Thema Mordfall Yozgat

NSU-Ausschuss: Andreas T. beteuert seine Unschuld

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Plakat mit stilisierten Bildern der mutmaßlichen Mörder des Kasseler Halit Yozgat: Vor dem NSU-Ausschuss in Berlin geht es am Dienstag darum, inwieweit der Hofgeismarer Andreas T. von der Tat etwas mitbekommen hat.

Kassel/Berlin. Der ehemalige Verfassungsschützer Andreas T. aus Hofgeismar hat am Dienstag vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages erneut bestritten, an dem Mord an Halit Yozgat beteiligt gewesen zu sein. „Es waren alles nur Zufälle“, gab er vor dem Berliner Ausschuss an.

Einige Ausschussmitglieder waren da skeptisch. „Sie wollen nichts gesehen, nichts gehört und nichts gerochen haben“, warfen ihm die Grünen vor. Sie hielten Andreas T. die Aussage des früheren Sonderkommissions-Leiters und heutigen Polizeidirektors Gerald Hoffmann entgegen: Der hatte ausgesagt, dass nach den Ermittlungen der Polizei Andreas T. die Schüsse auf Yozgat gehört und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dessen Leiche gesehen haben musste. Andreas T. bestreitet das. „Ich wünschte, ich hätte was gesehen, aber es war nicht so.“

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Unbestritten ist, dass er am Mordtag, dem 6. April 2006, am Tatort an der Holländischen Straße in Kassel war. Am Dienstag wurde bekannt, dass Andreas T. sich nur vier Tage später mit seinem Informanten aus dem rechten Milieu traf. Der hatte beim Bundeskriminalamt ausgesagt, bei dem Treffen habe er sich mit Andreas T. über den Mord unterhalten. Der Verfassungsschützer sei dabei merkwürdig nervös gewesen und habe gestottert.

Andreas T. kann sich daran nicht erinnern. Er gab an, dass die Polizei ihn nach dem Mord zwar als Verdächtigen verhörte, aber nie nach den Namen seiner Informanten gefragt habe. Sechs V-Leute habe er geführt, sagte Andreas T: den Mann aus der rechten Szene und fünf Informanten aus dem Bereich des Ausländerextremismus. Dass die Polizei vom damaligen Innenminister Volker Bouffier daran gehindert wurde, diese Informanten zu befragen, wisse er nicht, sagte Andreas T. Er habe nach dem Mord ein Mal mit seinem obersten Chef, Verfassungsschutzdirektor Lutz Irrgang, persönlich gesprochen. Da sei es um berufliche Perspektiven gegangen. (tho)

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Aktuell: Liveticker von der Ausschuss-Sitzung

+++ [21.15 Uhr] Arbeit der Polizei behindert +++

Der Ausschuss-Vorsitzende Sebastian Ethady warf Irrgang vor, die Arbeit der Polizei blockiert, behindert und ausgebremst zu haben. So habe er abgelehnt, dass Quellen von Andreas T. befragt werden konnten. Diese Entscheidung habe Innenminister Bouffier später bestätigt. Irrgang sagte dazu, er stehe zu seiner damaligen Entscheidung. Es sei eine Prinzipienfrage, Quellen zu schützen.

+++ [20.44 Uhr] "Ohne Bouffier keine Befragung" +++

Knapp zwei Monate nach dem Mord an Halit Yozgat habe der damalige Innenminister Voker Bouffier intern erklärt, dass ohne seine Genehmigung keine Mitarbeiter des Verfassungsschutzes befragt werden dürfen, erklärte Irrgang. Dies sei eine strikte Anweisung gewesen. Der Vater von Halit Yozgat habe damals um ein Gespräch mit Bouffier gebeten. Das habe er befürwortet, sagte Irrgang. Ob das Gespräch statt gefunden habe, wisse er nicht.

+++ [20.08 Uhr] Mordfall Yozgat: "Nicht Herr des Verfahrens" +++

Bei den Ermittlungen im Mordfall Yozgat sei er nicht Herr des Verfahrens gewesen, sagte Irrgang. Das Innenministerium habe ausdrücklich erklärt: "Keinen Schritt mehr ohne uns."

+++ [19.40 Uhr] Nie Probleme mit Kasseler Polizei +++

Mit der Polizei in Kassel habe er nie ein Problem gehabt, sagte der frühere hessische Verfassungsschutz-Direktor Lutz Irrgang. Der Verfassungsschutz habe die Polizei immer unterstützt. Er habe nie abgelehnt, dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft Informanten befragen. Er habe deren Wunsch nach einer Befragung wohlwollend weitergeleitet. Eine Entscheidung, dass Informanten in einem Mordfall nicht befragt werden dürfen, lag auch nicht in seiner Kompetenz, so Irrgang. Zuständig sei dafür das Minsterium. Hessischer Innenminister war damals der heutige Ministerpräsident Volker Bouffier.

