel selbstständig gemacht. Zu dem Zeitpunkt hatte der 48-Jährige schon zehn Jahre als angestellter Okularist in Wiesbaden, München und Saarbrücken gearbeitet. Allein die Ausbildung dauert sechs bis sieben Jahre. Denn Augenprothesen aus Glas herzustellen, die von den echten kaum zu unterscheiden sind, erfordert viel Erfahrung.

Das erste Missverständnis, mit dem Weiss aufräumt, ist das des runden Glasauges. „In die Augenhöhle passt keine Glaskugel rein“, sagt der Fachmann. Lediglich die Rohlinge, die der gelernte Glasinstrumentenbauer aus Glasrohren mithilfe eines Bunsenbrenners und seinem Mund selber formt, sind rund. Rund 4500 Stück lagern in seinen Schubladen. „Meine kleinen Diamanten“, nennt Weiss sie.

Im Vergleich: Rohling (rechts) und fertige Prothese.

Aus den Rohlingen fertigt der Okularist für den Patienten eine individuelle, halbrunde Prothese an. Dabei orientiert sich Weiss – insofern vorhanden – an dem gesunden Auge. Augenfarbe, Iriszeichnung, Sklerafärbung (das Weiß in den Augen) und selbst feinste Äderchen werden nachempfunden. „Dafür brauche ich etwa ein bis zwei Stunden.“ Wichtig ist aber nicht nur die Optik, auch die Form muss stimmen, damit der Patient kein Fremdkörpergefühl wahrnimmt und der Lidschluss und Tränenfluss ungehindert sind. Das ist wichtig, denn die Prothesen werden in der Regel ein Jahr benutzt, bevor sie durch eine neue ersetzt werden.

Wenn die Prothese angefertigt und eingesetzt ist, kann diese kaum vom gesunden Auge unterschieden werden. Lediglich bei Augenbewegungen fällt beim genauen Hinsehen auf, dass die Prothese sich nicht ganz synchron mitbewegt.

Viel Fingerspitzengefühl benötigt Weiss nicht nur am Bunsenbrenner, sondern auch im Umgang mit seinen Patienten. Weil er sich auf Augenprothesen für Säuglinge und Kinder sowie Patienten, die etwa infolge von Verätzungen oder Verbrennungen schwer zu versorgende Augenhöhlen haben, spezialisiert hat, kommen ihm die Schicksale sehr nahe. Auch viele Kriegsversehrte aus Syrien und Afghanistan werden von Weiss betreut.

„Wir leben in einer visuellen Welt und meine Prothesen haben ja nur eine kosmetische Funktion. Gerade wenn Kinder betroffen sind, erlebe ich oft zerbrochene Eltern“, sagt Weiss.

Wobei er die Erfahrung gemacht habe, dass insbesondere Menschen, die blind geboren sind, später ein selbstständiges und selbstbewusstes Leben führen. „Sie entwickeln Fähigkeiten, die Sehende nicht haben.“

Nikolai Weiss, Friedrich-Ebert-Straße 116. Kontakt: 0561/ 920 68 88. www.wir-machen-augen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.