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Nach schockierendem Video aus Kassel: Sanitäter spricht erstmals über Vorfall in Flüchtlingsunterkunft

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Einsatz mit Folgen: Ein Video aus der Flüchtlingsunterkunft an der Leipziger Straße sorgte im März dieses Jahres für Aufsehen (Archivbild).
Einsatz mit Folgen: Ein Video aus der Flüchtlingsunterkunft an der Leipziger Straße sorgte im März dieses Jahres für Aufsehen (Archivbild). © dpa

Der Fall eines Sanitäters, der einen gefesselten Geflüchteten geschlagen haben soll, hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Jetzt spricht der Rettungssanitäter.

Kassel – Weil er einen fixierten Flüchtling geschlagen haben soll, wurde gegen einen Kasseler Rettungssanitäter ermittelt. Mittlerweile wurde der Sanitäter nach dem vermeintlichen Faustschlag entlastet. Nun spricht er erstmals über den Vorfall. „Ich habe Rettungsdienst mit Leib und Seele gemacht“, sagt der 45-jährige Notfallsanitäter. Oft sei er auch für Kollegen eingesprungen, wenn er freigehabt hätte. So auch in der Nacht zum Sonntag (08.11.2020). Eine Kollegin vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) der Wache in Bettenhausen habe sich krankgemeldet. „Sonst wäre ich mit dem Hintern im Bett geblieben“, sagt der Mann.

Diese Entscheidung hat der Notfallsanitäter seitdem mehrfach bereut. „Wenn ich könnte, würde ich das Rad der Zeit zurückdrehen.“ Denn in dieser Nacht brach sein bisheriges Leben fast zusammen, nachdem es zu einem Zwischenfall in der Flüchtlingsunterkunft am Leipziger Platz mit einem Patienten gekommen war. Der 45-Jährige, gegen den kürzlich ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung von der Staatsanwaltschaft Kassel eingestellt worden ist, schildert gegenüber der HNA erstmals seine Sicht der Geschehnisse.

Kassel: Der Sanitäter spricht über den Abend in der Unterkunft

Ein Mitarbeiter der Flüchtlingsunterkunft habe in der Nacht den Rettungsdienst gerufen, weil ein alkoholisierter Bewohner, ein heute 33-jähriger Syrer, aus seiner Sicht hilfsbedürftig gewesen sei. Er und seine Kollegin hätten sich des Patienten angenommen. „Er hat uns wahrgenommen und auf unsere Fragen reagiert“, sagt der 45-Jährige. Der Patient habe zu verstehen gegeben, dass er keine Hilfe benötige und nicht ins Krankenhaus wolle. Er habe mitgeteilt, dass er Alkohol getrunken habe.

Als es darum ging, ob er womöglich mitgenommen werden sollte, sei der zunächst hilflose und ruhige Patient ihm und seiner Kollegin negativ gesonnen gewesen. Er habe die Hände auf die Brust gelegt und „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen. Er habe sich bedroht gefühlt und sich deshalb zurückgezogen, sagt der Sanitäter. Der Kollegin habe er signalisiert, die Polizei zu rufen.

Kurze Zeit später seien zwei Beamte eingetroffen. Als der Syrer die Polizisten gesehen habe, sei das so gewesen, als habe man fünf Liter Benzin ins Feuer gegossen, sagt der Sanitäter. Der Mann habe wild geschrien. Ein Polizist habe zu ihm gesagt, er möge sich beruhigen. Das sei aber nicht der Fall gewesen. Stattdessen habe der Mann eine Aluleiter, die an der Wand gelehnt war, über den Kopf genommen und damit alle Anwesenden bedroht. „Ich weiß nicht, ob er die Leiter schmeißen oder damit schlagen wollte.“

Vorfall in Kassel: Polizei setzte Pfefferspray ein

Ein Polizist habe daraufhin Pfefferspray in Richtung des Mannes gesprüht. Zur Gefahrenabwehr. Er sei maßlos erschrocken gewesen, dass der Patient darauf auch nicht reagiert habe. Dann sei der Mann allerdings in seinem Erbrochenen ausgerutscht und auf den Boden gefallen. Er habe den Polizisten dann geholfen, ihm Handschellen anzulegen. Zu diesem Zeitpunkt habe der Patient damit angefangen, um sich zu spucken und zu treten. Jetzt sei auch klar gewesen, dass er nicht in der Unterkunft bleiben konnte – er sollte entweder in Gewahrsam des Polizeipräsidiums oder in ein Krankenhaus gebracht werden. Niemand habe wissen können, was der Mann alles konsumiert habe.

Zusammen mit den Polizisten habe man den Mann auf eine Trage geschafft. Währenddessen habe dieser die ganze Zeit weiter um sich gespuckt, sagt der Sanitäter. Er sei an Beinen und Bauch getroffen worden. „Bespuckt zu werden, ist generell nicht schön. Noch weniger, wenn man Angst haben muss, mit Corona infiziert zu werden“, sagt der Sanitäter. Er habe den Patienten aufgefordert, dies zu unterlassen. Er habe dann die Gurte der Trage schließen wollen. Spucke habe ihn am Arm getroffen. Ein Polizist habe daraufhin zu ihm gesagt, er soll den Gurt offenlassen. In diesem Moment habe ihn der Patient direkt ins Gesicht gespuckt. „Es war ein Treffer ins linke Auge“, sagt der Sanitäter.

