Die Seelsorger des Kasseler Klinikums sind in der Weihnachtszeit besonders gefragt

Notrufe der Intensivstation

A. Römer-Bornmann

Kassel. Vor der Madonnen-Skulptur flackern viele kleine Kerzen. Es sind Lichter, die aus Sorge, Verzweiflung und Dankbarkeit entzündet wurden. Die Kapelle im Klinikum Kassel ist das ganze Jahr über ein Rückzugs- und Besinnungsort für Patienten und Angehörige. Jetzt jedoch, in der Weihnachtszeit, wird sie häufiger besucht und auch die Klinikseelsorge ist öfter gefragt.

Klinikpfarrerin Adelheid Römer-Bornmann erfährt dies vor allem bei ihrer Arbeit im zum Klinikum gehörenden Ludwig-Noll-Krankenhaus für psychische Erkrankungen. Bereits in der Adventszeit sei die Klinik voll belegt. Denn in dieser Zeit leiden psychisch kranke Menschen noch mehr unter Einsamkeit und dem häufigen Verlust sozialer und familiärer Kontakte, weiß sie.

Junge Frauen häufig krank

Dabei seien immer mehr junge Frauen, auch mit Kindern, psychisch erkrankt, häufig zeigen sie Psychosen, hat die evangelische Klinikpfarrerin erfahren. „Manche sind völlig überfordert mit ihrem Kind und ihrem Leben“, sieht sie als eine Erklärung. Häufig fehle in den Familien die Tagesstruktur und der Rückhalt, mitunter sei auch Armut ein Grund für psychische Krisen oder Erkrankungen, mutmaßt der katholische Klinikpfarrer Thomas Meyer, der auch am Marienkrankenhaus Dienst tut. „Viele sind völlig auf sich allein gestellt.“

Im Klinikum sind es häufig Notrufe von der Intensivstation und der neuen Zentralen Notaufnahme, die die Klinikseelsorger erreichen. „Die Familien sind oft sehr betroffen, wenn ein Angehöriger schwer erkrankt“, sagt Adelheid Römer-Bornmann. Die Einträge im Gästebuch in der Klinik-Kapelle erzählen von solchen Schicksalen. Von Kindern, die zu früh oder krank auf die Welt gekommen sind sowie den Ängsten und Sorgen der Eltern. Von schweren Krebserkrankungen, die erneut ausbrechen. Aber auch von erlösenden Diagnosen, von Hoffnung, Heilung und Dankbarkeit. Oft schreiben sich hier Patienten die Angst vor einer Operation oder einer Therapie von der Seele.

Häufig rufen auch Schwestern und Pfleger die Klinikseelsorger an, wenn Patienten in solch seelischer Not sind. Viele Patienten, gerade auf Krebs- und auch Herzstationen, begleiten die Seelsorger über eine längere Zeit. „Manche rufen von selbst an und melden sich, wenn sie wieder einmal auf Station sind“, sagt Pfarrer Meyer.

Und häufig sind die acht Mitarbeiter der ökumenischen Klinikseelsorge auf den Stationen unterwegs.

In der Adventszeit bieten sie zudem Andachten auf einzelnen Stationen an. Und in diesem Jahr werden tägliche Adventsandachten - ebenso wie die sonntäglichen Gottesdienste und der Gottesdienst an Heiligabend - live aus der Kapelle in die Krankenzimmer übertragen.

Dass man auch auf diesem Weg die Menschen erreicht, zeigt dieser Gästebucheintrag einer Patientin: „Die Messe hat mir so gutgetan. Ich hatte das Gefühl, sie wäre nur für mich gelesen.“ Fotos: Heise-Thonicke, Träger/nh

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Von Martina Heise-Thonicke

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