Auf der anderen Seite habe der Verfassungsschutz das Interesse, Mitarbeiter und Informanten zu schützen. Informanten des Verfassungsschutzes waren schließlich nicht von der Polizei, sondern vom Verfassungsschutz befragt worden. Irrgang: "Ich bin dankbar, dass wir unsere Informanten so lange retten konnten." Die Polizei habe alles bekommen, was sie für ihre Ermittlungen gebraucht hätte. Er wäre der letzte, der einen Mord nicht aufkläre. Aber er habe auch die Rechte von Andreas T. wahren müssen. Beschwerden der Polizei über eine Behinderung ihrer Arbeit habe er nie gehört.

+++ [19.21 Uhr] Postmitarbeiter zum Verfassungsschutz? +++

Andreas T. sei von seinen Vorgesetzten positiv bewertet worden, sagte Irrgang. Darum habe er ihn auch für die Ausbildung zum höheren Dienst vorgeschlagen. Der Ausschuss-Vorsitzende Sebastian Edathy wollte wissen, ob es üblich sei, dass Postbeamte wie Andreas T. zum Verfassungsschutz gehen. "Das war für mich auch neu", sagte Irrgang. Aber der Verfassungsschutz sei damals in einer "krisenhaften" Situation gewesen und die Post sei in dieser Zeit privatisiert worden.

+++ [19.14 Uhr] Irrgang: WM musste vorbereitet werden +++

Der frühere Chef des hessischen Verfassungsschutzes, Lutz Irrgang, hat der Polizei Vorwürfe gemacht. Sie habe im Fall Yozgat einseitig ermittelt, indem sie Andreas T. verdächtigte. Gleichzeitig verteidigte er seine Entscheidungen in Zusammenhang mit dem Mord an Halit Yozgat. Den Verfassungsschützer Andreas T. bloßzustellen und seine Quellen zu opfern, habe nichts gebracht. Aus Fürsorge, Datenschutzgründen und der Unschuldsvermutung habe man Andreas T. schützen müssen. Außerdem sei man im Jahr 2006 mit den Vorbereitungen der Fußball-WM beschäftigt gewesen. Der Iran spielte in Frankfurt. "Da konnten wir auf keine Quelle verzichten", sagte Irrgang. Der Verfassungsschutz habe nach Recht und Gesetz gehandelt.

+++ [19 Uhr] Lutz Irrgang vor dem Ausschuss +++

Kurz vor 19 Uhr hat nun die Befragung des früheren Direktors des hessischen Verfassungsschutzes, Lutz Irrgang (70), vor dem Ausschuss begonnen.

+++ [15.55 Uhr] Öffentliche Vernehmung beendet +++

Die öffentliche Vernehmung von Andreas T. ist zunächst beendet. Er soll sich aber noch zur Verfügung halten, falls es noch interne Fragen gibt. In öffentlicher Sitzung soll aber als nächstes der Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) gehört werden. Wann hingegen der frühere Chef des hessischen Verfassungsschutzes befragt wird, ist offen. Ein ausführlicher Bericht folgt.

+++ [15.40 Uhr] V-Mann: "Andreas T. war nervös" +++

Der V-Mann aus der Kasseler rechten Szene, der Andreas T. mit Informationen versorgte, war wegen Körperverletzung und Landfriedensbruch verurteilt worden. Sein Verhältnis zu dem Mann beschreibt Andreas T. so: "Man interessiert sich und lässt ihn reden. Eine Freundschaft entwickelt sich daraus aber nicht." Andreas T. hatte auch Kontakt zu dem früheren Chef der Hells Angels in Kassel. Das sei aber nicht dienstlich gewesen, sagte der Verfassungsschützer. Man habe sich vom gemeinsamen Hobby Motorradfahren gekannt.

Mit dem rechten Informanten hatte sich Andreas T. vier Tage nach dem Mord an Halit Yozgat getroffen. Der V-Mann hatte beim Bundeskriminalamt ausgesagt, man habe sich dabei auch über den Mord unterhalten. Andreas T. sei dabei merkwürdig nervös gewesen und habe gestottert. Andreas T. sagte, er könne sich nicht mehr daran erinnern, dass er mit seinem Informanten über den Mord gesprochen habe. Er wolle aber auch nicht behaupten, dass der Mann lüge.

+++ [15.10 Uhr] Nichts sehen, hören und riechen +++

Andreas T. bleibt bei seiner Feststellung, dass er nichts mit dem Mord an Halit Yozgat zu tun hat. "Es waren nur Zufälle", sagte er vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages. "Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte etwas mitbekommen. Aber das war nicht so." Etliche Ausschuss-Mitglieder hatten daran aber Zweifel: "Sie sehen, hören und riechen nichts", hieß es etwa bei den Grünen. Man zitierte Aussagen des da aligen Soko-Leiters Gerald Hoffmann. Der hate ausgesagt, Andreas T. habe die Schüsse auf Halt Yozgat hören und mit großer Wahrscheinlichkeit auch dessen Leiche sehen müssen.