Kassel: Arzt konnte keine Schwellung bei dem Geflüchteten feststellen

Der Sanitäter habe bewusst gegen das sechs Zentimeter dicke Schaumstoffkopfteil der Trage geschlagen, um ein Zeichen zu setzen. Er habe dem Patienten damit zu verstehen geben wollen, dass jetzt Schluss sei. „Wie bei einem Schlag auf den Tisch.“ Durch den Schlag habe sich der Kopf des Patienten zwar bewegt, aber er habe ihn dabei nicht verletzt, sagt der Sanitäter. Solch einen Einsatz habe er zuvor noch nie erlebt.

Da die Sanitäter nicht wussten, ob der Mann noch ins Krankenhaus muss, seien sie dabei gewesen, als ein Arzt ihn im Gewahrsam untersucht und mit ihm in seiner Muttersprache geredet habe. Der Arzt habe auch einen Alkoholtest gemacht. Und kam zum Schluss, dass der Flüchtling gewahrsamsfähig ist. Eine Schwellung im Gesicht sei nicht festgestellt worden. Der Mann habe auch nicht über Schmerzen geklagt.

Der Sanitäter über die Kündigung nach dem Vorfall in Kassel

Drei Tage später sei er von seinem Dienststellenleiter aufgefordert worden, eine Stellungnahme zu dem Einsatz zu schreiben, sagt der Sanitäter. Er habe sich zunächst nichts dabei gedacht. Am Donnerstagnachmittag seien dann der Dienststellenleiter und der Geschäftsführer des ASB auf die Wache gekommen und hätten ihn ins Büro zitiert. Dort sei ihm mitgeteilt worden, dass er sein Arbeitsverhältnis als beendet betrachten könne. Es gebe ein Video von dem Vorfall am Samstag, das bei der Stadt Kassel, dem Träger des Rettungsdienstes, vorliege. Fristlose Kündigung, keine Abfindung. Man habe ihm nicht mal mehr die Möglichkeit zu einem Gespräch gegeben. Mit einer Abmahnung wäre er sogar einverstanden gewesen.

Die fristlose Kündigung habe später vor dem Arbeitsgericht keinen Bestand gehabt, sagt der Sanitäter. Sie wurde in eine fristgerechte Kündigung umgewandelt. Er hatte zu dem Zeitpunkt 158 Tage Urlaub mit Überstunden. Die Staatsanwaltschaft Kassel eröffnete zudem ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen des Verdachts der Körperverletzung.

Zunächst sei für ihn alles weggebrochen, sagt der Sanitäter. Seine Frau und er hatten 2018 gebaut und waren finanziell gut aufgestellt. Plötzlich war er arbeitslos. Anfang 2021 gab es Hoffnung: Er bewarb sich beim ASB Hann. Münden. Den Dienststellenleiter dort habe er aus Kassel gekannt. Er habe mit offenen Karten gespielt und mitgeteilt, was passiert sei. Dennoch habe man ihn eingestellt, weil man seine Arbeit geschätzt habe. Dreimal arbeitete er dort. Dann kam der Donnerstag (11.03.2021). Und alles brach zusammen.

Kassel: Sanitäter äußert sich über die Berichterstattung

Die Bild-Zeitung veröffentlichte an diesem Tag das Video aus der Unterkunft, in dem angeblich zu sehen war, wie der Rettungssanitäter den fixierten Flüchtling mit der Faust ins Gesicht schlägt, und titelte: „Dieses Skandal-Video schockt Deutschland.“ In der Folge wurde bundesweit über den prügelnden Sanitäter aus Kassel berichtet.

„Es brach die Hölle über uns herein. Da habe ich erfahren, was wirklich schlimm ist“, sagt der 45-Jährige. Von einem Kollegen, der bei einem anderen Rettungsdienst arbeitet, sei er in einer Tankstelle mit den Worten „Da ist ja der Schläger aus Kassel“ bedacht worden. Er verlor auch seinen neuen Job. Er habe zu diesem Zeitpunkt erstmals das Video gesehen.

Die Berichterstattung der Boulevardpresse habe sein Leben nachhaltig verändert. Aber so, wie es in den Medien behauptet worden sei, sei es nicht gewesen: Er habe bewusst die Kopfschale getroffen, um zu signalisieren, dass die Spuckattacken ein Ende haben müssten.

Rettungssanitäter flüchtet aus seinem Haus vor der Presse

An dem Freitag habe ein Reporter mehrmals an seiner Haustür geklingelt. Im Feldweg hätten Autos mit fremden Kennzeichen gestanden. „Meine Frau und ich waren im Schockzustand. Um dem zu entkommen, musste ich nachts aus dem Haus flüchten. Ich bin ohne Licht zur Autobahn gefahren, damit mich niemand verfolgt“, sagt der 45-Jährige. Er habe seine Schwiegereltern, die mehrere hundert Kilometer entfernt wohnen, aufgesucht, um vier Wochen von der Bildfläche zu verschwinden.

