Forschung

So bleibt die Krone bombenfest: Uni Kassel entwickelt neue Klebtechnik für Zahnersatz

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Implantate ersetzen immer häufiger fehlende Zähne: Kasseler Wissenschaftler wollen dafür sorgen, dass darauf angebrachte Kronen künftig besser halten. Der Anstoß für die Forschung kam von der Zahntechniker-Innung. Hier der Blick in ein Gebiss-Modell.

Kassel. Wer mehrere Zähne durch Karies oder einen Unfall verloren hat, muss heute nicht mehr unbedingt auf ein künstliches Gebiss, die sogenannten „dritten Zähne“ zurückgreifen.

Die Zahnmedizin kann natürliche Zähne durch das Einbringen von Implantaten aus Titan in den Kieferknochen ersetzen. Auf dem Implantat-Pfosten wird dann eine Keramik-Krone befestigt. Doch nicht selten endet die Freude des Patienten über die neuen Zähne nach einer Weile: Die Krone wackelt plötzlich, im schlimmsten Fall wird dann auch das Implantat selbst in Mitleidenschaft gezogen und muss ersetzt werden. 

Für den Betroffenen ist das über Monate eine langwierige und schmerzhafte Prozedur. Wissenschaftler der Universität Kassel wollen nun im Rahmen eines Forschungsprojekts dafür sorgen, dass Kronen künftig bombenfest auf dem Implantat halten. Sie entwickeln eine neue, standardisierte Klebtechnik und entsprechende Anwendungsmethoden für Zahnlabore und einen bundesweiten Leitfaden für die Zahntechniker-Innungen. 

„Die bisher üblichen Klebverfahren sind so fehleranfällig, dass es selbst bei größter Sorgfalt zu Ablösungen kommen kann“, sagt Prof. Dr. Stefan Böhm, Leiter des Fachgebiets Trennende und Fügende Verfahren der Universität Kassel. Auf Keramik haften die bei Zahntechnikern gängigen Klebstoffe relativ gut. „Das Versagen liegt eher auf der Titanseite“, erläutert Philipp Link, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Fachgebiets. Das Titan besitze eine Art Schutzschicht, die die chemische Reaktion mit dem Klebstoff erschwere. Außerdem sei diese Fügestelle extremen Kräften – Zug und Druck gleichermaßen –, einem aggressiven Speichelmilieu und Temperaturschwankungen ausgesetzt. 

Die Forscher wollen nun vor allem die Vorbehandlung des Implantat-Pfostens optimieren, um eine bessere chemische Verbindung zwischen Klebstoff und Metall zu erreichen. Dabei werden verschiedene Methoden ausprobiert, beispielsweise ein spezielles Sandstrahlverfahren oder ein Beschuss mit dem Laser. Außerdem wird die Haltbarkeit der Klebung anhand von Druckscherproben überprüft. 

„Ziel soll ein Klebverfahren sein, dass sich auch kleinere Zahntechnikerlabore leisten können und das praktikabel ist“, sagt Prof. Dr. Böhm. Die Wissenschaftler benutzen für ihre Versuche einen marktüblichen Dentalklebstoff, der von 50 Prozent aller Zahnlabore verwendet wird. Diese Auswahl wurde nach einer bundesweiten Befragung von 90 Dentallaboren getroffen.

Zuschuss von 212 000 Euro

Das Projekt Zahnfee ist auf zwei Jahre angelegt und läuft noch bis September 2018. Es wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie über die Arbeitsgemeinschaft industrieller Fördervereinigungen „Otto von Guericke“ e. V, bezuschusst. An die Universität Kassel fließen 212 000 Euro. Die Kasseler Forscher kamen bei dem Projekt ins Spiel, weil sie das Naturwissenschaftliche und Medizinische Institut Reutlingen (NMI) als Klebespezialisten einschaltete.

Hintergrund:

Dienstleister für Industrie und Wissenschaft

Das Fachgebiet Trennende und Fügende Fertigungsverfahren (tff) ist Teil des Instituts für Produktionstechnik und Logistik der Universität Kassel. Es ist für Lehre und Forschung in den Bereichen Fertigungstechnik, Produktionstechnik, Schweißtechnik, Klebtechnik, Spantechnik, Automatisierungstechnik und Strahltechnik im Bereich Maschinenbau verantwortlich. Darüber hinaus bietet das tff Dienstleistungen für Industrie und Wissenschaft in den genannten Bereichen.

Infos unter http://www.tff-kassel.de

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