Blick ins Geschichtsbuch

Nordhessischer Verkehrs-Verbund (NVV) besteht seit 20 Jahren

+
Tausende feierten den NVV-Start: Vor dem Kasseler Hauptbahnhof, der fünf Monate später zum Kulturbahnhof wurde, gab es am 28. Mai 1995 ein großes Fest. Am kommenden Samstag wird dort das 20-jährige Bestehen des NVV gefeiert.

Kassel. Seit 1995 haben es die Fahrgäste in Bussen und Bahnen in Nordhessen leichter. Seither gibt es einen Tarif für die ganze Region, einheitliche Fahrpläne und eine klare Struktur für den öffentlichen Nahverkehr.

Dafür gesorgt hat der Nordhessische Verkehrs-Verbund (NVV), der 1995 gegründet wurde und am Samstag sein 20-jähriges Bestehen feiert. Vor 1995 teilten sich 45 private und öffentliche Verkehrsunternehmen den nordhessischen Markt. Jeder hatte eigene Tickets und Angebote, die kaum aufeinander abgestimmt waren. Wer von Borken an die Weser nach Bad Karlshafen fahren wollte, brauchte drei Fahrkarten und mindestens einen halben Tag Zeit, weil die Anschlüsse nicht passten und die Wartezeiten lang waren.

Auslöser für die Gründung der Verkehrsverbünde in Nordhessen und gleichzeitig im Rhein-Main-Gebiet war das hessische Gesetz zur Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs. Es entstand als Folge der Bahnreform 1994 und der damit verbundenen Regionalisierung des Schienenverkehrs. Das sollten nach dem Willen des Landtags Verkehrsverbünde übernehmen und dafür das nötige Geld bekommen. In Nordhessen zogen alle Landkreise, die Stadt Kassel und das Land Hessen mit und gründeten den NVV als GmbH. Zwar gibt es heute noch immer 40 Verkehrsunternehmen, aber organisiert und koordiniert wird der Nahverkehr seit 1995 zum Nutzen der Kunden vom NVV. Dessen gesetzliche Aufgabe ist die Weiterentwicklung und Sicherung des Nahverkehrs als leistungsstarkes und umweltbewusstes Mobilitätsangebot für die Menschen in Nordhessen.

Als großer Wurf gilt die Regiotram, deren Start europaweit für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Die Idee, von den Eisenbahnschienen im selben Fahrzeug auf den Straßenbahnschienen direkt in die Kasseler City zu fahren, erspart den Fahrgästen das lästige Umsteigen und damit Zeit. Freilich leidet das annähernd 200 Millionen Euro teure Regiotram-System bis heute unter den Folgen der schwierigen Startbedingungen. Denn für den Betrieb der teuren Züge war zu wenig Geld da. So fuhren die Trams anfangs bloß im Stundentakt, die Strecke nach Hessisch Lichtenau wurde nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Weil es mit einem solchen Takt nicht gelang, viele Fahrgäste zu gewinnen, fahren viele Regiotram-Züge bis heute weitgehend leer durch die Landschaft. Der NVV erreicht einen Preisdeckungsgrad von fast 35 Prozent. Das ist recht ordentlich, denn im Bundesschnitt liegt dieser Wert bei nur rund 25 Prozent. 35 Prozent bedeutet: Nur etwas mehr als ein Drittel der Kosten kommt über die Fahrpreise herein. Etwa zwei Drittel der Kosten müssen durch öffentliche Zuschüsse gedeckt werden. In diesem Jahr sind das rund 123 Millionen Euro.

Chronik des NVV

1995 wird der Nordhessische Verkehrs-Verbund (NVV) gegründet und nimmt im Mai die Arbeit auf. Ein Tarif, einheitliche Fahrpläne und eine klare Struktur in ganz Nordhessen sollen den Fahrgästen die Nutzung des Nahverkehrs erleichtern.

1998 gibt es die ersten Expresslinien im regionalen Busverkehr. Zudem wird die Eisenbahnstrecke Volkmarsen-Korbach reaktiviert – es gibt stündlichen Zugverkehr von Korbach nach Kassel.

1999 werden Fahrradbusse für Freizeitaktivitäten eingeführt, die bis heute in der Sommersaison mit Fahrradanhängern zum Hohen Meißner, in den Reinhardswald und ins Waldecker Land zum Edersee fahren.

2001 startet auf der Bahnstrecke von Kassel nach Hofgeismar-Hümme der Vorlaufbetrieb für die Regiotram. Das Eisenbahnnetz in der Region wird mit dem Straßenbahnnetz in Kassel verknüpft.

2003 Wiedereröffnung der Schienenstrecke von Korbach nach Willingen im Dezember. Zudem wurde eine Zuganbindung nach Nordrhein-Westfalen geschaffen.

