Vater des Kasseler Mordopfers sagt aus

NSU-Ausschuss: Yozgats kannten Temme schon lange vor der Tat

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Zeuge im NSU-Untersuchungsausschuss: Ismail Yozgat, der Vater des 2006 in Kassel ermordeten Halit, sagte mit seiner Frau im hessischen Landtag in Wiesbaden aus.

Kassel/Wiesbaden. Bewegend war am Montag die Aussage der Eltern des in Kassel ermordeten Halit Yozgat vor dem NSU-Untersuchungsausschuss. Temme war regelmäßig Gast in Yozgats Internetcafé.

Aktualisiert um 16.56 Uhr - Der Vater betrat den vollbesetzten Sitzungssaal mit einem Schild um den Hals. Darauf ein Kinderfoto seines Sohnes Halit und die Forderung formuliert, die Holländische Straße in Kassel in Halitstraße umzubenennen. "Das wäre unser einziger Trost", so Ismail Yozgat. Der Sohn von Ayse und Ismail Yozgat, Halit Yozgat, war im April 2006 in seinem Internetcafe an der Holländischen Straße in Kassel mutmaßlich vom rechtsterroristischen NSU ermordert worden. Überraschend sagte der Vater aus, der ehemalige Verfassungsschützer Andreas Temme sei bereits zwei Jahre vor der Tat regelmäßig Gast in dem Internetcafe an der Holländischen Straße gewesen. Temme war bis kurz vor oder während der Tat am Tatort, will von dem Mord aber nichts mitbekommen haben.

"Ich kannte Temme. Er kam fast jeden Tag mindestens zwei Stunden in unser Cafe", so Ismail Yozgat. Auch sein Frau Ayse sagte, Temme sei regelmäßig dort gewesen. Er habe die Seiten am Computer, die er zuvor aufgerufen hatte, nie geschlossen. Die Fotos auf dem Bildschirm hätten "alles gezeigt, was an einem Frauenkörper zu sehen ist". Auch ihr Sohn Halit habe Temme gekannt. Ein- oder zweimal sei Temme in Begleitung einer Frau dort gewesen, erinnerte sich Ismail Yozgat. 

Die Rolle des ehemaligen Verfassungsschützers bei dem Mord an seinem Sohn lasse ihn nicht los, sagte Ismail Yozgat. "Entweder er hat die Mörder gesehen und erkannt oder sie geführt. Oder er selbst hat meinen Sohn ermordet", sagte er. Warum sonst sei Temme am Tattag nur 15 Minuten im Cafe gewesen, wo er doch sonst immer etwa zwei Stunden dort verbracht hätte. Warum sonst hätte er sich nicht als Zeuge gemeldet? Zweifel an Temmes Aussage räumten am Montag alle im Ausschuss vertretenen Fraktionen ein.

Um Temme der Lüge zu überführen, forderten die Eltern eine erneute Tatortbegehung. Die damals mit Temme durchgeführte Begehung sei auf ein Lügengerüst aufgebaut, so Ismail Yozgat. Er selbst wolle der Polizei die Situation, wie er sie direkt nach der Tat vorfand, schildern und bat dabei den hessischen Landtag um Hilfe. Als der Ausschussvorsitzende Hartmut Honka (CDU) erklärte, das liege nicht in der Hand des Gremiums, rückte Ismail Yozgat Stühle und Tische zurecht, um den Tatort im Sitzungssaal nachzustellen. 

Dort habe sein Sohn gesessen, dort Temme, so Yozgat. Er schilderte eindringlich, wie er seinem Sohn am Boden liegend fand. Wie er nicht wusste, was passiert war. "Ich habe noch nie zuvor Schusswunden gesehen. Ich sah nur links am Kopf zwei Stellen. Halits Augen waren glasblau", erinnerte er sich. Er habe immer wieder "Halit" gerufen, aber sein Sohn habe nicht geantwortet. Dass Temme den am Boden liegenden Körper seines Sohnes nicht gesehen habe, will er nicht glauben. 

Der Polizei machen die Yozgats keine Vorwürfe. Sie habe nur ihre Arbeit gemacht, auch wenn sie dabei Fehler gemacht hätte und die Familie Yozgat zum Opfer geworden sei. So wurden die Eltern von 2006 bis 2011, als bekannt wurde, dass der NSU mutmaßlich für den Mord an Halit Yozgat verantwortlich ist, observiert. Ihre Telefone wurden abgehört, sie wurden bei Fahrten in die Niederlande, nach Österreich und in die Türkei verfolgt. 

Ayse Yozgat beklagte, sie habe besonders unter den Unterstellungen gelitten, Halit sei in Drogengeschäfte verwickelt gewesen. "Das ist für eine Mutter unerträglich", sagte sie unter Tränen. Sie habe sich fünf Jahre lang nicht mehr alleine aus dem Haus getraut. "Ich hatte Angst, dass die Menschen mich fragen, was mein Sohn angestellt hat". 

Seinen Verdacht, dass dem Mord an Halit ein ausländerfeindliches Motiv zugrunde liegt, habe Ismail Yozgat gegenüber dem Ausländerbeauftragten der Polizei schon kurz nach der Tat geäußert. "Wir wussten, dass Halit nichts mit Drogen zu tun hatte und auch sonst keine Probleme gemacht hat. Es konnte also nur daran liegen", so der Vater. Ob die Polizei dem nachgegangen sei, wisse er nicht. "Wir haben uns nie getraut, Fragen zu stellen. Wir haben immer nur auf Fragen geantwortet".

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