50 Personen kontrolliert

Brennpunkt Kasseler Stern: 70 Polizisten bei Großrazzia im Einsatz

Viel Polizei in der Jägerstraße und Unteren Königsstraße: Am gestrigen Abend kontrollierten 70 Polizisten rund 50 Personen. Darunter waren etliche, die der Polizei bekannt sind. Drogen wurden beschlagnahmt.

Kassel. 70 Polizisten haben am Donnerstagabend die Jägerstraße abgeriegelt, zwei Gaststätten und eine Spielhalle durchkämmt. Dabei wurden Heroin und Haschisch gefunden. Wir waren vor Ort.

Aktualisiert am Freitag, 2.6.17 um 7.20 Uhr: Gestern Abend in der Unteren Königsstraße: Alles ist wie immer. Menschen aus allen möglichen Ländern gehen ihren Geschäften nach, essen in Restaurants, kaufen beim Bäcker Brot. Vermutlich wird irgendwo auch Rauschgift gehandelt. Alles wie immer also.

Um 19.38 ist alles anders: Polizeiwagen fahren vom Holländischen Platz kommend vor, riegeln die Jägerstraße ab, kesseln das Restaurant Tat Urfa an der Ecke zur Unteren Königsstraße ein. Niemand kann raus, niemand rein.

Die, die so eingekesselt sind, bleiben ruhig. Es gibt noch nicht einmal laute Stimmen, die sich beschweren. Die Großrazzia ist so geräuschlos wie ein Fußballspiel, bei dem die Fans ausgeschlossen wurden.

Der Vergleich hinkt. Denn so etwas wie Fans sind da. Schaulustige ist der bessere Begriff. Sie begaffen die Szenerie. Zücken auf der anderen Straßenseite die Handys, machen Videos, knipsen. Sie gucken zu. Sind neugierig. Könnte ja was Interessantes passieren. Hier auf der anderen Straßenseite der Unteren Königsstraße, stadtauswärts rechts, ist man auf der sicheren Seite. „Hier ist es gut“, sagt ein Geschäftsmann. „Da drüben, da ist es schlecht.“

Niemand kam rein, niemand kam zunächst raus: Das Restaurant Tat Urfa war zu Beginn der Razzia von der Polizei abgeriegelt worden.

Und dagegen müsse etwas getan werden, lautet an diesem Abend der einhellige Tenor der Schaulustigen. Es meckert niemand über den Polizeieinsatz. Im Gegenteil. „Was wir uns wünschen, ist mehr Präsenz der Polizei“, sagt einer, der vor dem Friseur steht. „Am besten müsste hier jeden Tag ein Polizeiauto stehen. Dann würde sich was ändern.“

Auf der anderen Seite der Straße, der schlechten, ist die Polizei mittlerweile an drei Orten aktiv: Im türkischen Restaurant Tat Urfa, in der Lions-Bar auf der Rückseite des Restaurants sowie in einer benachbarten Spielhalle.

Die Gäste des Tat Urfa zeigten sich weitgehend unbeeindruckt. Sie beißen weiter ins Fladenbrot, schaufeln Döner in sich hinein und löffeln Suppe. Nur einer ist aufgeregt: Ekem Eyibilen, Besitzer des Restaurants. Natürlich findet er, dass sein Geschäft durch den Polizeieinsatz geschädigt wird. Obwohl: Er ist kein Feind der Polizei. „Was soll ich machen, wenn die Drogenhändler in meinem Lokal ihre Geschäfte abwickeln? Die haben sogar schon meine Tür eingetreten und in meinem Briefkasten liegen immer wieder Rauschgiftpakete.“

Ekem Eyibilen hat was gemacht, wie er sagt: „Ich habe dann die Polizei gerufen. Aber die macht ja nichts.“

Gestern Abend macht sie was. Holt immer wieder Gäste aus dem Lokal, bringt sie zu einem High-Tech-Fahrzeug, in dem Fingerabdrücke kontrolliert und Papiere auf ihre Echtheit hin überprüft werden können.

Das dauert, und so lange ist das Tat Urfa eine geschäftsfreie Zone. Für normale Gäste und Rauschgifthändler.

Um 20.25 Uhr ist das Lokal leer. Ekem Eyibilen kann anders als die Polizei ein Fazit ziehen. Das Geschäft war gestern miserabel.

Die Bilanz der Aktion

Die Bilanz der rund zweistündigen Aktion, die um 19.38 Uhr begann: 50 Personen wurden überprüft. Darunter hätten sich etliche befunden, die bei der Polizei aktenkundig sind, sagt Polizeisprecher Torsten Werner. Bei zwei Personen wurden Haschisch, bei einer Heroin gefunden.

Bereits am Mittwoch hatte die Polizei einen 23 Jahre alten Syrer festgenommen. Er steht im Verdacht, am vorigen Sonntag einen 32-Jährigen mit türkischen Wurzeln mit mehreren Messerstichen verletzt zu haben. Das Opfer hatte den Verdächtigen am Donnerstagnachmittag an der Unteren Königsstraße wiedergesehen und die Polizei gerufen. Der Festgenommene gestand die Tat. Er gab an, sich in einem Streit um Geld gegenüber dem 32-Jährigen nur verteidigt zu haben.

50 Personen kontrolliert: Großrazzia der Polizei am Stern

Wie berichtet, war die Situation am Rande der Kasseler Innenstadt in den vergangenen Wochen eskaliert. Es gab Messerattacken mit Schwerverletzten und andere Gewalttaten. Die Polizei erhöhte deswegen ihre Präsenz am Stern. Mit Erfolg: Am vergangenen Dienstag wurde ein 23 Jahre alter Tunesier festgenommen, der unter den Augen der Beamten mit Kokain gedealt hatte.

Die Razzia am Donnerstagabend verlief weitgehend ohne besondere Vorkommnisse. Verdächtige, die kontrolliert wurden, leisteten keinen Widerstand. Die Polizei reagierte mit der Razzia auch auf die Klagen vieler Anrainer. Sie berichteten, dass es „so schlimm wie nie“ im Quartier am Stern zugehe.

Dealer und Hehler seien schon tagsüber überall aktiv. Anwohner und Geschäftsleute vermuten, dass rivalisierenden Drogenbanden um das Gebiet kämpfen. Vor allem Araber und Kurden würden sich bekriegen.

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