Auch von dort habe er die Kommentare zum Video verfolgt. Es habe ja auch Applaus aus der rechten Ecke gegeben, dass „endlich mal einer durchgreift“. Von solchen Aussagen wolle er sich ausdrücklich distanzieren, sagt er. Die Herkunft des Patienten habe bei seiner Reaktion keine Rolle gespielt. „Das hätte auch ein Italiener oder Deutscher sein können.“

Der Sanitäter über die Verletzung des Geflüchteten

Der Syrer und sein Anwalt hatten gegenüber der Bild-Zeitung behauptet, dass der 33-Jährige durch den Schlag eine doppelte Jochbeinfraktur erlitten habe. Ein fachärztliches Attest und entsprechende Röntgenbefunde darüber seien bei der Staatsanwaltschaft Kassel nie eingereicht worden. Ein ärztlicher Befund, der offenbar der Bild-Zeitung vorliegt, attestierte dem Flüchtling zwölf Tage nach dem Schlag einen doppelten Bruch des Jochbeins.

Ein Rechtsmediziner, der im Auftrag der Staatsanwaltschaft Kassel ein Gutachten fertigte, sei zu dem Ergebnis gekommen, dass solch eine Jochbeinfraktur nur durch einen Frontalschlag ins Gesicht herbeigeführt werden könne. Der Sanitäter hatte aber von der Seite geschlagen, wie das Video zeigt. Das Ermittlungsverfahren gegen den 45-Jährigen wurde eingestellt.

Sanitäter leidet unter dem Vorfall in Kassel

„Ich kann mittlerweile nachvollziehen, dass jemand, der kein funktionierendes Umfeld hat, Suizid begeht“, sagt der 45-Jährige, der seit März wieder arbeitslos ist. Hätte er nicht den Halt seiner Frau, Familie und Freunde, wüsste er nicht, was passiert wäre. „Die letzten zwölf Monate waren nicht schön.“ Vor dem Vorfall sei er ein tatkräftiger und fröhlicher Mensch gewesen. Jetzt gehe er einmal in der Woche zur Therapie, nehme Antidepressiva und leide unter Panikattacken.

Mittlerweile könne er sich auch nicht mehr vorstellen, als Sanitäter zu arbeiten. „Ich hätte Angst, erneut in eine ähnliche Situation zu geraten.“ Zudem sei die Erfahrung für ihn sehr schlimm gewesen, wie mit einem umgegangen wird, wenn nicht alles nach Plan laufe. „Mein Arbeitgeber hat mich einfach fallen lassen.“

Nachdem das Ermittlungsverfahren gegen ihn jetzt eingestellt worden ist, habe sich übrigens niemand bei ihm entschuldigt, sagt der 45-Jährige. „Auf den Zug der Vorverurteilung sind ja alle schnell aufgesprungen.“

Kassel: Das sagte der Geflüchtete nach der Berichterstattung

Der mittlerweile 33-jährige Flüchtling hatte sich im März dieses Jahres gegenüber der Bild-Zeitung geäußert. Dort hatte er auch versucht, sein aggressives Verhalten, das zu dem Einsatz geführt hatte, zu erklären. Einen Tag zuvor sei seine Cousine in der Türkei gestorben. Deshalb habe er sich Whisky gekauft und sich betrunken. Die Randale, die daraus in der Unterkunft entstanden sei, tue ihm sehr leid. Dafür wolle er sich „bei allen entschuldigen“. Er hatte gegenüber der Bild-Zeitung auch gesagt, dass er sich an nichts erinnern könne. (Ulrike Pflüger-Scherb)

ASB weist Vorwürfe zurück

Nach dem Gespräch mit dem Sanitäter haben wir dem ASB die Möglichkeit gegeben, erneut Stellung zu nehmen. Matz Mattern, Landesgeschäftsführer des ASB, hat sich folgendermaßen geäußert: „Der ASB steht für ein friedfertiges und gewaltfreies Hilfsangebot. Für uns sind Werte wie Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Toleranz elementare Grundlagen unserer täglichen Arbeit. Die damaligen Vorgänge in Kassel sind mit diesen Werten in keiner Weise vereinbar. Sie stehen ihnen vielmehr fundamental entgegen. Wer die Berichterstattung im Frühjahr 2021 verfolgt hat, wird verstehen, was ich meine. Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft Kassel nehmen wir zur Kenntnis. Ich werde und möchte diese nicht kommentieren, zumal sie mir nicht schriftlich vorliegt.

Die juristische Bewertung der Staatsanwaltschaft ändert aber ohnehin nichts an unserer Einschätzung des Vorgangs. Selbstverständlich haben die Kollegen vor Ort im Nachgang des Vorfalls und im Vorfeld unserer Entscheidungen ein Gespräch mit dem Mitarbeiter geführt.

Mit dem ehemaligen Mitarbeiter wurde im Weiteren ein gerichtlicher Vergleich geschlossen, der von beiden Seiten akzeptiert wurde. Damit wurde das Arbeitsverhältnis einvernehmlich beendet.“

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