+++ [13.44 Uhr] Suche nach Frauenbekanntschaften +++

Der Vorsitzende im NSU-Untersuchungsausschuss, Sebastian Edathy.

Warum hatte sich Andreas T. nach dem Mord an Halit Yozgat nicht als Zeuge zur Verfügung gestellt, sondern geschwiegen? "Das war ein Fehler", sagte Andreas T. Er hätte sich jemanden anvertrauen müssen, dass er zeitnah am Tatort war. Aber: "Ich hatte Angst." Schließlich habe er im Cafe im Internet nach Frauenbekanntschaften gesucht. Gleichzeitig sei er damals frisch verheiratet gewesen und seine Frau habe ein Kind erwartet. Warum hatte Andreas T. ausgerechnet am Tattag mit seinem Informanten aus der rechten Szene telefoniert? Es sei um Geld gegangen, sagte Andreas T. Denn: "Auch Informanten des Verfassungsschutzes bekommen Geld." Er habe mit dem Informanten "ein bisschen geredet" und dann einen Termin für die Geldübergabe ausgemacht.

+++ [13.30 Uhr] Jahrelang Kunde des Internetcafés +++

Andreas T. bestätigte, dass er jahrelang Kunde im Internetcafé von Halit Yozgat war. Dort sei ihm erlaubt worden, E-Mails auf Diskette herunterzuladen, und die Besitzer seien "nette und freundliche Leute" gewesen. In ein Internetcafé, das sich im Gebäude der Kasseler Außenstelle des Verfassungsschutzes befand, sei er deshalb nicht gegangen.

Den Mord an Halit Yozgat habe er nicht beobachten können, weil er von seinem PC-Platz den vorderen Teil des Cafés nicht einsehen konnte. An weitere Einzelheiten könne er sich heute nicht mehr erinnern, sagte Andreas T.. Auch an ein Schussgeräusch oder an Pulvergeruch könne er sich nicht erinnern. Eine Mordserie - Halit Yozgat war das letzte Opfer - sei ihm zu dem damaligen Zeitpunkt nicht bekannt gewesen.

+++ [13.13 Uhr] Andreas T.: "Bin kein Rechtsextremist" +++

Als er nach dem Mord an Halit Yozgat als Tatverdächtiger galt, sei er drei Mal zu Gesprächen beim Verfassungsschutz in Wiesbaden gewesen, sagte Andreas T. Einmal habe er mit dem Chef des Verfassungsschutzes, Lutz Irrgang, persönlich gesprochen. Dabei sei es nur um seine berufliche Perspektive gegangen.

Einmal habe er sich auch mit seiner unmittelbaren Vorgesetzten beim Verfassungsschutz, Andrea P., in einer Autobahnraststätte getroffen, weil das Gespräch nicht abgehört werden sollte. Bei diesem Gespräch sei es nur um menschliche Dinge wie sein Befinden gegangen. Bei seinen Vernehmungen habe die Polizei nie Fragen nach Namen seiner Informanten gestellt. Dass die Polizei die aber ermitteln wollte, habe er am Rande bei Gesprächen mit der Polizei mitbekommen.

In seiner Jugend habe er sich mit rechtem Gedankengut befasst, sagte Andreas T. Mit zunehmenden Alter sei er davon aber abgerückt. "Ich bin kein Rechtsextremist".

+++ [13.05 Uhr] Bedauern über Opfer der Mordserie +++

Der Hofgeismarer Verfassungsschützer Andreas T. drückte zu Beginn seiner Vernehmung vor dem NSU-Untersuchungsausschuss den Opfern und Angehörigen der rechtsterroristischen Mordserie sein Mitgefühl aus. Bei dem Mord an den Kasseler Halit Yozgat sei er zufällig und aus rein privaten Gründen am Tatort gewesen.

T. erklärte, dass er zunächst als Briefträger und Schalterbeamter bei der Post in Hofgeismar gearbeitet habe. 1994 hatte er sich beim hessischen Verfassungsschutz beworben. "Ich war Mitte 20, ledig und der Job hörte sich interessant an."

Beim Verfassungsschutz führte er schließlich sogenannte V-Leute, die ihm Informationen liefern sollten. Ein Informant kam aus dem rechtsextremistischen Bereich, fünf aus dem Bereich Ausländerextremismus.

+++ [12.10 Uhr] Anhörung in Berlin hat begonnen +++

Andreas T. wird seit 12 Uhr vom NSU-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages verhört. Im Ausschuss hieß es zuvor, man wolle von Andreas T. wissen, ob er mehr gewusst habe, als er bisher gesagt hat. Danach wird der frühere Präsident des Hessischen Verfassungsschutzes, Lutz Irrgang, befragt.

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