2004 Die ersten Regiotram-Fahrzeuge werden ausgeliefert. Weil Teile der Bahnstrecken in der Region nicht elektrifiziert sind, haben die Trams teilweise Dieselmotoren an Bord, um sich auf solchen Strecken ihren Fahrstrom selbst zu erzeugen.

2005 Die erste Regiotram-Strecke zwischen dem Kulturbahnhof Kassel und Warburg geht in Betrieb.

2006 Der NVV führt als erster Verkehrsverbund in Deutschland die Fünf-Minuten-Garantie ein. Bei mehr als fünf Minuten Verspätung am Ankunftsort gibt es den Fahrpreis zurück. Für Inhaber von Zeitkarten wird der anteilige Fahrpreis erstattet.

2007 Der Bahntunnel unter dem Kulturbahnhof ist fertig. Jetzt fahren die Regiotram-Züge direkt in die Kasseler Innenstadt weiter. Für Menschen ab 60 Jahren bietet der NVV eine Jahreskarte für ganz Nordhessen für 560 Euro an, eine Partnerkarte kostet 280 Euro.

2008 Drei neue Regiotram-Haltestellen Vellmar-Einkaufszentrum, Kassel-Jungfernkopf und Kassel-Kirchditmold verbessern die Fahrzeiten in die Kasseler Innenstadt.

2009 Eschwege wird im Dezember nach 25 Jahren Busverkehr auch wieder an das Eisenbahnnetz angebunden.

2015 Die stillgelegte Eisenbahnstrecke zwischen Korbach und Frankenberg wird reaktiviert.

Zahlen zum öffentlichen Nahverkehr in der Region

Der Nordhessische Verkehrs-Verbund (NVV) feiert am kommenden Samstag, 26. September, sein 20-jähriges Bestehen mit einem großen Fest im Kasseler Kulturbahnhof. Wir nennen Zahlen zum Jubiläum.

4 Regiotram-Linien nach Hofgeismar, Wolfhagen, Melsungen und Schwalmstadt-Treysa gibt es. Die Tramzüge fahren sowohl auf Eisenbahnschienen als auch auf Straßenbahnschienen direkt in die Stadt Kassel. Die Fahrgäste brauchen nicht mehr von der Eisenbahn in die Straßenbahn umzusteigen.

7 Straßenbahnlinien gibt es in Kassel. Seit 1877 fährt in der Stadt die Tram, anfangs wurden die Fahrzeuge mit Dampf angetrieben oder von Pferden gezogen. Heute fährt die elektrische Straßenbahn auch bis Baunatal, Vellmar und Hessisch Lichtenau.

17 Bahnlinien verkehren insgesamt in Nordhessen: Regional- und Regionalexpress- sowie Intercity-Züge, Cantus und Kurhessenbahn.

97 Bahnstationen gibt es im NVV-Gebiet, das von Hofgeismar bis Bad Hersfeld und von Frankenberg bis Eschwege reicht.

123 Fahrkarten-Verkaufsstellen hat der NVV in Nordhessen. Auch an den 225 Fahrkartenautomaten an Haltestellen und in den Fahrzeugen können Fahrgäste ihre Tickets bekommen.

900 Busse sind auf 260 Buslinien in der Region unterwegs. Darunter sind sechs Nachtschwärmer-Linien in Kassel sowie sechs spezielle Fahrradbuslinien für Radler, die nicht die ganze Strecke strampeln, sondern ein Stück mit dem Omnibus fahren wollen.

6786 Bushaltestellen gibt es im NVV-Gebiet. In Kassel werden möglicherweise mehrere Busstopps entfallen, weil die Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) an einer Netzreform arbeitet und vor allem bei den Buslinien Einschnitte plant.

45.000 Fahrgäste können in den Bussen gleichzeitig auf Sitzplätzen befördert werden. Zuzüglich der Stehplätze passen sogar 72.000 Fahrgäste in die Busse.

8.500.000 Zugkilometer werden im Jahr gefahren, bei den Buskilometern werden jährlich sogar 81 Millionen Kilometer erreicht.

115 Mio. Fahrkarten wurden in den vergangenen 20 Jahren verkauft und insgesamt 900.000 Ausbildungs-Jahreskarten ausgegeben.

1400 Mio.  Fahrgäste wurden in 20 Jahren vom NVV in Nordhessen insgesamt befördert.

Festprogramm

Nicht nur der NVV feiert sein 20-jähriges Bestehen, sondern auch der Kulturbahnhof. Ab 14 Uhr gibt es am Samstag, 26. September, rund um den Kulturbahnhof ein Fest mit Künstlern, Werkstätten, Initiativen und natürlich dem NVV. Das Programm finden Sie hier: 20 Jahre Kulturbahnhof

Lesen Sie auch:

Vor 20 Jahren wurde Kassels Kulturbahnhof eröffnet - Fest am 26. September

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.